Interview mit dem Buchautor Luca Rohleder

Luca Rohleder ist Buchautor, Gründer des Netzwerks „Hochsensibilität & Selbstständigkeit“ und betreibt die beiden Internetportale www.HochsensiblePersonen.com sowie www.HeldenderLiebe.com.

Luca, bevor wir auf Dein neues Buch „Die Liebe empathischer Menschen“ zu sprechen kommen, lass uns mit Deinem letzten Buch „Die Berufung für Hochsensible“ einsteigen. Was bedeutet für Dich Hochsensibilität?

Zunächst muss man wissen, dass aus wissenschaftlicher Sicht der Begriff „Hochsensibilität“ nicht existiert. Er ist eine Kreation der amerikanischen Psychologin Elaine Aron, die mit ihrem Buch „The Highly Sensitive Person“ das Ganze aus der Taufe gehoben und auch eindeutig erklärt hat. Es stellt sich also nicht die Frage, was ich selbst darunter verstehe, sondern wie Hochsensibilität von der Urheberin definiert wurde. Tragischerweise ist mittlerweile dieser Begriff durch zahlreiche, nachfolgende und vor allem irreführende Publikationen deutlich verwässert. Das hat dazu geführt, dass sich heute sogar Hochbegabte, Asperger Autisten, ADHS-Betroffene oder ganz einfach nervlich überlastete Menschen mit Hochsensibilität identifizieren, obwohl diese Personengruppen oft wenig damit zu tun haben. Ich distanziere mich von diesem Trend und bleibe bei der ursprünglichen Bedeutung, wonach gemäß der Autorin Elaine Aron die Hochsensibilität eine übersteigerte Form der Empathie ist, d.h. Betroffene müssen im Übermaß Informationen bzw. Reize von Umwelt und Umfeld verarbeiten. Hochsensible sind Menschen mit weit ausgefahrenen Antennen, deren Gehirn permanent auf Empfang geschaltet ist. Laut Aron sind ca. 10 – 15 % aller Menschen von diesem Persönlichkeitsmerkmal betroffenen. Da Hochsensible meist recht zurückgezogen leben und zudem selten als Arbeitnehmer in Erscheinung treten, ist es relativ unwahrscheinlich in der Öffentlichkeit oder im üblichen Berufsleben auf einen Hochsensiblen zu treffen.

Du hast für das Buch „Die Berufung für Hochsensible“ ein eigenes psychologisches Modell entwickelt – das „3-Ich-Modell“ –, das auf der Transaktionsanalyse beruht und das Konzept des „Inneren Kindes“ weiterentwickelt. Warum ein eigenes Modell?

Mir blieb leider nichts anderes übrig. Die klassische Schul-Psychologie und vor allem die aktuelle akademische Lehrmeinung sieht in ihren Erklärungsmodellen das Persönlichkeitsmerkmal der Hochsensibilität nicht vor. Die Idee des „Inneren Kindes“ passte einfach nicht, um die typischen Eigenarten der Hochsensibilität vernünftig herleiten zu können. Mit meiner Einführung eines modifizierten „Inneren Kindes“, das eher einem „Neugeborenen Ich“ gleicht , wurden alle Eigenarten der Hochsensibilität plötzlich offenbar. In der Folge besteht die Herausforderung von Hochsensiblen darin, ihre innere Gefühlswelt auf ein Normalmaß zu entwickeln. Hochsensible sind sich meist nicht darüber bewusst, dass sie emotionale Konflikte bzw. Defizite in sich tragen. Meist stufen sie sich selbst als höchstemotional ein. Oft erst in der zweiten Lebenshälfte wird vielen offenbar, dass ihre Gefühlswelt bisher nur aus der Auseinandersetzung mit ihren Ängsten bestand. Es geht also bei Hochsensiblen um Mut-Themen. Mut seine emotionale Schutzmauer einzureißen, Mut zur Veränderung und vor allem Mut seinem weiteren Schicksal zu vertrauen. Alle, die sich dieser emotionalen Herausforderung nicht stellen können (oder wollen), werden früher oder später an die Grenzen ihres Nervensystems stoßen. Dann sind Boreout- und Burnout-Syndrome zu beobachten, als Folge des ängstlichen Festhaltens am Status Quo bzw. als Folge des mangelnden Mutes, sich Veränderung im Inneren sowie im Außen zu stellen.

