Das hochsensible Kind

Zunächst einmal: ein Kind hat auf jeden Fall mehr von authentischen Eltern als von perfekten. Trotzdem stellt sich immer wieder heraus, dass Kinder und insbesondere hochsensible Kinder feste Regeln, Rituale und Grenzen brauchen, um Halt, Orientierung und das „Handwerkszeug“ für die Anforderungen des Lebens zu erhalten. Ein Kind, das Reize, sei es durch die Umwelt, andere Menschen oder sein Innerstes, nur schwer selektieren und priorisieren kann, hat möglicherweise auch Schwierigkeiten sich zu fokussieren und braucht umso mehr Anleitung durch die Außenwelt.

Stabilität, Rückhalt und Selbstvertrauen

Umgekehrt sind wir Menschen zur Orientierung – als Schutz oder zur eigenen Abgrenzung – darauf konditioniert, die Menschen um uns herum zu kategorisieren. So besteht bei hochsensiblen Kindern die besondere Gefahr, dass sie mit Attributen belegt werden, die ihrer wirklichen Art und ihren Bedürfnissen nicht im Geringsten gerecht werden. Damit es derartigen Vorurteilen und Widerständen auf eine gesunde Art begegnen kann, solltest Du ihm von Beginn an viel Stabilität, Rückhalt und Selbstvertrauen geben.

Charaktereigenschaften

Ich habe geschrieben, dass es generell keine allgemeingültigen Merkmale für die Hochsensibilität gibt. Dennoch sind ihnen bestimmte Charaktereigenschaften gemein, die hochsensible Kinder von „Normalsensiblen“ unterscheiden. Dazu gehört, dass diese Kinder

  • eher introvertiert, träumerisch, langsam und vergesslich sind
  • äußerst wissensdurstig, komplex denkend und hochkonzentriert bei Themen sind, die sie interessieren
  • wenig Konkurrenz und Druck einerseits, aber auch wenig Regelverzicht (Laissez- faire) andererseits aushalten können
  • besonders viel Körperkontakt suchen
  • sich außergewöhnlich gut und lange allein beschäftigen können

So schön es sein kann, ein empfindsames und mitfühlendes Kind an seiner Seite zu haben, so schwierig kann es auch sein, aushalten zu müssen, dass das eigene Kind unter Umständen wenig belastbar, „launisch“, scheinbar nicht gehorsam, überaus mitteilsam, aber zugleich unendlich vergesslich ist. „Hochsensible Kinder ‚können‘ und sind beides: empfindsam und empfindlich. Oder auch empfindsam, weil empfindlich.“

Auch wenn Dich Dein Kind manchmal überfordert, ist es doch schön, dass jedes Kind ein überraschendes Repertoire an Charaktereigenschaften und Handlungsmöglichkeiten aufweist, die es einzigartig machen.

Hochsensible Kleinkinder

Ganz besonders schwierig ist das Zusammenleben mit hochsensiblen Kindern, die noch nicht gelernt haben, sich mit Worten auszudrücken und ihren Eltern dadurch auch keine eindeutige, verständliche Rückmeldung über ihre Empfindung geben können.

Von Elternseite erfordert diese Kleinkindzeit viel Geduld, auch oder insbesondere dann, wenn Du selbst hochsensibel und im Umgang mit Kleinkindern noch unsicher bist und generell die Rückmeldung brauchst, ob Du richtig oder falsch gehandelt hast. Es kann sein, dass Du Dein Kind einfach nicht verstehen kannst, so sehr Du es auch liebst. Wenn Freunde, Fremde und Familie sich in die Erziehung einmischen und Du auf gängige Erziehungsregeln und fachliche Anweisungen von KinderärztInnen oder ErzieherInnen (z.B. beruhigen oder ignorieren, wenn das Kind schreit) zurückgreifen musst, wirst Du feststellen, dass die konventionellen Regeln unter Umständen bei Deinem Kind nicht greifen. Im schlimmsten Falle sind sie kontraproduktiv, weil sie zu den Bedürfnissen Deines Kindes überhaupt nicht passen, Druck ausüben und zu Widerstand führen. Du selbst wirst vermutlich verunsichert, weil Du für Dein Kind keine klare Linie findest und Dein Kind Dir durch unvorhersehbares Verhalten Deine Unsicherheit spiegelt. Das kann zu einer dauerhaften Erschöpfung, einer Abfolge von Missverständnissen, Verunsicherung auf beiden Seiten, ja sogar zur emotionalen Ablehnung führen. Es ist verständlich, dass Eltern in dieser Situation fast erleichtert wären, wenn Sie eine medizinische Diagnose und professionelle Hilfe bekämen.

