Die Informationsflut des digitalen Zeitalters

Die Informationsflut der modernen Welt. Die Folgen davon. Der Umgang damit. Darum soll es in diesem Artikel gehen. Während ich ihn schreibe, erlebe ich das Phänomen am eigenen Leib. Auf meinem Tisch stapeln sich Notizen. Post-its rahmen meinen Monitor. Ich bin reizüberflutet und informationsüberlastet. Eingehende Mails lenken mich ab. Jede Information, die ich in den letzten drei Wochen recherchiert habe, erscheint mir nicht nur erwähnenswert, sondern wichtig. Wichtigwichtig! Bin ich mit dem Hund im Wald, sprudeln die Gedanken. Am Rechner angekommen, sind sie weg. Mir sitzt kein Termin im Nacken, dennoch fühle ich mich getrieben. Das muss doch schneller gehen. Pling! – Mail. Habe ich wirklich alle Informationen? Google sagt, es gibt noch 129.723 weitere Treffer. Allein nur zu diesem Schlagwort. Vielleicht checke ich besser noch die nächste Ergebnisseite. Nur quer.

Ich bin verloren gegangen in der Flut der Informationen zur Informationsflut.

Das ist das Problem der heutigen Zeit. Von allem zu viel – nur wir sind evolutiv die gleichen Menschen, die den Telegraphen, die Glühbirne und die Dampfmaschine bewundert haben. Unser Gehirn und unsere Verarbeitungsmechanismen sind noch nicht in der Lage, mit der Fülle an Informationen, der Geschwindigkeit der Welt und der Erweiterung unseres Horizontes umzugehen. Der Mensch wird zur Reiz-Reflex-Maschine und Prokrastination zu einem Mechanismus, der unseren Alltag begleitet und vermeintlich erleichtert.

Die Welt in der Hosentasche

Noch vor 250 Jahren blieb uns ein Großteil der Welt, ihrer Bewohner und ihres Wissens vorborgen. Unsere Aufmerksamkeit galt unserer unmittelbaren Umgebung und den Menschen, die sich darin bewegten. Unser Leben, die Anzahl der handelnden Personen und die Möglichkeiten passten in unser Sichtfeld. Die Post kam mit der Kutsche, die Nachrichten aus der Region und das Wissen von den Menschen aus unserer Umgebung oder aus der Bibliothek. Informationen aus größerer Entfernung erreichten uns mit einer vornehmen zeitlichen Verzögerung. Zeit war die Messgröße für Distanz und Relevanz: Je länger eine Information zu uns brauchte, desto höher war auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie für uns und unser Leben belanglos war. Die Welt war überschaubar und begreifbar und endete kurz hinterm Horizont.

Heute bringen uns Flugzeuge in Stunden an Orte, die wir früher erst nach Wochen oder gar nicht erreicht hätten. Informationen aus der ganzen Welt erhalten wir nahezu in Echtzeit. Handyschnappschüsse verbreiten sich innerhalb von Minuten in den sozialen Netzwerken und ziehen uns in unbekannte Leben und ferne Katastrophen. Wem eine Nachricht entgeht, der ist in den Augen der gesellschaftlichen Norm in den falschen Netzwerken – oder nicht aufmerksam genug. Das Internet macht jede Information in tausendfacher Ausführung sofort verfügbar.

Es sind nicht mehr die realen Menschen allein, die mit uns beim Kaffee sitzen. Der Rest der Welt liegt im Smartphone vor uns auf dem Tisch. Ein regelmäßiger Blick aufs Display versichert uns ihrer Anwesenheit und unserer eigenen Wichtigkeit in ihrem Gefüge. Dank Twitter, Facebook und unzähligen Nachrichtendiensten erhalten wir nicht nur unmittelbar Meldung von Freunden und von Ereignissen auf der ganzen Welt, sondern wir nehmen auch am Leben völlig unbekannter Personen teil.

Die moderne Welt ist in jeder Dimension grenzenlos. Wir überbrücken Zeit und Raum. Jeder Ort ist erreichbar, jede Information verfügbar, die Möglichkeiten sind unendlich, das Tempo ist immens. Wir sind global vernetzt. Über durchschnittlich 6,6 Ecken kennt jeder jeden. Bei Facebook-Nutzern scheinen es nur 3,5 zu sein.

Jedoch sind wir evolutiv noch auf dem Stand der Kleingruppen, deren Welt knapp hinterm Horizont endet.

