Hilfe mein Kind ist anders! Hochsensible Kinder und ihre Eltern

Wenn es stimmt, dass Hochsensibilität nicht erworben, sondern vererbt wird, müssten die Eltern hochsensibler Kinder mit besonders viel Verständnis auf die Besonderheit ihrer Kinder reagieren. Schließlich ist doch mindestens ein Elternteil dann ebenfalls hochsensibel. Leider ist dies nicht immer so. Zu Konflikten innerhalb der Familie kommt es häufig, wenn

  • hochsensible Eltern sich ihrer eigenen Veranlagung nicht bewusst sind oder diese leugnen mussten;
  • hochsensible Eltern ihren Kindern den eigenen „Leidensweg“ ersparen und/oder sie „abhärten“ wollen;
  • hochsensible Eltern sich durch bestimmte Eigenschaften ihres Kindes überfordert fühlen.

Kinder müssen mit Erwachsenen sehr viel Nachsicht haben.
Antoine de Saint-Exupéry

Ein Großteil der Eltern empfindet die Besonderheit eines hochsensiblen Kindes als Bereicherung – genauso wie es bei nicht-hochsensiblen Kindern der Idealfall sein sollte. Doch ist es auch für Eltern, die sich mit der Thematik befasst haben, oft schwierig, das richtige Maß an Anerkennung und Unterstützung zu finden, das dem Kind den Rücken stärkt, es aber nicht auf ein Podest stellt. Im Folgenden möchten wir daher kurz skizzieren, woran Sie erkennen, ob Ihr Kind hochsensibel ist und uns mit unserer Ansicht nach angemessenen und unangemessenen Verhaltensweisen im Alltag befassen.

Dein Kind ist dir für dein Verstehen dankbarer als für deine Fürsorge.
Lisa Wenger

Das hochsensible Kind

Heiligabend in einer evangelischen Kirche. Die Kinder der Gemeinde haben ein Krippenspiel aufgeführt. Zum Abschluss soll jedes Kind einen Schokoladenweihnachtsmann geschenkt bekommen. Fröhlich, laut, ungeduldig scharen sich die Kinder um den Pastor, es entsteht eine heitere Drängelei. Am Ende haben alle Kinder einen Weihnachtsmann ergattern können. Alle bis auf Maja. Die hat nämlich immer ein wenig Abstand gehalten beziehungsweise ließ sich von den anderen Kindern einfach zur Seite schieben. Und statt ihre Hand vorzustrecken, hielt sie sich die Ohren zu.

Weder die Kinder noch der Pastor bemerken, dass Maja leer ausgeht. Nur Majas Mutter spürt diesen Stich im Herzen und möchte am liebsten schreien, so ungerecht findet sie es, dass ihr Kind – mal wieder! – übersehen wurde. Und das in einer Kirche! Auf dem Nachhauseweg schimpft sie darüber – wogegen Maja nicht wirklich bedrückt wirkt. Sie ist einfach nur froh, dass sie der lauten und für sie unangenehmen Situation entkommen ist. Und sie mag ohnehin keine Schoko-Weihnachtsmänner – worüber also sollte sie sich beklagen? Unangenehm ist ihr nur, dass sie der Erwartung ihrer Mutter mal wieder nicht entsprochen hat.

Von außen gesehen wirkt Maja auf den Betrachter schüchtern und zurückhaltend. Oder negativ formuliert: Sie hat nicht gelernt, sich durchzusetzen. Doch mit einer solchen Betrachtungsweise sind wir wieder sehr nah an einer Pathologisierung von Hochsensibilität. Und vermutlich sehr weit weg von dem, was Maja selbst erlebte. Stattdessen prägen wir ihr unseren Stempel auf, der bei HSK häufig entweder „schüchtern und introvertiert“ oder aber „jähzornig und extrovertiert“ lautet. Das Kind erscheint dann mal als Opfer, mal als Täter und als Eltern haben wir kaum Möglichkeiten, angemessen zu reagieren.

