Partnerschaftliche Beziehungsprobleme lösen für hochsensible Menschen

Man schreit sich an, macht dem anderen Vorwürfe und ist enttäuscht, da man vom Partner nicht verstanden wird: Jeder Mensch kennt Beziehungsprobleme und so dramatisch solche Probleme auch sein können, so normal und häufig sind sie. Warum ist das so? In einer Partnerschaft treten zwei Individuen in Beziehung und wie man weiß, gleicht kein Mensch dem anderen. Zwar können sich Interessen, Einstellungen und Ziele ähneln — die Persönlichkeit eines Menschen ist jedoch einmalig. So hat jeder von uns eine andere Geschichte: Erfahrungen prägen uns seit unserer Kindheit und sind einzigartig. Diese Erfahrungen beeinflussen auch unsere Beziehungen…die zu den eigenen Eltern, unseren Freunden und eben auch dem Partner. All das ist auch gut so, denn es wäre doch ganz schön langweilig, wenn man jemanden vor sich sitzen hätte, der einem eins zu eins gleicht.

„In Partnerschaften muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man etwas mehr voneinander.“ — Johann Wolfgang von Goethe

In einer Beziehung geht es also auch darum, Kompromisse einzugehen und eine Lösung für die Probleme des Alltags zu finden. Wie wir an diese Sache herangehen, unterscheidet uns jedoch. Haben unsere Eltern viel Wert auf Kommunikation gelegt und wurden Unstimmigkeiten in Ruhe geklärt, so wird sich dies wahrscheinlich in all unseren zukünftigen sozialen Bindungen widerspiegeln. War es jedoch in unserer Vergangenheit so, dass ein Elternteil sehr dominant war, keine Widerworte geduldet hat und laute Streitereien an der Tagesordnung standen, so kann uns auch dies ein Leben lang begleiten, indem wir uns diese Verhaltensweise zu eigen machen.

Mehr Entspannung durch Veränderung der Sichtweise

Gerade hochsensible Menschen reagieren auf emotionale Unstimmigkeiten im sozialen Umfeld. So reagieren sie besonders empfindlich, wenn zwischenmenschliche Konflikte aufkommen und sie brauchen viel Zeit um diese zu verabeiten. Die Belastung für HSM ist sehr groß und kann sich auf weitere Lebensbereiche auswirken. So kreisen die Probleme bei HSM oft tagelang im Kopf, werden mit auf die Arbeit genommen und in der Nacht raubt ihnen das ständige Kreisen der Gedanken den Schlaf. Deswegen ist es wichtig, dass Rücksicht auf die Hochsensibilität als stabile Persönlichkeitseigenschaft genommen wird und spezielle Strategien erarbeitet werden, welche im Krisenfall eingesetzt werden können. Dadurch lässt sich die Situation entschärfen und die Belastung für Körper und Geist wird gering gehalten. Da, wie bereits erwähnt, unsere individuelle Lerngeschichte uns stark prägt, ist es wichtig, dass hier Veränderungen herbeigeführt werden. Wer alles so machen will, wie er es immer gemacht hat, wird auch weiterhin sensitiv für Beziehungsprobleme sein und unter Stress leiden. Wer jedoch bereit ist etwas an seinem Verhalten und seiner Sichtweise zu verändern, kann ein Leben lang für mehr Entspannung sorgen. Wichtig ist zu verstehen, dass es nicht darum gehen soll, Beziehungsprobleme aus der Welt zu schaffen. Viel mehr liegt der Fokus darauf, einen richtigen Umgang mit diesen zu finden.

„Es sind die kleinen Rechthabereien, die eine große Liebe zermürben.“ — Max Frisch

Hürden in der Partnerschaft

Stelle Dir das Gleichnis vom Turmbau zu Babel vor. Dort wollen Menschen ein Gebäude errichten, das ein festes Fundament hat und stabil bis in den Himmel ragt. Leider sprechen die Menschen unterschiedliche Sprachen und können sich gegenseitig nicht verstehen. So baut jeder für sich sein Eckchen, der Turm wird instabil und droht zusammenzubrechen.