Die schöne neue Welt reicht bis in unser Gehirn

Zu den Informationen und Reizen, die unsere bewusste Aufmerksamkeit fordern, kommt das Grundrauschen der modernen Welt – die abertausend Reize, die unser Gehirn von uns unbemerkt im Hintergrund verarbeitet, damit wir weder über eine Bordsteinkante stolpern noch vor ein Auto laufen. Vielen hochsensiblen Menschen ist diese eigentlich unterbewusste Wahrnehmung sehr bewusst. Im Gegensatz zu Normalsensiblen registrieren sie den Lärm, die blinkenden Lichter und die wechselnden Gerüche der vorbeiziehenden Passanten. Die freie Kapazität ihrer bewussten Aufmerksamkeit wird dadurch zusätzlich beeinträchtigt.

Die permanente Informationsflut fordert ihren Tribut. Die Kapazität des menschlichen Gehirns ist begrenzt. Wenn Sie es an der einen Stelle überlasten, kann es an anderen Stellen nicht mehr richtig arbeiten. Die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen lag im Jahr 2010 bei 12 Sekunden. 2015 waren es nur noch 8,25 Sekunden. Da freut man sich, dass Atmen ein Reflex ist. Ein Goldfisch bringt es auf 9 Sekunden. Er hat noch kein Smartphone. Seine Welt endet nach wie vor an dem kleinen Plastikschloss.

Der schnelle Kick der schnellen Reaktion

Der verloren gegangene Mensch sucht sein Heil in der virtuellen Bestätigung. Facebook-Likes wirken wie Kokain und eingehende Mails bestätigen ihm die eigene Wichtigkeit. Das Belohnungssystem unseres Gehirns fordert einen sofortigen Nachrichtencheck. Im Schnitt kontrollieren wir unsere Mails 30 Mal. Pro Stunde.

Durch die allgegenwärtigen Reize und die moderne Multitasking-Maxime, wird ein System im Gehirn angesprochen, das sich evolutiv entwickelt hat, um uns ein Überleben in der Savanne zu ermöglichen. Dieser Savannenmodus, wie der Freiburger Psychosomatiker Joachim Bauer ihn nennt, versetzt uns heute in einen permanenten Stresszustand, der objektiv nicht gebraucht wird. Das größte Drama dabei ist, dass der Savannenmodus die höheren Zentren des Gehirns blockiert.

Die höheren Bewertungszentren liegen brach

Der Mensch ist so sehr mit der schnellen Reaktion auf Reize und Informationen beschäftigt, dass sein Gehirn nicht in der Lage ist, zu bewerten, worauf zu reagieren sich lohnt und was für ihn und sein Leben tatsächlich von Belang ist. Zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden, wird dadurch fast unmöglich. Das liegt zum einen an der Sprunghaftigkeit, mit der wir Informationen konsumieren, zum anderen spielt auch hier das Belohnungssystem des Gehirns eine Rolle. „Nur noch ein Klick. Nur eine Seite noch.“ Es ist das Häwelmannsche „Mehr!“, das uns immer tiefer und immer weiter in die Informationsflut tauchen lässt.

Den unendlichen Möglichkeiten und Entscheidungswegen, die uns dies eröffnet, sind wir nicht gewachsen. Welcher Information glaube ich? In welche Richtung führt sie mich? Ist das die richtige Richtung? Welche Konsequenz hat eine falsche oder überhaupt eine Entscheidung? Allzu oft entscheiden wir uns dafür, lieber noch mehr Informationen zu sammeln und unverbindlich zu bleiben. Da unser Gehirn auch hier keine Zeit findet, die Informationen zu bewerten und eine eigene Entscheidung zu treffen, googeln wir lieber nach den Entscheidungen und Erfahrungen anderer. Statt uns mit dem auseinanderzusetzen, was sich bereits in unseren Köpfen angesammelt hat, nutzen wir die kurzen Pausen in unserem Leben mit der Flucht in die virtuelle Informationsflut.