Hochsensible Kinder weisen wie die Erwachsenen besondere Merkmale der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Informationen auf. Dies spiegelt sich in ihrem Verhalten ebenso wieder wie in ihrer Art zu denken und zu fühlen. Äußere Reize erleben sie intensiver, ein fröhliches Durcheinander kann für sie in echten Stress ausarten. Die einen benötigen dann dringend den Rückzug in die Stille, die anderen verschaffen sich in einem Anfall von Jähzorn Erleichterung. Ein eindeutiges Schema ist hier ebenso wenig zu erkennen und zu benennen wie bei hochsensiblen Erwachsenen.

Alltag mit einem hochsensiblen Kind: sich selbst hinterfragen

Haben Sie bemerkt, dass Ihr Kind hochsensibel ist, sollten Sie es entsprechend nicht auf dieses Persönlichkeitsmerkmal festlegen oder gar reduzieren. Es bleibt ein Individuum, für das es keine Gebrauchsanweisung gibt. Dennoch sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass Ihr eigener Umgang mit dem Thema Hochsensibilität die Gefühlslage und den Lebensweg Ihres Kindes entscheidend beeinflussen kann.

Ein Kind ist kein Gefäß, das gefüllt, sondern ein Feuer, das entzündet werden will.
Francois Rabelais

Unkenntnis und Leugnung der eigenen Hochsensibilität

Auch wenn die Erforschung von Hochsensibilität nun bereits seit zwei Jahrzehnten erfolgt, bedeutet dies nicht, dass bereits alle Betroffenen davon gehört haben oder sich dafür interessieren. Viele erwachsene Hochsensible leiden noch heute unter ihrem „Anderssein“, das sie nicht deuten können und von dem sie meinen, dass sie sich dafür schämen oder rechtfertigen müssen. Andere sind in einem Milieu aufgewachsen, in dem sie ihre Hochsensibilität als Gefährdung erlebten. Wo das „Gesetz der Straße“ regiert, müssen Hochsensible ihre Veranlagung oft ebenso verbergen wie dort, wo eine Haltung zum Leben gepredigt wird, in der einzig eisenharte Disziplin und Erfolg zählen.

Stellen Sie als Elternteil fest, dass Sie ein hochsensibles Kind haben, und fragen Sie sich, wie Sie einen angemessenen Erziehungsstil verwirklichen können, fangen Sie nicht bei Ihrem Kind, sondern zunächst einmal bei sich selbst an. Gibt es in Ihrer eigenen Biografie Hinweise darauf, dass Sie ein HSM sind, und sahen Sie sich gezwungen, diesen Umstand zu leugnen? Reagieren Sie gereizt auf bestimmte Verhaltensweisen Ihres Kindes, weil Sie sich selbst darin erkennen und dies in der Vergangenheit aber leugnen mussten? Es kann zunächst schmerzlich sein, sich mit diesen Fragen zu befassen. Aber Sie und Ihr Kind können auf Dauer nur dadurch gewinnen.

Der Wunsch, das Kind zu schützen und vor Leiden zu bewahren

Hochsensible, die eine positive Einschätzung ihrer Besonderheit erfahren haben, erleben sich als normal und doch anders. Und sie wissen, mit dieser Andersartigkeit umzugehen, gut für sich zu sorgen. Hochsensibilität muss nicht zwangsläufig auf einen Leidensweg führen.

Dennoch sind es oft die eigenen Erfahrungen, die Eltern dazu verleiten, ihre hochsensiblen Kinder in Watte packen und vor dem Unverständnis der bösen Welt bewahren zu wollen. Es tut weh, wenn Sie wie Majas Mutter mit ansehen müssen, dass ausgerechnet Ihr Kind, das der Welt mit so viel Aufmerksamkeit begegnet, nicht wahrgenommen wird. Es schmerzt, wenn ein weinerliches oder introvertiertes Kind ausgelacht wird. Und es ist ungerecht, wenn ein Kind seinem Gefühl des Ausgeliefertseins in Jähzorn Luft machen muss und dafür bestraft wird.

