Hochsensibilität, MBTI und Enneagramm

von Niklas Friedrich Hobacher

Menschen haben unterschiedliche Arten und Ansätze, sich mit „inneren Fragen“ zu beschäftigen: Fragen nach dem eigenen Lebensweg, nach individuellen Bedürfnissen, Fragen nach erstrebenswerten Zielen und letztendlich auch die Frage: „Wer bin ich?“. Eine Möglichkeit ist es, sich diesen „inneren Fragen“ über die Typologie zu nähern.

Hochsensibilität stellt als „dichotomes Konstrukt“ kein eigenes Persönlichkeitsmodell dar, sondern kennzeichnet lediglich einen Wesenszug. Einen Wesenszug bei dem das Nervensystem einer größeren Anzahl an Reizen ausgesetzt ist, da dessen Reizfilterfunktion durchlässiger ist. Hochsensible Menschen verfügen über ein sehr empfindliches, ein sehr sensitives Nervensystem, was sich auch im englischen Ausdruck „highly sensitive“ widerspiegelt. „Hochsensitivität“ als Bezeichnung für dieses Konzept wird im deutschen Sprachraum zwar verwendet, durchgesetzt hat sich aber die Bezeichnung „Hochsensibilität“.

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist, ob es eine direkte Verbindung zwischen unterschiedlichen Typen verschiedener Persönlichkeitsmodelle und dem hochsensiblen Wesenszug gibt. In diesem Artikel wird dieser Zusammenhang anhand zweier sehr bekannter Modelle, dem Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) und dem Enneagramm, näher untersucht. Eines vorweg, es haben sich dabei sehr interessante Korrelationen gezeigt.

Hochsensibilitaet MBTI und Enneagramm 250x250

Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI)

Starten wir mit einer kurzen Einführung in den Myers-Briggs-Typenindikator. Der MBTI ist vor allem in den USA sehr beliebt und verbreitet und wird sowohl im Coaching als auch im Personalwesen gerne eingesetzt, z.B. bei McKinsey. Die große Popularität dürfte zum einen darauf beruhen, dass sich viele Menschen in den unterschiedlichen Typen des MBTI wirklich gut wiederfinden. Zum anderen darf man nicht vergessen, dass der MBTI Typentest kommerziell ausgerichtet ist. Es gibt sehr viele zertifizierte MBTI-Berater, die die Lizenz und das Nutzungsrecht in teuren Lehrgängen erworben haben.

Entstehung des MBTI

Der MBTI fusst auf der Persönlichkeitstheorie vom Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung. Darauf aufbauend entwickelt wurde der Indikator interessanterweise von zwei Nicht-Psychologinnen, Katharine Briggs und deren Tochter Isabel Briggs-Myers.

Grundlagen des Myers-Briggs-Typenindikator

Beim MBTI geht es vor allem darum, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und wie sie in der Folge Entscheidungen treffen. Der „Indikator“ beschreibt die Unterschiede zwischen den insgesamt 16 Typen durchwegs positiv. Es gibt weder „gute“ noch „schlechte“ Typen, jede Persönlichkeit hat Potential.

„As a man is, so he sees. As the eye is formed, such are its powers.“, William Blake

Als Grundlage für die Zuordnung zu einem der 16 Typen werden vier dichotome Präferenzen mittels eines ausführlichen Fragebogens untersucht:

  • Extraversion – Introversion
  • Sensitves Empfinden – INtuition
  • Denken (Thinking) – Fühlen
  • Urteilen (Judging) – Wahrnehmen (Perceiving)

Bei den Präferenzen handelt es sich weder um Fähigkeiten noch um Talente. Es handelt sich lediglich um eine bevorzugte „Herangehensweise“ mit der Betonung auf bevorzugt, denn jeder Mensch nutzt natürlich alle Präferenzen, allerdings eben in einem unterschiedlichen Ausmaß.

