Hochbegabt IST NICHT GLEICH Hochensibel

Hochbegabung und Hochsensibilität können, müssen aber nicht zusammen auftreten. Schätzungen zufolge gelten etwa 2 % einer Bevölkerung als hochbegabt, was bedeutet, dass ihr Intelligenzquotient über einem Messwert von 130 liegt. Von einer Hochsensibilität geht man dagegen bei 15 bis 20 % einer Population aus. So ergibt sich schon aus den Zahlen, dass ein unmittelbarer Zusammenhang nicht gegeben ist. Nicht jeder Hochsensible ist hochbegabt und nicht jeder Hochbegabte ist hochsensibel.

Die Zahl derer, die als hochbegabt und hochsensibel gelten, ist also sehr gering – sie dürfte weniger als 1 % betragen. Dennoch ist das gemeinsame Auftreten beider Persönlichkeitsmerkmale eben auch nicht ausgeschlossen. Dieses Kapitel möchten wir daher der kleinen Gruppe von HSM mit Hochbegabung widmen und uns der Frage stellen, mit welchen speziellen Problemen und Chancen sich diese konfrontiert sieht.

Zeigen hochbegabte HSM besondere Persönlichkeitsmerkmale?

Ein Problem haben hochsensible Menschen mit Hochbegabung gewiss – nämlich die Ausnahmestellung, die sie aufgrund ihrer komplexen Wahrnehmung und ihres analytischen Verstandes in der Gesellschaft einnehmen. Schon die HS führt vielfach dazu, dass sich Betroffene als andersartig begreifen, was positiv oder negativ besetzt sein kann. Und auch eine Hochbegabung ist nicht für jeden Menschen ein Grund zum Jubeln. Während die einen damit gut zurechtkommen, weil sie ausreichend Anerkennung und Förderung finden, drohen den anderen negative Karrieren, weil ihre Hochbegabung nicht entdeckt wird und ihre Verhaltensweisen falsch interpretiert werden.

„Alles so schön bunt hier“: Probleme hochbegabter und hochsensibler Kinder und Jugendlicher

Es benötigt nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es gerade jungen Menschen ergehen muss, die sowohl hochsensibel als auch hochbegabt sind. Gefühle der Verwirrung, der Widerstreit zwischen Verstand und Emotion, einander widerstrebende Wahrnehmungs- und Denkprozesse – all das, was auf dem Weg zum Erwachsenwerden schon normal Begabten Schwierigkeiten bereiten kann, ist bei ihnen deutlich ausgeprägter. Und selbst wenn sie sich in einer Umgebung befinden, in der man mit Phänomenen wie Hochbegabung oder Hochsensibilität vertraut ist, fällt es ihnen oft schwer, sich einer „Seite“ zuzuordnen. Sollen sie ihrem Verstand trauen oder ihrer ausgeprägten Emotionalität? Und wie schützt man sich vor der beständigen Reizüberflutung, wenn doch gleichzeitig die überwachen Verstandeskräfte nach immer neuem Futter verlangen?

Schule und Lernen: HSM und Hochbegabung als Chance und Risiko

Wird über Hochbegabung öffentlich gesprochen oder berichtet, so geht dies häufig mit zwei Klischees einher. Da erfährt man auf der einen Seite von den Überfliegern, denen anscheinend alles leichtfällt: Sie lösen mathematische Probleme, die selbst ihre Lehrer nicht verstehen, konstruieren komplizierte technische Produkte und schreiben auch noch ganz nebenbei fantastische Gedichte – falls ihnen das intensive Musizieren Zeit dazu lässt.

Das zweite Klischee zeichnet den Hochbegabten als Verlierer, der sich schon im Kindergarten immer gelangweilt hat. Seine Frustration über mangelnde Förderung führt schließlich dazu, dass er zum „Underachiever“ oder Schulverweigerer wird, den man vielleicht sogar als minderbegabt einstuft.

Es liegt nicht an den Kindern, den Normen der Schule zu entsprechen;
es ist Aufgabe der Schule, der Verschiedenheit der Kinder Rechnung zu tragen.
Celestin Freinet

Für beide Extreme gibt es Beispiele, die Regel stellen sie aber nicht dar. Doch lässt sich vermuten, dass sich gerade unter den Underachievern eine Reihe von hochsensiblen Menschen befinden, die ihre Hochbegabung aufgrund ihrer HS nicht ausleben können. Vorab bemerkt: Als Underachiever bezeichnet man Lernende, die einen hohen IQ aufweisen, deren schulische Leistungen aber weit unter dem Durchschnitt bleiben beziehungsweise unter dem, was sie zu leisten imstande sein könnten.

Im Widerstreit der Kräfte: intuitive Wahrnehmung, analytisches Denken

Dass hochsensible oder hochsensitive Persönlichkeiten eine besondere Form der Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinneseindrücken, Gedanken und Gefühlen aufweisen, haben wir bereits ausführlich dargestellt. Demgegenüber steht die Wahrnehmung und Verarbeitung des Hochbegabten, die sich ebenfalls von der eines normal Begabten unterscheidet. Während der hochsensible Mensch sich beispielsweise vor dem, was von der Außenwelt auf ihn eindringt, schützen muss und deshalb oft den Anschein der Introvertiertheit erweckt, scheint der Hochbegabte der Welt offen und mit großer Neugier zu begegnen.