Dennoch sollten Sie, so gut es eben möglich ist, versuchen, Ihr Kind mit seinen Stärken zu sehen und es darin zu unterstützen, anstatt es abschotten und isolieren zu wollen. Nehmen Sie Ihr Kind an, lieben Sie es, fördern Sie es, bieten Sie ihm Rückzug und Rückendeckung. Kämpfen Sie für Ihr Kind wie ein Löwe/wie eine Löwin. Aber horchen Sie vor allem auf seine Erfahrungen und seine Interpretation des Geschehens, statt die eigenen Erfahrungen hineinzuinterpretieren.

Die größte Verletzung, die man einem Kind zufügen kann, ist die Zurückweisung seines wahren Selbst. Wenn die Eltern die Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche ihres Kindes nicht respektieren, weisen sie das wahre Selbst des Kindes zurück und zwingen es dazu, ein unechtes Selbst zu entwickeln.
John Bradshaw

Ein Kind, das seiner Wahrnehmung vertrauen darf, das ausreichend Unterstützung erfährt, wird nicht gleich zusammenbrechen, wenn es mal gehänselt wird. Im Gegenteil. Viele hochsensible Kinder, die heute zum Glück in einer aufgeklärteren Umgebung aufwachsen, stehen sehr selbstbewusst zu sich und ihrer Art, durchs Leben zu gehen. Oder anders gesagt: Der Schoko-Weihnachtsmann ist ihnen letztlich gleichgültig. Wichtiger ist, dass sie sein dürfen, wie sie eben sind, anstatt sich auf dem Heimweg noch eine Predigt darüber anhören zu müssen, wie ungerecht die Welt ist oder wie sie sich besser hätten durchsetzen können.

Erziehung besteht hauptsächlich darin, ein Kind zu dem zu machen, was es schon ist.
Alice Miller

Vergessen Sie bei all dem nicht: Auch hochsensible Kinder benötigen Grenzen und Orientierung. Mögen sie auch noch so klug und offen erscheinen, es sind Kinder, die sanft angeleitet werden müssen und wollen, mit ihren Gefühlsregungen, ihrer zeitweiligen Überreizung angemessen umzugehen. Vermeiden Sie es daher auch, Ihr Kind als „Opfer“ zu betrachten. Oft interpretieren hochsensible Kinder ihre Erlebnisse ganz anders als wir Erwachsenen. Sind Sie selbst ein HSM, heißt das nicht, dass Sie wissen, wie Ihr Kind denkt und empfindet. Sind Sie kein HSM, leugnen Sie die Erlebnisweise Ihres Kindes nicht. Treten Sie in einen Dialog, der es Ihnen ermöglicht, zumindest gedanklich nachzuvollziehen, was und wie es wahrnimmt und empfindet.

Ist mein Kind hochsensibel?

Mittlerweile gibt es einige Tests mit denen Sie überprüfen können, ob ihr Kind hochsensibel ist. Abgefragt werden beispielsweise Faktoren wie Reizempfindlichkeit, Harmoniebedürfnis, Zurückhaltung gegenüber Neuem oder Fremdem, (vermeintliche) Selbstgenügsamkeit.

Allerdings sind diese Tests ebenso umstritten wie die entsprechenden Pendants für erwachsene hochsensible Menschen. Es handelt sich zumeist um eine Auflistung von Eigenschaften und Verhaltensweisen; je mehr Übereinstimmungen vorliegen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind hochsensibel ist.

Trotz aller Kritik und Bedenken können diese Tests sehr hilfreich sein, um einen ersten Anhaltspunkt über die Tendenz zur Hochsensibilität ihres Kindes zu bekommen.

Powered by