Aus den abgefragten Präferenzen des MBTI ergeben sich 16 unterschiedliche Typen, die mittels vierstelligem Buchstabencode beschrieben werden:

  • ESTJ, ESTP, ESFJ, ESFP
  • ENTJ, ENTP, ENFJ, ENFP
  • ISTJ, ISTP, ISFJ, ISFP
  • INTJ, INTP, INFJ, INFP

Die psychologischen Präferenzdimensionen des MBTI

Exkurs: Das introvertierte Gehirn

Das Gehirn introvertierter Menschen, so meinte zumindest der britische Forscher und Psychologe Hans Jürgen Eysenck, hat ein höheres Erregungspotential im Vergleich zu dem eines extrovertierten Menschen. Darum benötigen introvertierte Menschen weniger externe Stimulation. Anders ausgedrückt: Ist die Stimulation zu groß müssen sich introvertiert veranlagte Menschen vor der „Reizüberflutung“ zurückziehen um sich zu erholen und die Informationen zu verarbeiten.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch eine Studie, die die Forscherin und Psychotherapeutin Marti Olsen Laney in ihrem Buch „Die Macht der Introvertierten“ aufgreift:

Laney geht davon aus, dass das individuell zusammengesetzte Neurotransmittergleichgewicht eines jeden Menschen die Blutversorgung der verschiedenen Hirnregionen regelt. „Introvertierte Gehirne“ verarbeiten Informationen komplizierter, was sich in der Blutzirkulation widerspiegelt. Durchblutet und aktiviert werden vor allem Hinregionen, die im Zusammenhang mit Problemlösung, Erfahrung und Erinnerung gebracht werden können. Laney zufolge ist die hohe Empfindlichkeit des „introvertierten Gehirns“ gegenüber Dopamin der Grund und der primäre Neurotransmitter ist deshalb Acetylcholin (und nicht eben Dopamin wie in „extrovertierten Gehirnen“). Acetylcholin sorgt für eine ruhige Aufmerksamkeit, erhöhte Konzentration und macht „empfänglicher für Neues“, allerdings wird im Gegenzug das Abrufen gespeicherter Informationen gehemmt.

Extraversion – Introversion [E vs. I]

Woher beziehen Sie Ihre Energie?

Dies ist die zentrale Frage, die Sie sich stellen müssen, wenn Sie herausfinden wollen, ob Sie eher introvertiert veranlagt sind oder aber extrovertiert. Denn Introversion und Extraversion haben im MBTI – so wie auch im klassischen Sinne nach C.G. Jung, der die Begriffe geprägt hat – nur am Rande etwas mit sozialer Introversion (Schüchternheit) und sozialer Extraversion (offen gegenüber Kontakten) zu tun.

Der extrovertierte Mensch:

  • hat den Fokus im Außen
  • erhält seine (psychische) Energie aus dem Umfeld, aus Erfahrungen und von anderen Menschen
  • spricht Dinge durch
  • hat viele Interessen
  • Handeln – Denken –Handeln

Der introvertierte Mensch:

  • hat den Fokus im Innen
  • erhält seine (psychische) Energie aus sich selbst heraus, aus dem Bedenken von und der Reflektion über gemachte Eindrücke
  • denkt Dinge durch
  • hat tiefgreifende Interessen
  • Denken – Handeln – Denken

Sensitves Empfinden – INtuition [S vs. N]

Wie nehmen Sie bevorzugt Informationen auf?

Hier geht es darum, wie Sie Informationen aufnehmen und wie Sie Ihre Umwelt wahrnehmen:

„Sensitiver Empfinder“:

  • nimmt Informationen bevorzugt über die Sinne auf
  • bevorzugt praktische Anwendungen und Fakten
  • der Fokus liegt auf dem was ist (lebt im Hier und Jetzt)
  • sieht zuerst Details

„Intuitive“:

  • Informationen entstehen durch Assoziationen
  • Fantasie und Ideen (Theoretiker)
  • der Fokus liegt auf dem was möglich ist (lebt in der Zukunft)
  • sieht zuerst das Gesamtbild

Denken (Thinking) – Fühlen [T vs. F]

Wie fällen Sie bevorzugt Entscheidungen?

„Denker“:

  • Logik und Objektivität sind wichtig
  • sieht Fehler (Kritiker)
  • nutzt Metaebene zur Analyse eines Problems
  • aufgabenorientiert

„Fühler“:

  • persönliche Werte und Überzeugungen sind wichtig
  • zeigt Wertschätzung (Lob) und findet Gemeinsamkeiten
  • versetzt sich in die Situation
  • beziehungsorientiert

Urteilen (Judging) – Wahrnehmen (Perceiving) [J vs. P]

Wie organisieren Sie sich bevorzugt in der Außenwelt?

