Hochsensibilität und Hochsensitivität – Was ist das?

Seit die Psychotherapeutin Elaine N. Aron in den 1990er Jahren den Begriff „Highly Sensitiv Person“ prägte, wird in den USA – und mittlerweile weltweit – darüber diskutiert, was darunter zu verstehen sei. Für die einen handelt es sich lediglich um ein Modethema, hinter dem sie den Versuch trickreicher Psychotherapeuten vermuten, sich eine neue Klientel zu schaffen. Für die anderen gleichen Arons und weitere Studien einem fulminanten Befreiungsschlag, mit dem vielen geholfen wird, die sich bis dato als „nicht von dieser Welt“ zu verstehen gelernt hatten.

Hochsensibilität in der allgemeinen Wahrnehmung

Sie reagieren überempfindlich auf äußere Reize, machen sich übertrieben viele Gedanken, fühlen sich missverstanden und können ihr inneres Erleben nur schwer mitteilen: Über hochsensible beziehungsweise hochsensitive Menschen kursieren viele Gerüchte. Wahr ist, dass hochsensible Menschen deutlich stärker auf äußere und innere Reize reagieren, als dies üblicherweise der Fall ist. Wie diese Reaktionen im Einzelnen aber ausfallen, darüber gibt es keine eindeutigen empirischen Belege. Nicht jede Laune deutet gleich auf eine hochsensible Veranlagung hin. Und nicht jeder hochsensibel Veranlagte lebt introvertiert und zurückgezogen vom Rest der Welt.

Schätzungsweise 15 bis 20 % aller Menschen gelten als hochsensibel veranlagt, in Deutschland wären dies also rund 12 Millionen Menschen. Häufig, viel zu häufig, wird diese Veranlagung nicht erkannt, auch dann, wenn ein starker Leidensdruck vorhanden ist. Das „seltsame“ Verhalten wird als Spinnerei abgetan oder sogar als psychische Störung diagnostiziert. Hinzu kommt, dass das Konzept der Hochsensibilität (noch) nicht deutlich eingrenzbar ist.

Die Seelenkunde hat manches beleuchtet und erklärt, aber vieles ist ihr dunkel und in großer Entfernung geblieben. Adalbert Stifter (1805 – 1868)

Begriff und wissenschaftliche Definition

Die amerikanische Psychotherapeutin Elaine N. Aron gilt als Pionierin auf dem Gebiet der Hochsensibilität. Aron zufolge bezeichnen die Begriffe „Hochsensibilität“ und „Sensibilität“ einen „angeborenen Wesenszug“, „der sich einerseits als Wahrnehmung von Feinheiten bei Reizen ausdrückt und andererseits als Potenzial, von zu starken Reizen überwältigt zu werden“ (Aron & Aron 1997; zitiert nach Aron 2014, S. 20]. Da es sich bei dieser erhöhten Wahrnehmungsfähigkeit aber nicht um eine „Eigenschaft der Sinne“ handle, „sondern vielmehr des Gehirns, das als Strategie die Eigenheit an den Tag legt, Information besonders gründlich zu verarbeiten“, fallen „die beobachtbaren Verhaltensweisen, die aus dieser Strategie resultieren, sehr vielfältig“ [ebenda] aus.

Grundsätzlich scheint klar, dass Hochsensible eine besondere Eigenschaft aufweisen, die dazu beiträgt, dass ihr Nervensystem empfindlicher auf Reize und Stimulationen reagiert. Eine weitergehende Definition, wie sie Hensel [2013, S. 31ff] skizziert, bescheinigt Hochsensiblen „eine höhere reaktive Emotionalität“, „eine ausgeprägte Feinfühligkeit“, eine „intensivere Wahrnehmung“ und eine „gründlichere und komplexere Informationsverarbeitung“. Was dazu führe, dass sie ein Ereignis intensiver und länger wahrnehmen und erinnern sowie schneller überstimuliert sind und entsprechende Erschöpfung empfinden [ebenda, S. 35].

