Hochsensibel oder hochsensitiv

Wer überdurchschnittlich empfindet hat ein Problem: Die geschärfte sensible Wahrnehmung ist nicht fassbar, nicht diagnostizierbar, denn es handelt sich nicht beispielsweise um ein Krankheitsbild, dem pathologische, messbare Werte zugrunde liegen. Ob ein Mensch hochsensibel oder hochsensitiv ist, liegt unter anderem ein Stück weit an der Wahl der Vergleichsparameter. Aber was genau ist das für ein Phänomen, auf dessen Namen sich Psychologen und Wissenschaftler nicht einigen können?

Hochsensibel oder hochsensitiv

Der Übergang von hochsensibel zu hochsensitiv ist fließend, daher werden die Bezeichnungen in der Literatur häufig auch synonym gebraucht. Beide bezeichnen verschiedene Ausprägungen einer Wahrnehmungsintensität, können sich aber gleichzeitig auch gegenseitig bedingen. Der/Die Hochsensible nimmt mit seinen

Sinnen Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, Sicht- oder Ertastbares sehr viel stärker wahr, hat eine niedrigere Reizschwelle, spürt Außen- wie auch Eindrücke seines Inneren intensiver als andere Menschen. Wahrnehmungen, die von anderen häufig unbewusst als wichtig (bemerkenswert) oder unwichtig (ausblendbar) gewertet werden, können bei Hochsensiblen eine nahezu gleichwertige Priorität haben. Ein schützender „Filter“, der das eine vom anderen trennt, scheint zu fehlen.

Das Erleben hochsensitiver Menschen bezieht sich eher auf die emotionale Ebene. Sie spüren Stimmungen und Gefühle ihrer Mitmenschen, der Umwelt und sich selbst stärker als andere, sehen auch das, was in Körpersprache und Mimik nicht unbedingt gezeigt werden sollte und hören, was nicht hörbar geäußert wurde. Sie haben sozusagen weitere nicht- physiologische Sinne, die dem objektiv Erlebten eine weitere Dimension und eine feinsinnige Interpretation verleihen. Diese besondere Emotionalität bedingt gleichzeitig ein hohes empathisches Feingespür, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass der Betroffene in seinem Gespür und seiner Interpretation der Gefühle anderer immer richtig liegt.

Schwer zu fassendes Phänomen

Trotz wissenschaftlicher Fragebögen, diagnostischer Verfahren und genetischer Untersuchungen sind Hochsensibilität und Hochsensitivität nur schwer zu fassen und schon gar nicht

allgemeingültig zu definieren, da sie sich individuell ganz unterschiedlich äußern können. Einige wenige Hochsensible fühlen sich von fast jeder Art von äußerem Reiz überwältigt, bei anderen bezieht sich die besondere Sensibilität auf einzelne, isolierte Sinne. Es gibt hochsensible Menschen, die schüchtern und konfliktscheu sind und ein geringes Selbstwertgefühl haben, andere sind kommunikativ und kreativ, stehen mit beiden Beinen fest im Leben, haben aber vielleicht Schwierigkeiten, aufmerksam und fokussiert zu sein.

Da es in diesem Buch hauptsächlich aber darum gehen soll, Situationen zu beschreiben, denen Menschen mit einer besonderen Wahrnehmung begegnen können, habe ich mich entschlossen, in den folgenden Kapiteln generell von „Hochsensibilität“ zu sprechen ̵ einfach weil es in unserem Sprachgebrauch die gebräuchlichste Umschreibung ist.

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