Grenzen setzen: Herausforderung für Hochsensible

„Nein“ ist ein starkes Wort, das gelernt werden will. Ein negativ belegtes Wort mit sehr viel Rückschlagskraft und oft so viel stärker als ein „Ja“. Bezeichnenderweise lernen wir das erste Mal in der Trotzphase „Nein“ zu sagen.

Wer ein „Nein“ nicht aussprechen will oder nicht gelernt hat es zu tun, schlängelt sich womöglich wie ein Aal durch das Lebens, weich aber ohne Kontur, ohne Anstoss und ohne (an-)greifbar zu sein, aber auch ohne Gefühl für die eigenen Grenzen und Wünsche.

„Nein“ ist so schrecklich schwer auszusprechen, ganz besonders dann, wenn man die Gefühle anderer nicht verletzen und nicht als egoistisch, herzlos oder faul gelten möchte. Für viele Hochsensible ist ein abgrenzendes „Nein“ häufig noch viel schwerer auszusprechen als für andere, weil ein „Nein“ zu Diskussionen führen oder sogar einen Streit auslösen könnte, den sie nicht wollen oder dem sie sich nicht gewachsen fühlen. Lieber verleugnen sie die eigenen Werte und nehmen in Kauf, dass ein „Ja“ zu den anderen, häufig ein „Nein“ zu sich selbst bedeutet.

Selbstbewusstes „Nein“

Auch ist ein „Nein“ anstrengend und muss vielleicht gerechtfertigt werden. Nur wer Selbstbewusstsein hat und seine Grenzen spürt, kann überzeugend eine Ablehnung formulieren. Das aber fällt vielen Hochsensiblen besonders schwer und sie neigen eher dazu, ihre Aussagen zu konjunktivieren und ihnen damit die Kraft zu nehmen. „Ich würde gerne“ erreicht aber weit weniger sein Ziel, als „ich möchte“ oder „ich will“. Ein „Nein“ oder ein „ich will“ wird einem aber nur geglaubt, wenn man es durch Körperhaltung und Stimmlage unterstreicht, um ihm entsprechende Nachhaltigkeit zu verleihen. Es erfordert, dem Gegenüber feste in die Augen zu schauen, klar und deutlich zu sprechen und aufrecht mit zurückgelegten Schultern und hervorgestreckter Brust zu sprechen. Die Körperhaltung unterstreicht das Gefühl und macht die Äußerung leichter. Umgekehrt zeigt man durch seine Gesamtausstrahlung, wenn man sich seiner Sache nicht wirklich sicher ist und wird dann auch prompt von anderen überstimmt. Jeder spürt, wenn man die Konsequenzen seiner Abgrenzung nicht bereit ist auszuhalten.

Entscheidungen

Entscheidungen bringen viele Hochsensible häufig in einen inneren Konflikt. Sie sprechen immer verschiedene Anteile im Menschen an, die eine spontane, eindeutige Antwort erschweren. Hochsensible nehmen die verschiedenen inneren Teile intensiver wahr als normalsensible Menschen und der Entscheidungsdruck belastet sie oftmals stärker.

Dazu kommt die Angst vor Fehlentscheidungen. Aus der Fülle der Möglichkeiten die richtige herauszufiltern, ist anstrengend und erfordert Spontanität und den Mut, Fehler zu machen und Rückschläge zu akzeptieren. Wichtige Entscheidungen haben Konsequenzen. Das heißt, Verantwortung zu tragen für eine Wahl, deren Ausgang eventuell unangenehm ist und den man nicht kennt.

Entscheidungskompetenz an den Tag zu legen, kannst Du aber üben. Beginne mit kleineren Entscheidungen und mache Dir bewusst, dass Du tagtäglich eine Vielzahl von Entscheidungen triffst, die unbewusst ablaufen. Du entscheidest, morgens aufzustehen, etwas Bestimmtes anzuziehen, aus dem Haus zu gehen, einen regelmäßigen Rhythmus einzuhalten. Nur weil diese täglichen Entscheidungen in Fleisch und Blut übergegangen sind, sind sie nicht weniger wert.

Im nächsten Schritt versuchst Du dann, Deine Entscheidungen ein wenig zu verändern. Du entscheidest zum Beispiel, heute mit der Bahn anstelle mit dem Auto zu fahren und abends früher nach Hause zu gehen. Triff Entscheidungen, die zunächst nur Dich selbst betreffen, aber Deinen Bedürfnissen entgegenkommen. Sie zeigen Dir, dass Du durchaus Stimmen in Dir wahrnehmen kannst, die Dir sagen, was gut und richtig für Dich ist. Wenn Du lernst, diese Stimmen wahrzunehmen und zu respektieren, hast Du schon einen ganz großen Schritt getan. Später kannst Du Entscheidungen treffen, die auch weitreichender sind, die andere betreffen und vielleicht Widerstand erzeugen. Es ist in Ordnung, wenn Dir das schwerfällt, aber versuche einmal einen unzensierten Blick auf Deine Unsicherheit und Ängste zu werfen, dazu zu stehen und trotzdem zu wagen, Deine Entscheidung zu fällen. Du wirst zusehends an Sicherheit gewinnen und wichtige Erfahrungen sammeln.

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