Hochsensibel – Wie spreche ich es an?

Hochsensible Menschen leiden oft permanent an einer totalen Reizüberflutung, sie haben ein hohes Ruhebedürfnis, das Arbeiten im Großraumbüro oder die Fahrt in der überfüllten U-Bahn sind für sie kaum zu ertragen, Geräusche, Gerüche und Stimmungen haben einen weit größeren Einfluss auf sie als auf normalsensible Menschen und sie gelten generell als wenig stressresistent, sind oft introvertiert und gelten zuweilen als sonderbar und eigenbrötlerisch.

Im Gegenzug sind sie intelligent, kreativ, intuitiv, empathisch, sie sind Meister darin, Situationen zu erfassen und zwischen den Zeilen zu lesen, sie sind teamfähig und in der Lage, in außergewöhnlichen Bahnen zu denken.Diese positiven Eigenschaften werden in der Regel sehr geschätzt, werden auch nicht näher hinterfragt, sondern hingenommen. Ganz anders sieht es jedoch bei den erstgenannten, in der Gesellschaft eher als negativempfundenen Eigenschaften aus. Diese verhindern das reibungslose  „Funktionieren“ im Alltag, ob beruflich oder privat und der hochsensible Mensch gerät schnell in Erklärungsnot, wenn er gewisse Situationen, die für andere ganz normal sind, lieber meidet, sich vom Parfüm der besten Freundin eher belästigt fühlt oder lieber allein zuhause bleibt, statt mit den Kollegen in die Kneipe zu gehen. „Du stellst dich aber an“ oder „Sei doch nicht so empfindlich“ sind Sätze, die wohl jeden hochsensiblen Menschen reich machen würden, wenn sie für jedes Mal, wo sie diese oder ähnliche Sätze hören, auch nur 10 Cent bekommen würden, doch in der Realität machen diese Sätze leider nicht reich, sondern eher einsam.

In engeren Beziehungen, in Freundschaften Partnerschaften oder auch in geschäftlichen Beziehungen ist es aber wichtig, dass die jeweiligen Partner eine Ebene finden, auf der sie sich gegenseitig verstehen, damit die Beziehung funktionieren kann und so bleibt dem hochsensiblen Menschen manchmal nichts anderes übrig, als früher oder später das Thema Hochsensibilität anzusprechen. Nur wie?

Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Sachlich und informativ

Hochsensibilität ist keine Krankheit und kein Makel, Hochsensible sind keine besseren Menschen, aber auch keine schlechteren. Es gibt Menschen, die können gut singen, andere können gut zeichnen, wieder andere sind sportlich begabt und es gibt hochsensible Menschen, die extrem empfänglich für Reize aller Art sind. Niemand rechtfertigt sich dafür, wenn er gut singen oder zeichnen kann und das Talent wird je nach Lust und Ausprägung mehr oder weniger genutzt. Wer mit anderen über seine eigene Hochsensibilität sprechen möchte, der muss sie zunächst anerkennen, als das, was sie ist, eine Gabe, ein Talent, eine Besonderheit, die nicht jeder Mensch mitbringt, aber schließlich kann ja auch nicht jeder Mensch gut singen.

Das gerade die Hochsensibilität ein paar scheinbar negative Aspekte mit sich bringt und manchen Menschen daher eher als Fluch denn als Segen erscheint, liegt vielleicht auch weniger an der Hochsensibilität selbst als vielmehr an dem lauten, schnellen und leistungsorientierten Zeitalter, in dem wir leben, denn geht man gedanklich einmal 100 Jahre in die Vergangenheit, in der es keine Großraumbüros, keine überfüllten U-Bahnen, keine grellen Kaufhäuser mit Musik- und Duftberieselung gab, lösen sich die allermeisten der „negativen“ Aspekte der Hochsensibilität in Luft auf, da ihre Auslöser schlicht nicht existieren.

Wer sich also auf die positiven Eigenschaften seiner Hochsensibilität besinnen kann und sich ihrer bewusst ist, der ist in der Lage, seinem Gegenüber die Hochsensibilität sachlich und informativ zu erklären. Wichtig ist es, dabei weder entschuldigend noch überheblich zu werden und sich auch selbst nicht als Opfer der Hochsensibilität darzustellen, sondern neutral zu schildern, wie es einem in bestimmten Situationen geht und wie man die Reize der Umwelt empfindet. Offenheit und Ehrlichkeit, gepaart mit einer Portion Selbstbewusstsein, führen weiter als Ausflüchte, Entschuldigungen oder trotzige Reaktionen, weil man meint, sich verteidigen oder rechtfertigen zu müssen.

Möchte man selbst nicht so viel erklären, weil vielleicht auch die passenden Worte fehlen,  kann man es auch bei einfachen Worten belassen und sein Gegenüber zum Beispiel auf die Webseite von Elaine Aron oder Talamo verweisen und noch einmal über die Hochsensibilität und die eigene Wahrnehmung sprechen, wenn sich der Gesprächspartner dort ein paar Informationen geholt hat.

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