Zwischen Reizüberflutung und Begabung: Hochsensibilität ist keine Krankheit

Elain N. Aron wurde und wird nicht müde, zu erklären, dass Hochsensibilität keine Krankheit, sondern eine Begabung ist. Hochsensible Menschen selbst nehmen dies dagegen oft anders wahr. Sie leiden an der ständigen Reizüberflutung, haben depressive Phasen oder sind völlig überdreht, reagieren auf Dauerstress mit psychischen oder somatischen Beschwerden. Zudem besteht eine enge Korrelation zwischen Hochsensibilität und einer Vielzahl von Erkrankungen wie beispielsweise Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen, Hyperaktivität, vegetativen Erkrankungen, Suchtverhalten und dergleichen mehr.

Doch lässt sich diese Neigung zu einer bestimmten Symptomatik eben nicht verallgemeinern. Oder wie es eine Hochsensible selbst ausdrückt: „Ich bin überhaupt nicht empfindlicher als andere. Ich habe genau so meine Launen, wie jeder andere auch.“ Damit nämlich aus einer sensiblen Disposition eine ernsthafte Störung oder Erkrankung wird, müssen andere Faktoren hinzukommen. Schließlich gibt es auch bei jeder Grippewelle Menschen, die als besonders gefährdet gelten. Nicht anders verhält es sich bei hochsensiblen Menschen: Während die eine Gruppe ihre Hochsensibilität überwiegend als Begabung erlebt, sieht die andere Gruppe sich von negativen Symptomen regelmäßig außer Gefecht gesetzt. So weisen beispielsweise hochsensible Kinder, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen, häufiger neurotische Symptome auf als HSK, die in stabilen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Es bietet sich daher an, genauer hinzusehen, welche Umstände im Detail dazu führen, dass eine so enge Korrelation zwischen Hochsensibilität und Krankheit besteht oder zu bestehen scheint.

„Ich wollte nur die Kontrolle zurück“: Hochsensibilität als Krankheitsursache

Ein ganz normaler Abend in der Familie K.: Der Vater, ein leidenschaftlicher Hobby-Koch, serviert stolz seine neueste Kreation. Er bemerkt nicht, wie angespannt seine Frau am Esstisch sitzt. Doch kaum sind die Teller gefüllt, geht es los. Tochter Lena stochert lustlos im Essen herum. Dieses schmeckt nicht, jenes riecht merkwürdig, überhaupt wird ihr übel. Der Vater wird zornig, es kommt zum üblichen Streit, der darin endet, dass die Tochter ohne Essen zu Bett gehen muss und die Eltern sich gegenseitig beschimpfen.

Dabei hatte Lena der Mutter doch versprochen, sich heute endlich mal „zusammenzureißen“ und wenigstens zu probieren. Nur: Die neuen Gewürze, die der Vater verwendet hatte, nahm Lena so intensiv wahr, dass sie Übelkeit in ihr auslösten. Die Anspannung, die „in der Luft lag“ und die sie schon vor dem Essen verspürte, tat ein Übriges: Sie brachte keinen Bissen hinunter.

Nicht jeder HSM nimmt Sinneseindrücke gleichermaßen als quälend intensiv wahr. Die einen reagieren stärker auf optische Reize, die anderen auf akustische oder auf olfaktorische. Wenn es Ihnen gerade schwerfällt, sich diese Intensität vorzustellen, versuchen Sie einfach mal einen Teller extrem versalzener Suppe leer zu futtern – Sie können dann besser nachempfinden, was eine extrem verfeinerte Sinneswahrnehmung auszulösen vermag.

Während es aber jeder als normal empfinden wird, dass man eine versalzene Suppe stehen lässt, wird die Wahrnehmung von HSM regelmäßig geleugnet. Dann ist die Musik doch gar nicht laut, die Lampe nicht zu hell und es wird eben gegessen, was auf den Tisch kommt – wir haben das doch selbst probiert, alles lecker, alles okay.

Das Nicht-Wahrnehmen von etwas beweist nicht dessen Nicht-Existenz.
Dalai Lama

Die hochsensible Lena lernt, dass sie ein Querulant ist, ein Störenfried, der nicht normal empfindet. Aus dem anfänglichen Herumstochern wird ein täglicher Kampf um Selbstbestimmung. Lena hört schließlich ganz auf zu essen, entwickelt eine Magersucht. Sie leugnet nicht nur ihre Sensibilität, sie leugnet auch ihren Hunger. Und versucht auf eine sehr verzweifelte Art, ihre Wahrnehmung zu behaupten. Oder wie sie es ausdrückt: „Ich wollte doch nur die Kontrolle zurück.“

Im Geisterreich der Hochsensiblen: unbewusste Wahrnehmungen als Angstauslöser

Selbstverständlich ist Hochsensibilität kein Freifahrtschein für hemmungsloses Herummäkeln. Auch muss sich nicht alles um die Belange von HSM drehen. Grundsätzlich sollte das Beispiel aber verdeutlichen: Es ist nicht ihre Hochsensibilität, an der Lena leidet. Es sind Sprachlosigkeit, Unkenntnis und daraus resultierend mangelndes Verständnis, die den Beginn ihrer Erkrankung markieren.