Die Balance ist wichtig

In der späteren Erziehung müssen hochsensible Kinder eine gesunde Balance zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und Grenzen und der Rücksicht auf die der anderen erlernen. Auch das Vermitteln von Sozialkompetenz ist für den Erziehenden ein Balanceakt. Hier muss ganz sensibel darauf geachtet werden, welche Charaktereigenschaften wie verstärkt werden. Eine natürliche Empathie kann zum Beispiel zu einem ungesunden Altruismus werden, wenn sie einseitig gefördert wird.

Ratschläge für den Umgang mit hochsensiblen Kindern

Ganz besonders hochsensible Kinder brauchen klare, wiederkehrende, verlässliche Grenzen, Regeln, Rituale, die keinen Deutungsspielraum lassen. Sie erhalten dadurch eine verlässliche Basis, Sicherheit, Vertrauen, Orientierung und Verankerung innerhalb einer Welt voller Überraschungen. Meist verlangen sie (nonverbal) danach und sind verwirrt, manchmal sogar wütend, wenn die Grenzen nicht eingehalten werden oder verwischen.

Ebenso brauchen sie Inseln der Ruhe, einen sicheren Rückzugsort zur Verarbeitung der vielen Reize. Biete sie Deinem Kind an, wenn es sie nicht sowieso von selbst aufsucht. Manchmal erfordert das von Dir große Disziplin und Widerstandskraft, wenn gleichaltrige Kinder mit attraktiven Angeboten und einem elektronischen Überangebot locken und Du weißt, dass Deinem Kind zum Beispiel das Spielen in der Natur viel besser bekommt.

Du bist Expertin/Experte für dein Kind. Übe vorschnellen Beurteilungen und Einmischungen durch andere in Deine Erziehung zu widerstehen.

Sei dir bewusst, dass Dein Kind mit manch problematischem Verhalten nicht Dich als Person oder Deinen grundsätzlichen Erziehungsstil in Frage stellt, sondern Dir vielleicht Anteile und Gefühle von Dir spiegelt, die Dir selbst unter Umständen noch gar nicht bewusst sind.

Um das Selbstvertrauen zu fördern kann es helfen, Nischen- Kompetenzen zu fördern. Beobachte und befrage Dein Kind und finde heraus, wo es sich sicher und entspannt fühlt und positive Rückmeldung erlebt. Vielleicht ist Dein Kind kein guter Fußballer, engagiert sich aber voller Begeisterung in der Jugendfeuerwehr?

Höre ihm möglichst immer gut zu. Dein Kind braucht Deine physische und psychische Präsenz, das Gefühl, dass es ernstgenommen wird und Du seine Anliegen nicht vergisst. Am erfolgreichsten ist die Kommunikation auf Augenhöhe. Gehe also vor Deinem Kind auch schon mal „in die Knie“.

Wenn Dein Kind besonders viel Aufmerksamkeit benötigt, dann stillt es unter Umständen dieses Bedürfnis auch mit Hilfe negativer Aufmerksamkeit. Bestraft zu werden fühlt sich besser an, als ignoriert zu werden. Es ist wichtig, dass Dein Kind dieses Schema nicht erlernt.

Hilf Deinem Kind, Frustrationen, Verluste und Rückschläge auszuhalten und daraus am Ende auch ein positives Resümee zu ziehen. Lebe ihm vor, dass man an Schwierigkeiten nicht zerbricht, sondern die Chance hat, zu wachsen.

Lehre Deinem Kind, dass es sicherer und besser ist, im Leben in der Mitte zu bleiben als kurz zu Höhenflügen aufzuschwingen, um anschließend umso tiefer zu fallen. Das kann Dein Kind in den unterschiedlichsten Situationen entstressen. In der Mitte ist es sicherer und wärmer.

Achte sensibel darauf, dass Dein Kind sich nicht verbiegt, um zu gefallen und sich selbst nicht verleugnet, um die Bedürfnisse anderer zu stillen. Sich abgrenzen zu können mit Respekt vor den eigenen Bedürfnissen ist eine wichtige Kompetenz in einem authentischen Leben. Stärke es in seinem Vertrauen in seine eigenen Kräfte. Dafür braucht Dein Kind Herausforderungen und Du die Fähigkeit, im richtigen Moment loszulassen zu können. Nimm ihm die Schwere vergangener Ereignisse und die Ängste vor zukünftigen. Fokussiere es auf dem Moment.

Kinder sind empfänglicher als wir Erwachsenen manchmal denken. Hochsensible Kinder brauchen ganz besonders eindeutige Reize. Sie lesen die Körpersprache des Menschen stärker, als man glaubt, daher darf man ihnen nichts vormachen, sie lassen sich nicht täuschen. Wenn man ihnen vermittelt, dass das, was sie berechtigterweise fühlen, falsch ist, leiden sie sehr stark unter einer Beeinträchtigung ihres Selbstbewusstseins. Man unterschätzt vielleicht ihre Stärke, aber sie sind stark, wenn sie mit der Wahrheit konfrontiert werden.

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