„Urteiler“:

  • plant und organisiert das Leben
  • vermeidet Stress in letzter Minute
  • kommt gerne zum „Abschluss“

„Wahrnehmer“:

  • spontan und anpassungsfähig
  • schöpft Energie aus Zeitdruck
  • hält sich gerne Optionen offen

Die 16 Typen des Myers-Briggs-Typenindikators

Eine ausführliche Beschreibung der unterschiedlichen Typen würde diesen Artikel inhaltlich sprengen. Deshalb sei an dieser Stelle auf die Fachliteratur und die Linkquellen weiter unten verwiesen und es folgt hier nur eine kurze grafische Gegenüberstellung der 16 unterschiedlichen Typen (prozentueller Anteil an der Gesamtbevölkerung – Typ – Lebensmotto):

mbti typen

Das Enneagramm

Das Enneagramm ist sowohl ein Persönlichkeitsmodell über menschliche Wahrnehmungsmuster als auch ein Entwicklungsmodell für das menschliche Bewusstsein. Anwendung findet es vor allem im Coaching, in der Managementberatung, in der Seelsorge und Therapie.

Die Herkunft des Enneagramms

Über die Herkunft gibt es unterschiedliche Spekulationen, die vom „Sufismus“, Platon oder Pythagoras bis zur christlichen Mystik (Evagrius Ponticus) reichen. Der Grundstein zur heutigen Form des Enneagramms wurde von Georges I. Gurdjieff, einem der bekanntesten und einflussreichsten Mystiker und Weisheitslehrer des 20. Jahrhunderts, gelegt.

„Solange der Mensch nicht über sich selbst entsetzt ist, weiß er noch nichts über sich selbst.“, Georges I. Gurdjieff

Neun unterschiedliche Arten die Welt wahrzunehmen

Das Enneagramm beschreibt im Wesentlichen neun unterschiedliche Arten, die Welt wahrzunehmen. Genauer genommen erläutert es neun unterschiedliche Typenmuster (Ego-Fixierungen) und deren zentrale Strategie im Umgang mit „Trauma“: Ein in den Tiefen des Unbewusstseins verwurzeltes Programm als „Default-Trauma-Navigationssystem“ und primäre Lösungsstrategie, die einen nicht unwesentlichen Teil der individuellen Persönlichkeit beeinflusst und besonders in Stresssituationen stark zum Vorschein kommt.

enneagramm

Natürlich sind die Typenmuster nur Schubladen, die die Realität vereinfacht abbilden. Und an dieser Stelle sei auch vor der Gefahr gewarnt – die übrigens jedes Persönlichkeitsmodell in sich birgt – sich mit einer dieser Schubladen voll und ganz zu identifizieren. Niemand IST die Schublade. Erst dann, wenn er sich hineinsetzt, wird er zur Schublade.

Der systematische Aufbau des Enneagramms

Die Triaden

Das Enneagramm unterscheidet in der ersten „Schicht“ und Grobgliederung zwischen drei „Intelligenzzentren“, den Triaden, aus denen je nach Typ bevorzugt wahrgenommen wird:

  • Kopf (Verstand)
  • Herz (Gefühl)
  • Bauch (Instinkt)

Jeder Triade liegt eine konditionierte emotionale Reaktion zugrunde, die als Standard automatisch abgerufen wird, wenn es „ungemütlich“ wird. Bei den Kopftypen 5, 6 und 7 ist dies Angst, bei den Bauchtypen 8, 9 und 1 Wut und bei den Herztypen 2, 3 und 4 ist dies Scham.

angstwutscham

Innerhalb jeder Triade unterscheiden sich die Typen folgendermaßen:

  • die Emotion wird unterdrückt (3-6-9)
  • die Emotion wird nach außen gerichtet/projiziert (2-5-8)
  • die Emotion wird nach innen gerichtet/internalisiert (1-4-7)

Damit ergeben sich insgesamt die neun Typenmuster. Die anschließende Kurzbeschreibung der unterschiedlichen „Ego-Fixierungen“ kann an dieser Stelle nur ein sehr kurzer Anriss des jeweiligen Musters sein und ist – nicht erschrecken – etwas überspitzt dargestellt. Auf „Feinheiten“ der Enneagrammmuster wie Flügel, Triebvarianten und Entwicklungsstufen kann hier nicht eingegangen werden und es sei auf die Fachliteratur verwiesen.