Interessant ist, dass beide Personenkreise die Welt anders wahrnehmen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Der HSM weist eine starke Gefühlswelt auf, verhält sich emotional und unmittelbar, zieht assoziative Schlüsse, die neue und ungewöhnliche Betrachtungsweisen ermöglichen. Die Sprache ist oft bildhaft, auch besteht eine Affinität für spirituelle, künstlerische oder philosophische Fragestellungen und Berufe.

Da der hochsensible Mensch Informationen nicht einfach als sachdienliche Hinweise aufnimmt, sondern in ihrer vielfältigen Bedeutung erfasst und interpretiert, muss er zwangsläufig stärker „aussieben“, um sich nicht von Reizen überflutet zu fühlen.

Hochbegabte dagegen neigen stärker zum analytischen Denken und zu einem sachlicheren Umgang mit Informationen. Sie interessiert weniger, wie sich etwas anfühlt oder wozu es gut ist, und mehr, wie etwas funktioniert. Sie benötigen daher mehr Informationen, um ihren Wissenshunger stillen zu können und es fällt ihnen leichter, Reize, die sie als nicht relevant erachten, auszublenden.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust …“

Genau dieses „Ausblenden“ aber fällt hochsensiblen Menschen schwer. Hinzukommt: Während sie viele Sachverhalte intuitiv erfassen, erlaubt ihr analytischer Verstand es ihnen nicht, ihrer Wahrnehmung zu vertrauen, ohne „logische“ Argumente zu bringen. So kann es leicht zu einem beständigen inneren Widerstreit kommen.

Im Ergebnis bedeutet dies oft, dass es Hochsensiblen mit Hochbegabung immer wieder eine Entscheidung abfordert, ob sie ihrem analytischen Verstand oder ihrer assoziativen Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit den Vorrang geben wollen. In der Konsequenz kommt dann eine der beiden Persönlichkeitsmerkmale zu kurz oder wird ganz verleugnet, um „störungsfrei funktionieren“ zu können.

Versteht man diesen inneren Kampf, den sich HSM mit Hochbegabung vielfach ausgesetzt sehen, so wird auch deutlich, dass gerade hochsensible Menschen der Gefahr ausgesetzt sind, als „Underachiever“ oder Minderbegabte bewertet zu werden. Wie andere Hochbegabte auch benötigen sie eigentlich zusätzliche Förderung, damit ihr Verstand zu Höchstleistungen auflaufen kann.

Doch sind sie nicht in der Lage, die Vielfalt an Eindrücken zu filtern. Schon der Aufenthalt im Klassenraum stellt für Hochsensible eine Herausforderung dar: die Gerüche, der Lärm, die schlechte Luft im Winter, die Geräusche von außen bei geöffneten Fenstern im Sommer, das Tuscheln hier und die ablenkenden Bilder dort … Dagegen schützt oft nur, sich den Eindrücken ganz zu verschließen. In der Folge aber bleibt dem wachen Geist des Hochbegabten nichts anderes übrig, als in einen tiefen Schlummer zu verfallen. Wird dieser durch den strengen Ruf der Leistungskontrolle dann geweckt, kann der Hochsensible trotz seiner Hochbegabung nur mit einem Stammeln antworten.

Beruf und Berufung

Vielleicht gehören auch Sie zu jenen Menschen, die mit vielfältigen Begabungen ausgestattet sind, zwischen denen Sie sich ständig hin- und hergerissen fühlen. Vielleicht haben Sie immer wieder das Gefühl, sich zwischen Ihrem analytischen Verstand und Ihrem intuitiven Erfassen der Wirklichkeit entscheiden zu müssen.

Lassen Sie sich von Ihren scheinbar widersprüchlichen Talenten nicht in einen kaukasischen Kreidekreis locken. Als Erwachsener müssen Sie sich nicht in die eine oder in die andere Richtung ziehen lassen. Insbesondere dann nicht, wenn Sie um Ihre Doppelbegabung wissen.

Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an, der unvernünftige dagegen versucht die Welt an sich anzupassen. Daher hängt aller Fortschritt der Menschheit von den unvernünftigen Menschen ab.
Georges Bernhard Shaw

Manche Hochsensible mit Hochbegabung reagieren darauf, in dem sie mehreren Beschäftigungen nachgehen – sich beispielsweise einen Beruf suchen, in dem eher analytische Fähigkeiten gefragt sind und sich in der Freizeit künstlerisch betätigen oder sozial engagieren. Andere wechseln ihre Berufe häufiger und geben mal der einen, mal der anderen Seite den Vorrang.

Eine Berufung zu finden, in der beide Talente gefragt sind, dürfte nicht immer leicht sein. Je früher daher das Zusammenspiel von Hochbegabung und Hochsensibilität entdeckt und gefördert wird, desto früher lassen sich auch jene Weichen stellen, die den weiteren Lebensweg in eine angemessene Richtung führen.

Powered by