Hochsensibilität im Tierreich

Viele Tiere verfügen über das, was wir beim Menschen als Hochsensibilität bezeichnen, und wir nehmen es als ganz normal und natürlich hin. Die Sinne eines Tieres sind, je nach Spezies, anders und besser ausgeprägt als jene des Menschen. So kann ein Hund besonders gut riechen, der Adler ganz hervorragend sehen und ein Wüstenfuchs ist in der Lage, einen Käfer zu hören, der über den Sand läuft. Absolut geschärfte Sinne also, mit denen wir nicht mithalten können, und wir bewundern die Tiere dafür.

Gehen wir mit einem Hund spazieren, finden wir es völlig normal, dass er Gerüche wahrnimmt, die wir nicht wahrnehmen und dass sich ihm eine Welt erschließt, die uns verschlossen bleibt. Kaum jemand kommt auf die Idee, einen Hund, eine Katze oder ein anderes Haustier mit auf ein lautes Konzert zu nehmen, da wir wissen, dass sie dies mit ihrem empfindlichen Gehör nicht genießen würden. Und wenn ein Hund, der es nicht gewohnt ist, mal ausnahmsweise mit in die Großstadt, gestehen wir ihm natürlich Stress aufgrund des Trubels und des Lärms zu, denn er hat ja schließlich feinere Sinne als wir.

Niemand wundert sich, wenn wir traurig oder krank oder gestresst sind oder wenn Streit und Ärger in der Luft liegen und das geliebte Haustier diesen Zustand bemerkt und entsprechend reagiert. Tiere sind da ja besonders empathisch, das weiß man doch.

Hochsensibilität ist auch bei Tieren bekannt 

Der Hund, der die Krebskrankheit eines Menschen erschnüffeln kann, und die Elefanten in Thailand, die bei dem schweren Tsunami im Jahr 2004 das Weite gesucht hatten, weil sie, lange bevor die Menschen es merkten, gespürt hatten, das etwas passieren würde – wir bewundern diese Tiere für ihre Sinne und die Fähigkeit, Dinge wahrzunehmen, die wir selbst nicht wahrnehmen können. Studien haben gezeigt, dass auch Tiere – insbesondere Katzen, Hunde, Pferde und Nagetiere – etwa zum selben Prozentsatz wie Menschen, nämlich zu 15 bis 25 %, hochsensibel sind und noch stärker auf Reize reagieren als ihre Artgenossen. Und ist es dann nicht gerade der herausragende Spürhund, der jede Spur findet, sich aber leicht von anderen Außenreizen stressen lässt, der für seine Leistung unsere besondere Hochachtung bekommt? Weil er eine noch empfindlichere Nase hat als seine Artgenossen, auch wenn er dadurch nervlich und in Stresssituationen nicht so belastbar ist. „Ist ja kein Wunder“, sagen wir, „wer so feine und scharfe Sinne hat, der muss ja durchdrehen bei diesem Lärm.“

Überragende Sinnesleistungen – beim Tier geschätzt, beim Menschen belächelt?

Aber wie ist es, wenn ein hochsensibler Mensch Gerüche wahrnimmt oder sich von Geräuschen gestresst fühlt, die an uns unbemerkt vorbeigehen? Wenn er Stimmungen zwischen Menschen erfasst und sich unwohl fühlt, weil Streit in der Luft liegt? Wenn er in der Stadt reizüberflutet reagiert, weil so viele Eindrücke auf ihn einströmen? Bei einem Tier würden wir Verständnis oder sogar Bewunderung emfinden, dem Menschen wird oft vorgeworfen, er „stelle sich an“ oder sei eben „besonders empfindlich“.

Tiere sind die besten Freunde. Sie stellen keine Fragen und kritisieren nicht. – Mark Twain

Warum ist das so, dass dem Tier mit den feineren Sinnen Bewunderung entgegengebracht wird, der Mensch hingegen belächelt wird? Hochsensibilität lässt sich wohl nur schlecht mit unserer Leistungsgesellschaft in Einklang bringen: Wer nicht funktioniert und im Berufsleben nicht allen Belastungen standhalten kann, ja schon morgens auf der Fahrt zur Arbeit in der U-Bahn mit all den Geräuschen und Gerüchen überfordert ist, der fällt durchs Raster, denn für solche Individualitäten und Normabweichungen ist in unserer Gesellschaft wenig Platz. Und dabei sollten wir uns doch einfach ein Beispiel an den Tieren nehmen und unsere Mitmenschen so nehmen, wie sie sind, ganz gleich ob wir hochsensibel oder „normalsensibel“ sind.

 

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