Sellin [2011, S.18] dagegen bezweifelt, dass alle Hochsensiblen „tiefer empfinden“ würden oder über mehr Empathie verfügen als nicht Hochsensible. „Intensiv“ ist seiner Auffassung nach nicht gleichzusetzen mit „tief“. Es zeigt sich demnach, dass die wissenschaftliche Forschung bei diesem Phänomen an ähnliche Grenzen gerät wie die Schmerzforschung. Denn Reizreaktionen lassen sich zwar messen, ihre Wahrnehmung und Interpretation dagegen bleiben weitestgehend subjektiv.

Hochsensibel oder hochsensitiv?

Auch der Sprachgebrauch deutet darauf hin, dass sich die Wissenschaft noch nicht wirklich auf eine einheitliche Definition hat einigen können. Der von Aron geprägte Begriff „highly sensitiv“ wird in Deutschland mit verschiedenen Bezeichnungen wie „hochsensibel“, „hochsensitiv“ oder auch „hypersensibel“ übersetzt. Einige Autoren sprechen von HSP, also von „hochsensiblen Personen“, andere von HSM, also von „hochsensitiven Menschen“. Der unterschiedliche Wortgebrauch für ein und dasselbe Phänomen sorgt – wie in vielen anderen Bereichen auch – unnötig für Verwirrung und in vielen Diskussionen wird aneinander vorbeigeredet ohne dass dies den Gesprächspartnern bewusst wäre.

Anmerkung: Auf Talamo verwenden wir vorwiegend die Begriffe „hochsensibel“ und „hochsensibler Mensch“ (HSM). Hochsensitiv ist unserer Meinung nach zwar der treffendere Ausdruck um das Phänomen zu beschreiben, da sich mittlerweile im deutschen Sprachraum allerdings der Begriff hochsensibel mehr und mehr durchsetzt, wird dieser auch auf unserer Webseite bevorzugt verwendet.

Hensel entscheidet sich für den Begriff „hochsensibel“, da dieser die ganze Bandbreite an Feinfühligkeit, aber auch Verletzbarkeit eines HSM am ehesten auszudrücken scheint. Dabei ist der Autorin bewusst, dass der Ausdruck „sensibel“ gegenüber der Bezeichnung „sensitiv“ umgangssprachlich häufiger abwertend benutzt wird.

Empfindlichkeit ist aus Sicht von Hensel aber ebenso wenig ein Makel wie Empfindsamkeit. Vielmehr kommen in dem Begriff „hochsensibel“ beide Seiten einer Medaille zum Ausdruck, denn, so Hensel: „Wer sehr empfindsam ist, also aufnahmefähig für Reize, wird in der Folge auch empfindlich sein, also leicht verletzlich.“ [Hensel 2013, S.36]

Den Begriff der „Hypersensibilität“ oder auch „Überempfindlichkeit“ lehnt Hensel dagegen ab, da er letztlich die Abweichung von einer Norm impliziert und damit Hochsensibilität als eine Art Störung begreift, die es zu therapieren gilt. Genau dies aber wäre Aron und anderen Autoren zufolge der falsche Weg: Denn Hochsensibilität ist weder eine Krankheit noch eine Störung. Erst der Zwang, die eigene Wahrnehmung und das eigene Empfinden zu leugnen, ist für viele HSM mit der Herausbildung von Symptomen verbunden, die den Charakter einer psychischen Erkrankung annehmen können.

Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, daß die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem. Konfuzius (551-479 v.Chr.), chin. Philosoph

Wenn es an einer eindeutigen Definition auch noch fehlt, so ist das Phänomen Hochsensibilität doch ausreichend beschrieben, um bestimmte Charakteristika darstellen zu können. Wenn Sie sich gelegentlich fragen, ob Sie oder Menschen in Ihrer Umgebung hochsensibel sind, kann Ihnen die folgende Merkmalsliste vielleicht dabei helfen, eine erste Einordnung von Verhaltensweisen und Reaktionen vorzunehmen.

Sind Sie hochsensibel?

Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, um die folgenden Fragen zu beantworten. Bedenken Sie bitte: Es gibt hier weder ein „richtig“ oder „falsch“ noch wird jeder Hochsensible die gleichen Verhaltensweisen aufweisen. Lediglich die Häufung von „Symptomen“ deutet darauf hin, dass auch Sie zu den 15 bis 20 % der Bevölkerung gehören, die als HSM bezeichnet werden.