Das überlastete Gehirn – Nach Z kommt F

Da Gehirn und Mensch untrennbar miteinander verbunden sind, führt die Überlastung des Gehirns unweigerlich zur Überlastung des Menschen. Der ICD-10, eine Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, ist bemüht, alle Krankheiten zu erfassen und in Diagnoseschlüssel zu bannen. Er erfreute sich in den letzten Jahrzehnten subtiler Anpassungen und Erweiterungen im Bereich der Überlastungs-Symptomatiken. In sterile Akronyme übersetzt lassen sie sich leichter auf die Stirn der Betroffenen aufstempeln. International vereinheitlicht, versteht sich. Trotz der alphabetischen Logik, sagen die Diagnoseschlüssel jedoch leider nicht mehr aus, als dass eine Ordnung geschaffen wurde, über deren Systematik man sich streiten kann. Geholfen ist den Betroffenen damit nicht. Das, was die Medizin in seiner vollen Tragweite noch nicht wahrhaben will, tummelt sich unter dem Schlüssel Z93 „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“. Ein Potpourri von diagnostischen Umschreibungen für die Opfer der Leistungsgesellschaft. Der Übergang in den vorderen Teil des alphabetischen Schlüssels ist fließender und kürzer, als die Einteilung des ICD-10 glauben macht: nach Z kommt F – vorzugsweise im 30er und 40er Bereich, in dem Depressionen, Ängste und Belastungs-Syndrome abgehandelt werden.

15 bis 20 % der Gesamtbevölkerung sind hochsensibel. In psychotherapeutischen Praxen liegt ihr Anteil laut Schätzungen von Elaine Aron und einigen ihrer Kollegen jedoch bei etwa 50 %. Hochsensibilität als Wesensmerkmal ist vielleicht noch nie so sehr aufgefallen, wie in den letzten 20 Jahren. Hochsensible Menschen versuchen in einer Welt Schritt zu halten, in der auch Normalsensible stolpern, weil sie am Ende ihrer Reiztoleranz angekommen sind. Wer als Hochsensibler nicht gelernt hat, diese Besonderheit in seiner Persönlichkeit zu akzeptieren und mit ihr umzugehen oder sie bislang nicht einmal erkannt hat, der verzweifelt an sich und daran, den Maximen der Leistungsgesellschaft gerecht zu werden. Und landet unweigerlich auf der Couch. Das höhere Tempo und die Unzahl an Informationen und Reizen machen die Kluft zwischen der Wahrnehmung Hochsensibler und Normalsensibler deutlicher.

Die ganze Welt will beachtet werden

Unterm Strich mangelt es dem modernen Menschen an Ruhe und Erdung. Wir sind nicht mehr in der Lage, die Fülle der Informationen zu verarbeiten, die uns umgeben. Wir bekommen vermittelt, dass wir alles erreichen können, alles wissen und von allem bewegt sein müssen. Dadurch sind wir letztlich auch von allem betroffen.

Wenn in China ein Waldbrand zahlreiche Dörfer und Menschenleben bedroht, ist dies ohne Frage furchtbar – aber hier und jetzt und für mein Leben belanglos. Vor 100 Jahren hätten wir es nicht einmal erfahren. Heute suggerieren Fotos der Opfer unserem Gehirn, wir wären dabei gewesen. Hochsensible Menschen müssen diese subjektiv irrelevanten Informationen nicht nur verarbeiten, sie leiden auch unter den fremden Schicksalen.

Wie bezwingt man die Informationsflut und die Tempogesellschaft?

Das wichtigste Ziel ist, dem Bewertungszentrum unseres Gehirns wieder die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die es für seine Arbeit benötigt. Wir müssen versuchen, unseren Horizont so weit zu verkleinern, dass er wieder in unser Sichtfeld passt. Nur so kann unser Gehirn entscheiden, welche Reize und welche Informationen tatsächlich von Belang sind.

An den Kunstbegriff „Entschleunigung“ haben wir uns bereits gewöhnt, doch mangelt es ihm bislang an Bedeutung. Einen dauerhaften Ausweg versprechen unter anderem:

  • Meditation
  • Achtsamkeit
  • Gelassenheit
  • Entspannungstechniken
  • Yoga

Zu jeder dieser Bewältigungsstrategien gibt es zahlreiche Ratgeber. Bezeichnend bleibt jedoch, dass diese Entschleuniger teilweise für das Speed Reading optimiert wurden.

5 „kleine“ Life Hacks, die den Umgang mit der Informationsflut erleichtern

Da nicht jeder in der Lage ist, Beruf und Privatleben in eine reizärmere Umgebung zu verlegen, können viele dem Grundrauschen und der Hektik der heutigen Gesellschaft nicht entgehen. Ist es dem Normalsensiblen möglich, die unausweichliche Reizlast auszublenden, zieht sie dem Hochsensiblen spürbar einen großen Teil der freien Ressourcen ab. Umso wichtiger ist es, die Reizlast zu kontrollieren, die man kontrollieren kann.