Eine Partnerschaft zwischen einem hochsensiblen Menschen und einem nicht-hochsensiblen kann genau so verlaufen. Beide können sich nicht verstehen, als würden sie verschiedene Sprachen sprechen. Ebenso wie bei „Normalsensiblen“ können auch bei Hochsensiblen Hürden und Herausforderungen in der Partnerschaft auftreten, die durch Unterschiede in Kommunikation, Erwartungshaltung und Belastbarkeit ein mehr oder weniger hohes Konfliktpotential bergen. Per se ist aber eine Partnerschaft mit oder unter Hochsensiblen nicht zwingend problembelastet. Solche Partnerschaften können sehr spannend, liebevoll und harmonisch sein.

Tipps für mehr Harmonie und gegen Beziehungsprobleme

Kommunikation ist das A und O

Generell neigen wir dazu, den anderen analysieren zu wollen. Wir denken, dass unser Gegenüber dieses oder jenes denkt. Das kann stimmen oder, wie in den meisten Fällen, eben nicht. Da wir Menschen lediglich nur vor den Kopf gucken können, ist es wichtig, dass wir anfangen zu reden: Über unsere Gefühle, unsere Gedanken und unsere Ängste. Nur so geben wir unserem Partner die Chance uns zu verstehen und schaffen eine Vertrauenseben, in der sich auch der andere öffnen kann. Wer auf Kommunikation setzt, kann jeden Streit in kurzer Zeit entschärfen.

Um seine/n Partner/in verstehen zu können, braucht es in erster Linie eine offene und unvoreingenommene Kommunikationskultur. Für eine stabile Beziehung ist es elementar wichtig, dass beide Partner im Gespräch bleiben, ihre Gefühle reflektieren und ihre Erwartungen, Wünsche und Grenzen offen und ehrlich artikulieren. Insbesondere für Hochsensible kann es aber schwierig sein, ihre intensive subjektive Wahrnehmung und Interpretation von Situationen von der objektiven Realität zu unterscheiden. Schnell wird so eine Wahrnehmung zum Vorwurf und zu einer unkontrollierbaren Gedankenschraube. Wichtig ist daher für jeden Partner, die eigenen Gefühle und Gedanken in der „Ich-Form“ auszudrücken (Ich habe das Gefühl…) und sich rückzuversichern, dass der Partner/die Partnerin das auch wirklich so meinte (…ist das richtig? = Spiegeln).

Streichen Sie das Wort Schuld aus Ihrem Wortschatz

Natürlich ist oft der andere für die problematische Situation in der Beziehung schuld. Man selbst ist das Opfer und leidet unter der Ignoranz, dem Egoismus oder der Unsensibilität seines Partners. Diese Sichtweise ist einfach und Sie können davon ausgehen, dass dieses „Schuld und Opfer“-Gefühl in früheren Bindungen erlernt wurde. Verabschieden Sie sich davon…und zwar sofort! In einer Beziehung gibt es selten einen Schuldigen, denn ein Miteinander besteht aus einer Interaktion zwischen zwei Menschen. Aktion und Reaktion lautet hier die Devise und natürlich sind in solch einem System Missverständnisse nicht zu vermeiden. Denken Sie daran, dass auch Ihr Gegenüber seine individuelle Lerngeschichte mitbringt und Gründe für sein Verhalten hat.

Durchbrechen Sie das Gedankenkreisen

Hochsensible Menschen neigen dazu, Probleme nicht loszulassen. Der Schmerz der Enttäuschung sitzt tief…einfach vergessen und weitermachen ist nicht möglich. Was oft unbeachtet bleibt: Durch das Nachdenken geraten wir in Interpretationen und einen Selbstdialog, der die negativen Emotionen oft noch weiter verstärkt. Das hilft weder Ihnen noch der Partnerschaft weiter. Versuchen Sie trotz den Problemen, eine positive Sichtweise aufrechtzuerhalten. Schaffen Sie entspannte Momente und versuchen Sie, Ihren Geist nicht zu sehr mit negativen Analysen zu belasten. Sport, Meditation, ein Ausflug in die Natur oder ein nettes Gespräch mit guten Freunden können zu mehr Ruhe beitragen.

Falsche Kompromisse

Das besonders feine Einfühlungsvermögen hochsensibler Menschen kann kontraproduktiv sein, wenn sie im Gespräch nicht aufmerksam darauf achten, bei ihren eigenen Gefühlen zu bleiben. Manche haben ein so starkes Gespür für den Partner, dass sie sich vorwiegend Gedanken über dessen Befindlichkeit machen und entweder dessen Gefühle übernehmen oder versuchen, ihn stellvertretend zu schützen. Falsche Kompromisse und Selbstverleugnung können die Folge sein.