  • Stellen Sie sich vor, Sie sind zur Hauptverkehrszeit mit dem Auto unterwegs. Sie haben drei extrem gesprächige Mitfahrer, die zudem noch darum bitten, das Radio etwas lauter zu schalten. Fühlen Sie sich unwohl, weil Sie zu sehr vom Verkehr abgelenkt sind?
  • Nun sitzen Sie in einer Quizsendung. Antworten Sie eher rasch, weil Sie sofort wissen, wie die richtige Lösung lautet oder beziehen Sie verschiedene (komplizierte) Überlegungen mit ein, obwohl die richtige Antwort eigentlich klar ist?
  • Wenn Sie ein Problem zu lösen haben, gehen Sie dann eher pragmatisch an die Sache heran und isolieren Sie einzelne Punkte? Oder versuchen Sie das Ganze zu sehen und zu lösen?
  • Welche der folgenden Eigenschaften würden Sie sich selbst zuschreiben: Ich bin – leicht reizbar, – schnell erschöpft, – schnell überstimuliert, – nervös, – begeisterungsfähig, – perfektionistisch.
  • Und wie sehen andere Sie? Man beschreibt mich als: – überempfindlich, – empfindsam, – introvertiert, – einfühlsam.
  • Gibt es in Ihrem Umfeld Menschen, die Sie beneiden, weil Sie die Dinge „tiefer“, intensiver erleben als andere? Oder gibt es umgekehrt Personen, die Ihnen abverlangen, sich öfter mal „zusammenzureißen“?
  • Wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen oder unangemessen auf andere reagiert haben, denken Sie dann noch lange darüber nach? Führen Sie in Ihrem Inneren noch Dialoge mit den beteiligten Personen, die den Vorfall selbst bereits vergessen haben?

Zwischen Reizüberflutung und Fantasiereichtum

Hochsensible Menschen neigen dazu, Reizüberflutungen zu meiden – würden also das Radio im Berufsverkehr eher ausschalten, noch dazu, wenn gesprächige Mitfahrer dabei sind. In einer Quizsendung können sie leicht über ihre eigenen Gedanken stolpern. Denn sie agieren eher durchdacht als schnell, erwägen Ungewöhnliches, haben sehr viel Fantasie, sodass sie wissen, dass niemals nur eine Lösung die richtige ist. Zudem neigen sie zu Selbstzweifeln, sodass sie es sich oft gar nicht zutrauen, die Millionenfrage zu lösen. Dabei verfügen viele Hochsensible über ungewöhnliche wie außergewöhnliche Lösungsstrategien. Sie nehmen nur nicht gleich den kürzesten Weg, um von A nach B zu gelangen. Sie messen den Weg vorher aus, bedenken Gefahren oder haben andere Motive, um öfter mal die Richtung zu wechseln. Insgesamt sehen sie Probleme von einer eher ganzheitlichen Warte, anstatt sich auf Teilaspekte zu konzentrieren.

Hochsensible im Umgang mit anderen

HSM gelten oftmals als eigenbrötlerisch. Sie ziehen sich schnell zurück, weil sie stärker als andere von Sinneseindrücken, aber auch von ihren Gefühlen und Gedanken dazu überwältigt werden. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass ca. 70% aller hochsensiblen Menschen introvertiert sind.

Introvertiert meint hier allerdings nicht schüchtern oder voller sozialer Ängste wie es heute im allgemeinen Sprachgebrauch sehr oft verwendet wird. Introvertiert meint hier – so wie der Begriff ursprünglich vom Psychoanalytiker Carl Gustav Jung definiert wurde –, dass der Mensch seine Energie aus sich selbst heraus bezieht und eine minimal stimulierende Umwelt aufgrund der niedrigen Reizschwelle bevorzugt. Introvertierte Menschen erholen sich und „tanken Energie“ dann am besten, wenn sie alleine sind oder vielleicht im Zweiergespräch mit einem sehr guten Freund.

Solitude matters, and for some people, it’s the air they breathe. Susan Cain, Autorin von „Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“

Im Gegensatz dazu suchen und brauchen extrovertierte Menschen Stimulationen von außen um „aufzutanken“. Auffällig ist, dass ca. 30% aller HSMs extrovertiert sind. Dies kann insofern zu Schwierigkeiten führen, da sich zwei unterschiedliche Bedürfnisse diametral gegenüber stehen: Das Bedürfnis nach Rückzug aufgrund der Reizüberflutung und das Bedürfnis nach Gesellschaft.