Tipp 1 – Reduzieren Sie die Informationskanäle

Streichen Sie jeden Dienst, den Sie nicht wirklich benötigen. Tragen Sie sich aus allen Newslettern aus, die Sie eh sofort löschen. Schauen Sie sich auch Ihre Kontakte kritisch an. Welche Facebook-Freunde haben Sie nur, weil Sie nicht den Mut gefunden haben, eine freundliche Absage zu senden? Ihre Twitter-Timeline… Hand aufs Herz, wie viele derer, denen Sie folgen, folgen Sie tatsächlich? Streichen Sie Kontakte, die Sie eher belasten als bereichern.

Tipp 2 – Definieren Sie Zeitfenster

Ihr Gehirn benötigt etwa 15 Minuten, um sich auf eine Aufgabe einzustellen. Jedes Mal, wenn Sie Ihre Mails checken oder aufs Display des Handys schauen, werden Sie von Ihrer derzeitigen Tätigkeit abgelenkt und müssen sich neu hineindenken. Bündeln Sie den Informationscheck auf ein fixes Zeitfenster und erlauben Sie Ihrem Handy nicht, Sie durch ein „Pling!“ in Versuchung zu führen.

Tipp 3 – Trennen Sie private und berufliche Kanäle

Gehen alle Nachrichten auf dem selben Endgerät ein, ist es kaum mehr möglich, geschäftliche Nachrichten nach Feierabend zu ignorieren. Schalten Sie dienstliche Kommunikationsmittel nach Feierabend und am Wochenende ab.

Tipp 4 – Latenzzeit

Machen Sie sich bewusst, dass Sie nicht auf jede Mail, SMS oder jeden Anruf sofort reagieren müssen. Nutzen Sie die Vorteile der modernen Kommunikation. Ein Telefon kann man auch mal klingeln lassen.

Tipp 5 – Der Nachrichten-Relevanzcheck

Nachrichten sind grausam und belastend. Als Hochsensibler Mensch sind Sie nicht nur schockiert, Sie sind im wahrsten Sinn betroffen. Schreiben Sie die Nachrichten, die Sie aus dem Tritt bringen auf einen Zettel und notieren Sie daneben eine Zahl, die symbolisiert, in welchem Maß Ihr eigenes Leben objektiv berührt wird, ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn Sie diese Nachricht nicht erhalten hätten.

Fazit

Meine Notizen und Zettel. Sie dienen mir zur Strukturfindung. Als Wellenbrecher in der Informationsflut. Seit Jahren meine bevorzugte Strategie. Die Arbeit an diesem Artikel hat mich erkennen lassen, dass meine Mechanismen zu spät ansetzen. Ich muss die Flut stoppen, eh sie entsteht. Und damit noch ein wenig mehr gegen den Strom gesellschaftlicher Konventionen anschwimmen. Bei der letzten großen Flut trat Noah auf den Plan. Die hier werden wir wohl allein bewältigen müssen.

Quellen:

Aron EN (2014): Hochsensible Menschen in der Psychotherapie *. Junfermann Verlag.
Konersmann R (2015): Die Unruhe der Welt *. S. FISCHER
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Mehl K (2013): Burn on, Homo sapiens *!: Essays über die Menschen. V&R unipress.
Rosa H (2013): Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit *. Suhrkamp Verlag.
Rosa H (2016): Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung *. Suhrkamp Verlag.
statisticbrain.com: Diverse (2015): Attention Span Statistics. Source: National Center for Biotechnology Information, U.S. National Library of Medicine, The Associated Press; Research Date: April 2nd, 2015.
SWR2 Impuls (2015): Multitasking. Charlotte Grieser sprach mit Andreas Zimber. Online: Barwanietz, Kölbel & Domhan; Stand: 30.10.2015, 14.03 Uhr.
SWR2 Forum (2015): Gierig und zerstreut – Wie viel Impulskontrolle braucht die Mediengesellschaft? Sendung vom Mo, 3.8.2015. Es diskutieren: Prof. Dr. Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums, Potsdam; Prof. Dr. Joachim Bauer, Psychosomatiker, Universitätsklinik Freiburg; Dr. Christian Kohlross, Kulturwissenschaftler, Systemischer Coach und Dozent in der Psychotherapeutenfortbildung; Gesprächsleitung: Ralf Caspary.
SWR2 Wissen (2015): Die digitale Versuchung Zerstreuen wir uns zu Tode? Sendung vom Fr, 27.11.2015. Von Ralf Caspary. Internetfassung: Ulrike Barwanietz & Ralf Kölbel Stand: 25.11.2015, 16.53 Uhr.
SWR2 Wissen (2015): Beschleunigt in den Untergang. Wie unsere Turbogesellschaft tickt. Sendung vom So, 6.12.2015. Von Hartmut Rosa.

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