Hochsensibilität ist keine Krankheit, kann aber als Disposition Krankheitsauslöser verstärken. Hochsensible nehmen Reize wahr, die unser Bewusstsein normalerweise nicht erreichen. So beschrieb uns Hermann W. beispielsweise, wie er versuchte, sich mithilfe sogenannter Subliminalbotschaften das Rauchen abzugewöhnen. Er kaufte sich hierfür Audiokassetten, auf denen zwei Tonspuren übereinandergelegt waren: eine hörbare mit meditativer Musik. Und eine für „normale“ Menschen nicht hörbare, die Botschaften enthielt, die an sein „Unterbewusstsein“ gerichtet waren.

Das Verrückte: Während Hermann W. die Kassetten abends vor dem Einschlafen abspielte, überfielen ihn plötzlich Angstzustände, die er sich zunächst nicht erklären konnte. „Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, als wäre da irgendeine Bedrohung, musste aufstehen, um nachzusehen, ob irgendwer ins Haus eingedrungen war, und konnte ohne Licht nicht mehr einschlafen.“ Bis ihm der Zusammenhang klar wurde. „Natürlich war da etwas, was mich beeinflusste, was ich aber nicht sehen oder hören konnte: die Subliminalbotschaften.“ Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Nachdem er die Kassetten mit den unhörbaren, aber für ihn doch wahrnehmbaren Botschaften aus dem Schlafzimmer verbannt hatte, verschwanden auch die Angstzustände.

Hochsensible hören nicht nur mit den Ohren, ihr ganzer Körper scheint zuweilen ein Sinnesorgan zu sein. Sie sind sozusagen polymorph hörend, sehend, fühlend. Das genaue Gegenteil und doch auf eine Weise übereinstimmend mit dem Gehörlosen, der Musik nur mag, „wenn sie laut ist“, weil er den Beat dann spüren kann.

Neben Problemen, die sich aus einer hochsensiblen Wahrnehmung ergeben, benennen HSM zudem somatische Störungen aufgrund von Stress oder Reizüberflutung als negative Auswirkungen ihrer Veranlagung. Ein nervöser Darm, Allergien, extremer Bluthochdruck können als typische Folgeerkrankungen einer negativ empfundenen oder beeinflussten hochsensiblen Veranlagung auftreten.

Zu langsam, zu dumm, zu introvertiert: Vorurteile gegenüber hochsensiblen Kindern

Ihr Kind habe zwar einen ausreichenden Notendurchschnitt, erfuhr Sibylle W. während eines schulischen Beratungsgespräches, es fehle aber an einer gewissen „mathematischen Begabung“. Es sei unkonzentriert, wirke desinteressiert und würde zu lange an eigenen Lösungswegen basteln, statt den korrekten mathematischen Weg zu wählen.

Sibylle W. fiel aus allen Wolken, als sie dies hörte. Und sie verspürte einen Stich, der wie ein lang gehegter Zorn in ihr Herz drang und ungute Erinnerungen an die eigene Schulzeit auslöste. Daheim folgte sie dann ihrer Intuition. Sie malte ein Rechteck auf ein Stück Papier, markierte auf der linken und rechten Linie die Punkte A und B, gab Papier und Stifte ihrer Tochter und bat sie, einzuzeichnen, wie sie am besten von A nach B käme.

Es geschah, was die Mutter erwartet hatte: Der beste Weg war für die Viertklässlerin nicht etwa der kürzeste, sondern der interessanteste. Statt also schnurstracks eine Linie von A nach B zu ziehen, führte sie den Stift über ein paar Umwege und Umdrehungen. Gefragt, warum sie dies tat, antwortete die Tochter: „Weil es unterwegs so viel Schönes zu sehen gibt. Wenn ich direkt von A nach B gehe, dann komme ich nicht an der Blumenwiese vorbei.“ Erst jetzt fiel der Mutter auf, dass die Grundschülerin tatsächlich nicht nur den Weg, sondern auch einige Symbole eingezeichnet hatte.

Anders zu sein, ein Geschenk das oft sehr spät geöffnet wird.
Engelbert Schinkel

Hochsensible Kinder lernen anders als nicht-hochsensible. Immer wieder kommt es daher zu Fehldiagnosen. Besonders häufig werden Autismus, Asperger-Syndrom oder AD(H)S diagnostiziert. Tatsächlich zeigen sich Überschneidungen im Verhalten und in der Wahrnehmung. Denn ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) ist mit demselben Gefühl der Reizüberflutung verbunden, wie es auch Hochsensible kennen. Was ADS und HS allerdings unterscheidet: Hochsensible neigen ohnehin eher zu holistischen, schöpferischen Denkweisen statt zu analytischen Betrachtungen. Sie erfinden das Rad lieber mal neu und schmücken es aus, anstatt sich genau erklären zu lassen, wie man es am besten nachbaut.*

Hochsensibilität erkennen und fördern

Obwohl also Hochsensibilität keineswegs eine Krankheit ist, finden sich in therapeutischen Praxen und bei Allgemeinmedizinern immer wieder HSM ein, die an den Folgen ihrer unverstandenen oder in negative Bahnen gelenkten Disposition leiden. Demnach ist es nur folgerichtig, dass Hochsensibilität nicht in diagnostische Klassifizierungssysteme aufgenommen wurde. Ebenso wichtig ist es jedoch, Hochsensibilität erkennen und unterscheiden zu lernen. Erst dann besteht die Chance, Hochsensibilität als Begabung anzuerkennen und HSM entsprechend zu fördern, ohne ihnen damit einen Freifahrtschein fürs mäkelige Anderssein zu erteilen.

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