Was hochsensible Menschen beginnen, das erledigen sie zumeist mit großer Sorgfalt und Gründlichkeit. Sie lieben, was sie begeistert und begegnen anderen mit viel Einfühlungsvermögen. Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Begabung, den Dingen auf den Grund zu gehen, Bedeutung zu sehen, wo andere noch nicht einmal eine Struktur erkennen, werden sie positiv als „tiefsinnig“ beschrieben. Wegen ihrer starken Reaktionen auf Reize wie laute Geräusche, Gerüche, optische Eindrücke werden sie negativ oft als übertrieben empfindlich bezeichnet.

Trotz ihres hohen Einfühlungsvermögens ist es für hochsensible Menschen oft schwierig, Reaktionen anderer gelassen und mit Distanz zu den eigenen Empfindungen zu bewerten. Sie bemerken, wenn man ihnen nicht antwortet, ihre Beiträge ignoriert, sie erleben Kränkungen sehr intensiv. Hochsensible sind daher gefährdet, den Reaktionen ihrer Mitmenschen zu viel Raum zu geben oder diesen eine übergroße Bedeutung beizumessen.

Die Sinneswahrnehmung hochsensibler Persönlichkeiten ist vielschichtig und zuweilen überwältigend. Es ist, als würden sie mit Auge und Ohr zugleich alle Schleusen zu ihrem Nervensystem öffnen. Auch können sie bestimmte Reize nur schwer ignorieren und versuchen sie kognitiv einzuordnen. Ein typisches Beispiel gibt die folgende Schilderung:

Jana erwacht am Morgen von einem leisen klopfenden Geräusch, dessen Herkunft sie nicht orten kann. Sie weckt ihren Freund Bernd, der davon nicht begeistert ist. Anfangs hört er gar nichts, doch Jana insistiert auf ihrer Wahrnehmung. Bernd richtet sich ihr zuliebe schließlich im Bett auf und hört genauer hin. Auch er vernimmt nun das Geräusch, doch hat es für ihn nichts Bedrohliches, deshalb schlägt er vor, es „einfach“ zu überhören und weiterzuschlafen.

Für Jana aber ist das nicht möglich. Zum einen hört sie das Geräusch intensiver und lauter als Bernd. Zum anderen beginnen Fantasie und Hirn nun kräftig zu arbeiten. Unabhängig davon, ob das Geräusch sie beängstigt oder nicht, ist sie weiter damit beschäftigt, die Ursache herauszufinden. An ein einfaches Überhören oder Weiterschlafen ist nicht zu denken. Zudem fühlt sie sich gekränkt, infrage gestellt und unverstanden. Sie denkt nun nicht mehr nur über das Klopfgeräusch nach, sie überdenkt auch den Wert und den Bestand ihrer Beziehung.

Auf der Suche nach einem wertneutralen Begriff entschied sich Aron für die Bezeichnung „Highly Sensitiv Person“. Damit wollte sie auch eine deutliche Abgrenzung gegenüber Einordnungen vornehmen, in denen HSM als schüchtern, gehemmt oder sogar gestört beschrieben werden. Eine solche Deutung der ausgeprägten Wahrnehmung und Reizverarbeitung durch hochsensible Menschen kommt ihrer Ansicht nach aber nur dadurch zustande, dass Hochsensible sich immer wieder für ihre Reaktionen verteidigen müssen. Die hohe Korrelation, die zwischen Hochsensibilität und Introversion besteht, kann daher bereits als Folge, nicht als Ursache oder Kennzeichen gewertet werden.

HSMs gelten häufig als verschroben. „Verschroben“ wirkt, was wir nicht verstehen, weil wir es nicht kennen, nicht hinterfragen oder aus unserer Wirklichkeit leugnen. Gerade dieses Leugnen führt für HSMs aber zu einem enormen Leidensdruck, zuweilen auch zur Selbstablehnung. Das Verständnis für die Wahrnehmung und Reizverarbeitung von hochsensiblen Menschen lässt deren scheinbare Verschrobenheit dagegen in einem ganz anderen Licht erscheinen: Gerade ihre Sensibilität, ihre Befähigung, Ereignisse, Gedanken, Empfindungen auf einer tieferen Ebene wahrzunehmen und zu deuten, macht sie zu klugen und einfühlsamen Mitmenschen, denen in der Gesellschaft wichtige Aufgaben zukommen. Nähere Informationen zu Vorteilen und Nachteilen der Hochsensibilität finden Sie auch hier.

