Introvertiert ist nicht gleich schüchtern

Hochsensible Menschen werden oft als schüchtern bezeichnet, dabei sind sie eher introvertiert und das ist ein großer Unterschied. Aber worin besteht dieser Unterschied? Nach außen hin sind schüchterne Menschen ebenso wie introvertierte Menschen zunächst einmal still, in sich zurückgezogen und stellen sich nicht gern in den Mittelpunkt. Von der Außenwahrnehmung her kann man einen introvertierten Menschen durchaus für schüchtern halten.

Schüchternheit und Sozialphobie

Von der Innenwahrnehmung her sieht das jedoch ganz anders aus:

Schüchterne Menschen haben viele soziale Ängste, sie fühlen sich unsicher und fürchten sich bei sozialer Interaktion vor dem Urteil der anderen, machen sich viele Gedanken darum, was andere von ihnen denken und wie sie in der Außenwelt ankommen. Ihre Unsicherheit blockiert sie und aus Angst etwas falsch zu machen in der sozialen Interaktion, halten sie sich lieber am Rand und beobachten still.

Ganz anders die introvertierten Menschen. Sehen wir uns einmal das Wort an: introvertiert als Gegenteil von extrovertiert – nach innen oder nach außen gewandt.
Die einen gehen also mehr auf die Außenwelt zu, brauchen den Input, das sind die Extrovertierten, während die anderen dazu neigen, sich mehr mit sich selbst und der Welt in ihrem Kopf zu beschäftigen, sie sind sich oftmals selbst genug : die Introvertierten. Mit einer sozialen Phobie und Unsicherheiten oder mangelndem Selbstbewusstsein wie bei schüchternen Menschen hat das allerdings nichts zu tun, wobei natürlich introvertierte Menschen schüchtern sein können.

Studien haben vielmehr gezeigt, dass introvertierte Menschen Reize bewusster erleben und wahrnehmen und eine höhere Gehirnaktivität zeigen. Das sind exakt die Merkmale, die auch auf hochsensible Menschen zutreffen, so dass Hochsensibilität und Introvertiertheit oft miteinander einhergehen. Extrovertierte Menschen hingegen benötigen viel mehr Stimulation von der Außenwelt, sie brauchen mehr Reize und Input, um sich wohlzufühlen.

Für die Außenwelt sieht Introversion und Schüchternheit also oft gleich aus. Anders als jemand, der schüchtern ist und unter einer Sozialphobie leidet, ist der introvertierte Mensch jedoch durchaus gesellig und kann sich sicher in Gesellschaft anderer Menschen bewegen – er möchte es nur nicht immer. Introvertierte Menschen brauchen viel Zeit für sich, sie bevorzugen ruhige Tätigkeiten, um zu entspannen, während extrovertierte Menschen beispielsweise gerade Trubel um sich herum brauchen, um ihre Akkus wieder aufzuladen.

Für introvertierte Menschen ist ihr Innenleben das Wichtigste, für extrovertierte ihre Wirkung auf andere. Während Introvertierte sagen: «Die Hölle, das sind die anderen», ist für Extrovertierte das Alleinsein die Hölle.    

Frances Wilks, Das intelligente Gefühl

Introvertierte Menschen in der Gesellschaft

Der Idealtyp der ellenbogengesteuerten Leistungsgesellschaft ist der extrovertierte Macher, dynamisch, erfolgreich, immer auf der Überholspur und ohne Probleme, sich selbst gut zu verkaufen und in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Introvertierten hingegen haben es schwerer, sie werden allzu leicht übersehen. Dabei haben sie der Gesellschaft viel zu bieten, sie sind sehr gut darin, Situationen zu erfassen, sie sind gründlich, ehrlich und überlegen, bevor sie etwas sagen. Sie sind in der Lage „out of the Box“ zu denken, sinnvolle, aber unkonventionelle Lösungswege für Probleme zu finden – und was sie sagen, hat meist Hand und Fuß, weil sie schon lange darüber nachgedacht haben.

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