Eine Partnerschaft gelingt aber am besten, wie das Wort schon vermittelt, auf Augenhöhe, wo konstruktive Auseinandersetzungen eben auch wichtig sind. Die Partner lernen durch sie die Handlungsmotivation des anderen kennen und respektieren. Ein sehr ausgeprägtes Harmoniebedürfnis verhindert dagegen wichtige Reibungen und kann eine Beziehung auf Dauer abkühlen lassen, weil mindestens einer der Partner sein Innerstes verleugnet und dann als Partner nicht mehr zur Verfügung steht.

Nähe und Distanz

Viele Hochsensible können den Stress durch Arbeit und alltägliche Anforderungen nur im Alleinsein kompensieren. Ein/e nähebedürftige/r Partner/in kann das unter Umständen nur schwer verstehen und sich abgelehnt fühlen. Generell ist in Beziehungen aber die Balance zwischen Geben und Nehmen, Nähe und Distanz wichtig, damit sich beide als eigenständige Persönlichkeit nicht verlieren. „Zusammen und doch Individuen“ zu bleiben, ist ein wichtiger Schritt zu einer authentischen und autarken Zweisamkeit. Hochsensible haben dann die Aufgabe, ihr Bedürfnis zu erklären und sanft durchzusetzen.

Umgekehrt kann es aber auch sein, dass Hochsensible ein besonders starkes Bedürfnis nach Nähe haben und Abgrenzung als Bedrohung der eigenen Sicherheit oder als Liebesverlust missverstehen. Selbst der kurzzeitige Rückzug des Partners/der Partnerin kann für sie gleichbedeutend sein mit Einsamkeit. Vielleicht haben sie nicht gelernt, den Kontakt mit sich selbst auszuhalten, vielleicht haben sie in ihrem Leben auch viele Verluste erlitten, so dass solche Situationen für sie Stress bedeuten.

Ein gesundes Verhältnis zu sich selbst

Ein gesundes Verhältnis zu sich selbst ist aber wahrscheinlich die wichtigste Voraussetzung für eine gelingende Partnerschaft. Wer mit sich selbst nicht glücklich ist, kann vermutlich auch nicht mit einem anderen Menschen glücklich sein, wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben.

Manche hochsensible Menschen haben gelernt, sich einen starken inneren Kritiker heranzuziehen, der die eigene Art in Frage stellt und vergeblich nach Perfektion strebt. Der Vergleich mit einem überhöhten Selbstbild und eine Idealisierung des Partners/der Partnerin kann ein permanentes Gefühl von Unvollkommenheit verursachen, unsicher und unzufrieden machen.

Hochsensible Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein neigen dazu, sich selbst klein und den Partner groß zu machen. In diesem Fall ist die Beziehung, die sie führen, eher eine symbiotische als eine partnerschaftliche, denn der/die Hochsensible existiert nur über die „Nährung“ durch den Partner/die Partnerin. Eine derartige Beziehung ist ungesund, höchst fragil und voller existentieller Bedrohung. Sie gleicht eher der zwischen Eltern und Kind und beinhaltet häufig eine Projektion längst vergangener Gefühle und Verhaltensmuster in die Beziehung. Aufgrund des hohen Sicherheitsbedürfnisses neigen hochsensible Menschen dann bis zur totalen Selbstaufgabe dazu, alles zu tun, damit der Partner/die Partnerin sie nicht verlässt. Sie können den hinter der Verlustangst liegenden Schmerz meist nicht als einen vergangenen entlarven und vom Partner/von der Partnerin lösen.

Das Fundament einer Partnersachaft

Das Fundament einer Partnerschaft sollte sein, sich mit all seinen Gedanken und Gefühlen zeigen zu dürfen und gleichzeitig aufmerksam und bereit zu sein, sich zu hinterfragen und an sich zu arbeiten.

Auf jeden Fall braucht es viel Geduld, Einfühlungsvermögen und ein Bewusstsein für die Eigenarten der/des anderen. Hochsensible sind umso kompetenter in Beziehungen je mehr sie um ihre besondere Wahrnehmung, ihre Bedürfnisse und Grenzen wissen und den/die Partner/in daran teilhaben lassen. Letztendlich können beide Partner sich ergänzen und voneinander profitieren, wenn sie sich gegenseitig akzeptieren und wertschätzen.

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