Hochsensibel = Introvertiert? Von wegen…

Hochsensibilität und extrovertiert sein – passt das überhaupt zusammen? Viele Menschen denken im Zusammenhang mit Sensibilität zunächst auch an Schüchternheit und Introvertiertheit. Extrovertierte – das sind in ihren Augen zugleich Menschen mit viel Selbstvertrauen. Dass sich hinter dieser Fassade ein sensibles Gemüt verbergen soll, ist für sie nur schwer vorstellbar. Allerdings sollen ca. 30 Prozent aller hochsensiblen Menschen – nach Elaine N. Aron, der Begründerin des Konzepts „Hochsensibilität“ – extrovertiert sein.

Hochsensible Menschen sind unterschiedlich

Stereotype Annahmen über Hochsensibilität sind der falsche Weg. Die Persönlichkeitsmerkmale von Menschen bewegen sich in mehreren Dimensionen. Das Vorhandensein einer bestimmten Eigenschaft in einer bestimmten Ausprägung lässt nicht notwendigerweise auf die Ausprägung einer anderen Eigenschaft schließen.

Ein gutes Beispiel für die Differenzierung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale ist der Myers-Briggs-Typenindikator, der sich auf Carl Gustav Jung beruft und vor allem im Personalwesen Anwendung findet. Anhand von vier Dimensionen lassen sich insgesamt 16 Persönlichkeitstypen bestimmen – die Hälfte dieser Typen gilt als extrovertiert.
Ein Schwarz-Weiß-Denken ist auch innerhalb der einzelnen Dimensionen nicht angebracht. Jeder Mensch bewegt sich irgendwo auf dem Kontinuum zwischen den beiden Extremen.

Warum gibt es extrovertierte Hochsensible?

Die möglichen Gründe für die Extraversion bei HSM – wenn es dafür Gründe gibt – sind in diesem jungen Forschungsgebiet noch nicht abschließend geklärt.

Elaine N. Aron nimmt beispielsweise an, dass das Aufwachsen in einem extrovertierten Umfeld die Entwicklung einer extrovertierten Ausprägung der Hochsensibilität begünstigt. Durch Ablehnung kann wiederum ein introvertiertes Verhalten entstehen.

Möglich ist aber auch ein Szenario wie dieses: Der hochsensible Junge fällt im Kindesalter immer wieder durch Stille und Rückzug auf – er verhält sich also typisch introvertiert. Für seinen Vater passt dieses Verhalten gar nicht in sein starres Bild. Er wünscht sich einen starken, mutigen, selbstbewussten Sohn. Immer wieder macht er dem Jungen klar, dass dessen Verhalten unmännlich sei, und unternimmt mit ihm Dinge, die Mut und als männlich klassifiziertes Verhalten erfordern. Der Junge gewöhnt sich daran, dass er nur dann geliebt wird, wenn er die gewünschten extrovertierten Verhaltenszüge zeigt.

Typische Eigenschaften eines extrovertierten HSM

Extrovertierte hochsensible Menschen umgeben sich gerne mit anderen Leuten und gehen offen auf sie zu. Sofern sie sich und ihr Verhalten gut steuern können, sind sie in vielen Fällen sehr beliebt und fügen sich gut in Gruppen ein. Sie können oft sogar besonders gut wahrnehmen, wie die anderen Personen in der Gruppe sich fühlen, und passen ihr eigenes Verhalten entsprechend an.

Typisch ist auch die beständige Suche nach neuen Reizen. Das Innere schreit geradezu ständig nach neuer und vor allem neuartiger Nahrung. Wo der Introvertierte bereits aus Überforderung Reißaus nimmt, kommt der Extrovertierte erst auf Betriebstemperatur. Extrovertierte HSM sind in vielen Fällen Sensation Seeker oder sogar High Sensation Seeker. Sie bevorzugen eine große Bandbreite an Themengebieten im Gegensatz zum tiefen Eintauchen in ein bestimmtes Gebiet.

Viele Fehler entstehen durch Eile!
Konfuzius

Extrovertierte Hochsensible neigen zu einer schnellen Entscheidungsfindung und kommen daher auch schnell ins Handeln. Sie sind geborene Praktiker. Oft erfolgt dieses Handeln aber überstürzt und ohne reifliche Überlegung nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Die extrovertierten HSM reflektieren erst im Anschluss über mögliche Fehler.

Herausforderungen eines hochsensiblen Menschen im Umgang mit sich selbst

Der erste Knackpunkt ist das Selbst-Erkennen der hochsensiblen Veranlagung, die man in sich trägt. Da viele Verhaltensweisen, in denen sich die HS bei extrovertierten Menschen äußert, üblicherweise nicht als primäre Merkmale einer (Hoch-)Sensibilität eingestuft werden, fällt die Eigendiagnose schwer.

Die große Gefahr liegt darin, sich auf Dauer einer Überforderung auszusetzen, solange man die eigenen Bedürfnisse nach Ruhe und Rückzug nicht erkennt und ihnen nachgibt. Bei aller Extraversion bleibt ein kleines Stück Introvertiertheit erhalten.

Die wohl größte Herausforderung im Umgang mit sich selbst ist für einen extrovertierten hochsensiblen Menschen, ständig die Balance zu wahren. Die beständige Suche nach neuen Eindrücken muss immer wieder von Ruhepausen durchbrochen werden. Dabei müssen Sie auch das Alleinsein bewusst suchen und lernen, sich damit zu arrangieren, dass Sie einmal nicht von Menschen umgeben sind.

Herausforderungen im Umgang mit anderen Menschen

In einigen Fällen ist es im Alltag zweckmäßig, die Hochsensibilität gegenüber anderen Menschen zu kommunizieren. Bei einer wenig differenzierten Sichtweise im Umfeld kann die Behauptung, hochsensibel zu sein, jedoch für Irritationen sorgen und wenig glaubwürdig erscheinen. Denn der extrovertierte HSM wirkt offen und selbstbewusst. Dass er dennoch immer wieder Phasen der Ruhe und des Rückzugs benötigt, ist für sein Umfeld schwer zu akzeptieren.

Eine weitere große Gefahr für extrovertierte HSM im Umgang mit anderen Menschen liegt darin, dass sie gewaltig anecken können. Denn ihre Wahrnehmungsweise und ihr Denkvermögen sind für die viele Menschen schwer bis gar nicht nachvollziehbar. Der HSM fühlt sich nicht nur wie von einem anderen Planeten, sondern wird in vielen Fällen auch genauso wahrgenommen, wenn er sein Inneres offen zeigt.

Wenn Sie viel – manches davon eher intuitiv – wahrnehmen und daraus schnelle Schlüsse ziehen, liegen Sie zwar in vielen Fällen richtig, aber wenn Sie Ihre Schlüsse nach außen kommunizieren und aufgrund Ihrer Wahrheitsliebe auch vor der Verkündung unangenehmer Fakten nicht zurückschrecken, dann nimmt man Ihnen das möglicherweise übel. Vielen Menschen ist eine solche Direktheit fremd und sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen.

Wägen Sie also immer ab, welche Informationen Sie als extrovertierter HSM kommunizieren möchten. Dafür müssen Sie sich ein Mindestmaß an Überlegung angewöhnen, anstatt Ihre Gedanken und Gefühle unreflektiert und impulshaft herauszulassen. Konzentrieren Sie sich darauf, ganz bewusst einfach mal nur zuzuhören und die Reaktionen anderer Personen zu beobachten.

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