Erklärungsansätze

So wie es sinnlos ist, einem Kind zu sagen, dass es keine Angst (vor der Dunkelheit, einem Geräusch, einer bedrohlichen Fantasiegestalt) zu haben brauche, so kann auch der Hochsensible seine Wahrnehmung nicht einfach leugnen und „weiterschlafen“. Im Gegenteil, sind doch seine Sinne ebenso wie sein gesamtes neuronales System hellwach. Elaine Aron und andere Experten gehen von einem angeborenen Wesenszug der Hochsensibilität aus, der folgende Gründe haben könnte:

  • eine geringere Filterung von Wahrnehmungen;
  • eine erhöhte Aktivität des Thalamus;
  • eine höhere Erregung der Großhirnrinde beziehungsweise ein geringerer Schutz gegen Reize, da diese ungedämpfter als bei anderen Menschen einwirken;
  • eine höhere Empfindlichkeit des gesamten Nervensystems und daraus resultierend ein hoher Cortisonspiegel

Die wissenschaftliche Forschung hat bisher besonders auf empirischem Wege umfangreiche Erkenntnisse über Hochsensibilität gewonnen. Aber auch neurologische Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) kommen immer mehr zum Einsatz und damit werden auch die funktionellen Zusammenhänge immer deutlicher. Hochsensible haben keine „schwachen Nerven“, sondern weisen ein besonders fein reagierendes Nervensystem auf, das entsprechend früher und lang anhaltender überreizt ist. Als Reizauslöser können sowohl äußere Ereignisse als auch innere Gedanken und Empfindungen fungieren. [Vgl. den gesamten Abschnitt: Wikipedia: Hochsensibilität]

Hochsensibilität ist demnach so wenig wie Schwangerschaft eine Krankheit und auch keine psychische Störung. Wie eine Schwangerschaft kann das Phänomen aber von bestimmten Symptomen begleitet sein, die körperlich bedingt sind oder aber aus einem gestörten Umgang wichtiger Bezugspersonen mit der HSP resultieren.

Abgrenzung zu erworbener hoher Sensibilität

Hochsensibilität, wie sie hier beschrieben wird, ist Folge einer Veranlagung, die sich in einer besonderen Ausprägung der Reizverarbeitung durch das neuronale System zeigt. Sie wird abgegrenzt gegenüber einer erworbenen Empfindlichkeit, wie sie beispielsweise infolge chronischer Krankheiten, Vergiftungen, Funktionsstörungen oder Traumatisierungen auftritt. Hensel [2013, S. 40f] begründet dies u.a. damit, dass die Reizverarbeitung beim (erblich veranlagten) Hochsensiblen nuancenreicher sei.

Demgegenüber gleiche eine erworbene Sensibilität eher einem „Frühwarnsystem“, dem die Aufgabe zukommt, weitere Verletzungen zu vermeiden. Daher fehle es bei einer erworbenen Sensibilität häufig an den positiven Möglichkeiten, die eine hochsensible Veranlagung bietet. Denken, Wahrnehmen und Verarbeiten sind eher gelähmt oder werden durch den Bezug zum Auslöser gehemmt. Das kreative Potenzial, das eine angeborene Hochsensibilität mit sich bringt, kann auf diese Weise nicht aktiviert werden.

Sellin [2011, S. 26] stimmt der Tatsache zu, dass Hochsensibilität als Disposition vererbt werde, betont aber die Bedeutung der Sozialisation für deren Ausprägung. Demnach ist die Einstellung der Eltern eines hochsensiblen Kindes zu der eigenen – wenn vorhanden – hochsensiblen Veranlagung von besonderer Wichtigkeit. Betrachten die Eltern ihre besondere Wahrnehmung und Reizverarbeitung als Begabung, können sie auch dem Kind einen positiven Umgang damit vermitteln. Neigen sie dagegen zu Selbstablehnung und empfinden ihre Hochsensibilität als Makel, wird sich diese auch für die Nachfahren als problematisch erweisen.