Das „3-Ich-Modell“ spielt auch in Deinem neuen Buch „Die Liebe empathischer Menschen“ eine zentrale Rolle. Warum sind empathische Menschen besonders gefährdet in der Liebe verletzt zu werden?

Empathische Menschen werden aufgrund ihrer wunderbaren Gabe leider viel zu früh in ihrem Leben mit dem wahren Naturell des Menschen konfrontiert. So erkennen sie beispielsweise recht schnell den wahren Kern des menschlichen Wesens. Sie realisieren, dass der Homo sapiens auch seine dunklen Seiten hat  und beginnen schon als Kind, auf der Hut zu sein. Sie bauen eine emotionale Schutzmauer auf und dämpfen so permanent ihre Gefühlswelt. Das macht geistige Anspannung vonnöten und kostet in der Folge viel Lebensenergie. Das „Enterische System“ des Bauchraums, wo bekanntlich unsere Emotionen initiiert werden, kann sich deshalb nie richtig entfalten. Eine unterdrückte Gefühlswelt belastet jedoch die Herztätigkeit. Zu wenig Lebenslust sowie eine innere Instabilität sind die weiteren Folgen. Um diese inneren Defizite kompensieren zu können, sind Empathen davon abhängig, im Außen etwas zu suchen, was ihnen im Inneren fehlt. So sind sie mehr als andere darauf angewiesen, von anderen Menschen Liebe, Anerkennung und Beachtung zu erhalten, um sich gut fühlen zu können. Dies kann der Partner sein, Freunde, Arbeitskollegen, der Chef und ganz einfach das Umfeld. Bleiben diese zusätzlichen Streicheleinheiten aus, fallen Empathen unweigerlich auf ihre innere Instabilität zurück. Die mangelnde Lebensenergie, Selbstzweifel etc. treten wieder zu Tage und das Gegenteil von Lebenslust tritt ein. Das nennt man dann umgangssprachlich leiden oder sich verletzt fühlen.

In Deinen Büchern orientierst Du Dich an einer Abfolge von verschiednen Lebens- und Entwicklungsphasen. Wie bist Du zu diesem Konzept gekommen?

Durch meine eigene Lebensgeschichte, durch meine über 25-jährige Erfahrung als Berater und natürlich auch durch die Analyse von Lebensumständen Tausender von Kunden. Als Jobcoach wird man ja bekanntlich immer mit ganzen Lebensverläufen konfrontiert. Und dabei tauchen dann meist ganz andere Themen auf, als nur „Job & Karriere“.

Durchlaufen wir alle auf unserem Entwicklungsweg diese Lebensphasen bzw. müssen wir manche eventuell sogar mehrfach wiederholen um „Altlasten“ zu bereinigen? Ein spiralförmiger Aufstieg und Ausstieg sozusagen…

Im Prinzip sind alle Wege der Persönlichkeitsentwicklung zu beobachten. Manche gehen einen geradlinigen Weg. Andere drehen ständig Ehrenrunden und manche verweigern sich sogar ihrer Persönlichkeitsentwicklung und kämpfen lieber mit den Auswirkungen ihrer Veränderungsresistenz.

Angelehnt an die Worte von Goethe’s Faust: „Wie hast Du’s mit der Liebe?“ Hast Du ein Lebensmotto, Leben und Liebe zu meistern?

Wer genug Mut hat, kann das Morgen an sein Schicksal verschenken.
Wer das Morgen an sein Schicksal verschenkt, kann sein Herz von Sorgen befreien.
Wer ein befreites Herz hat, kann sich selbst lieben.
Wer sich selbst liebt, kann andere lieben.
Wer andere liebt, wird auch das Leben lieben.
Wer das Leben liebt, wird genug Mut haben, das Morgen an sein Schicksal zu verschenken.

Sehr schöne Abschlussworte! Luca, vielen Dank für das Interview.

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