Der verborgene Sinn von Hochsensibilität

Weiter oben haben wir bereits erwähnt, dass hochsensiblen Menschen wichtige Aufgaben in der Gesellschaft zukommen. Das Auftreten des Phänomens ist also keine Laune der Natur, sondern erfüllt eine wichtige Funktion.

Gestützt wird diese Annahme durch die Beobachtung, dass sich auch in der Tierwelt ein gleich hoher Prozentsatz an hochsensiblen Lebewesen findet. Während etwa 80 % einer Population eine rasche Reaktionsbereitschaft aufweisen, verhalten sich die restlichen 20 % eher abwartend und beobachtend. Dahinter verbirgt sich nicht etwa „Feigheit“, sondern eine natürliche Selektion, die dafür sorgen soll, das Überleben der gesamten Art zu gewährleisten. Die hochsensiblen Vertreter ihrer Art zeichnen sich beispielsweise durch ein vorsichtigeres Verhalten aus. Sie meiden Futterkämpfe, reagieren sensibel auf Veränderungen und wittern eher Gefahren, vor denen sie die Herde dann warnen [vgl. Sellin 2011, S. 25].

Wie der Mensch sucht sich ein (hochsensibles) Tier seine Überlebensstrategie also nicht aus, sondern bringt eine Veranlagung mit, die es dazu befähigt, eine wichtige Aufgabe innerhalb der Population zu übernehmen.

„Spaßbremsen“, „Bedenkenträger“, „Querulanten“ – die negativen Bezeichnungen für hochsensible Menschen deuten darauf hin, dass diese es den Vertretern des „Mainstreams“ oft erschweren, rasch nach vorn zu preschen. Wäre das Leben ein Fußballfeld, würden sich die Hochsensiblen wohl eher als Trainer bewähren denn als Stürmer.

Tatsächlich erleben sich viele Hochsensible als außenstehend. Sie beobachten vom Spielfeldrand aus, was um sie herum geschieht. Sie sind die Kinder, die viel später anfangen zu sprechen, dann aber in deutlich komplexeren Sätzen und mit einem größeren Wortschatz als andere. Sie sind die Jugendlichen, die mit extrem hohen Selbstzweifeln kämpfen und in der Schule schlechte Noten kassieren, weil schon eine kleine Irregularität auf dem Arbeitsblatt sie so stark irritiert, dass sie sich auf die zu lösenden Aufgaben nicht mehr konzentrieren können. Sie meiden laute Diskotheken und verlassen zuweilen fluchtartig die Party, gerade dann, wenn die Stimmung aus Sicht der anderen Gäste ihren Höhepunkt erreicht. Aufgrund dieser und ähnlicher Verhaltensweisen wird Hochsensitivität allzu häufig noch als Leiden untersucht – die negativen Auswirkungen stehen dann im Vordergrund. Dabei werden Trappmann-Korr [2014, S. 105]

zufolge jedoch Ursache und Wirkung vertauscht. Hochsensible können sehr viel leisten, wenn die Besonderheit als solche erkannt und vor allem angenommen wird. Wer hochsensiblen Menschen begegnet, die ihren vermeintlichen „Spleen“ von klein auf ausleben durften, die Rückendeckung durch ihre Mannschaft erfuhren, der wird feststellen, dass sich hinter dieser Bezeichnung keineswegs Dauernörgler verbergen, denen alles immer zu viel wird. Er wird stattdessen auf Menschen treffen, die Ruhe und Besonnenheit ausstrahlen. Menschen, die sich anderen intensiv zuwenden, die zuhören und sich in besonderer Weise in ihr Gegenüber hineinversetzen können. Kluge, fantasievolle Menschen, die ungewöhnliche Wege gehen und Zusammenhänge sehen, die anderen verborgen bleiben. Was sie eint, ist eine ungewöhnliche Begabung, die sie leider allzu oft leugnen müssen und die sie sich weder gewünscht noch erarbeitet haben. Sie ist ihnen von Natur aus gegeben.

Quellen

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