Neun Träume des Vergessens

Bauchtypen

ACHTer: Der dominante Boss

Die ACHT drückt ihre Wut und Energie sehr direkt nach außen aus, um mit Stress oder Herausforderungen umzugehen und um das zu bekommen, was sie haben will. ACHTer haben die Tendenz, ihre Mitmenschen die Wut direkt spüren zu lassen – die Strategie ist die eines „Bulldozers“. Menschen mit einer 8er Fixierung sind selbstsicher, bestimmend und scheuen keine Konflikte und Auseinandersetzungen. Andere fühlen sich durch ACHTer oftmals dominiert und beherrscht.

NEUNer: Der friedliebende Mediator

NEUNer sind wie 8er Bauchtypen und die dominante Emotion ist Wut. Allerdings wird diese Wut unterdrückt, nicht gezeigt und oftmals auch selbst gar nicht gespürt. Die Wut brodelt unter der Oberfläche. NEUNer wirken harmonisierend, vermeiden Ärger und haben Schwierigkeiten damit eigene Positionen und Wünsche zu spüren. Andere ärgern sich oftmals darüber, dass die NEUN zwar einerseits nicht zu sagen vermag, was sie will, andererseits aber eben auch nicht macht, was man von ihr will.

EINSer: Der perfektionistische Reformer

EINSer richten ihre Wut nach innen und sind deshalb in der Regel prinzipientreue Perfektionisten. Sie sind sehr streng mit sich selbst und deshalb meist auch sehr streng und wertend mit ihren Mitmenschen. Sie suchen Fehler bei sich und bei anderen und aus diesem Grund fühlen sich andere von der EINS oft kritisiert.

Herztypen

ZWEIer: Der Helfer

Die ZWEI trägt ein tiefes Schamgefühl in sich, das sie nach außen projiziert. ZWEIer wollen Aufmerksamkeit und Liebe und tun alles, um diese zu bekommen. Sie sind hilfsbereit, großzügig und erfüllen die Bedürfnisse anderer, ignorieren aber ihre eigenen. Deshalb werden Menschen mit einer 2er-Fixierung von anderen manchmal als manipulierend wahrgenommen.

DREIer: Der erfolgsorientierte Macher

Die DREI unterdrückt ihr Schamgefühl und läuft regelrecht vor der heimlichen Bedrohung, sich wertlos zu fühlen, davon. Um diesem Gedanken von vornherein den Boden unter den Füßen wegzuziehen, versucht die DREI immer wieder zu beweisen, wie lächerlich so ein Gedanke überhaupt ist. Erfolg, Leistung und Anerkennung geben der DREI die Gewissheit: „Ich bin wertvoll und gut.“ 3er-Fixierungen sind dynamisch, aktiv, konkurrenz- und erfolgsorientiert und rücken eigene Leistungen immer in ein sehr positives Licht. Sie werden von anderen manchmal als täuschend wahrgenommen.

VIERer: Der romantische Individualist

Die VIER internalisiert ihr Schamgefühl. Aus der Sicht der VIER kann niemand nur ansatzweise nachvollziehen, was sie durchmachen muss: Das gibt ihr ein Gefühl der Einzigartigkeit und von emotionaler Tiefe. VIERer sind oftmals melancholisch und dramatisch nach außen, fühlen sich gut oder schlecht, aber nichts dazwischen. Andere nehmen die VIER häufig als übertrieben wahr und fühlen sich in ihre unauflöslichen Beziehungsdramen mit hineingezogen.

Kopftypen

FÜNFer: Der denkende Beobachter

FÜNFer sind Kopftypen und damit geprägt von der beherrschenden Emotion Angst. Sie projizieren diese nach außen bzw. nehmen diese von außen wahr. Die Welt ist ein unsicherer Ort und 5er-Fixierungen bereiten sich auf diese Unsicherheit gründlichst vor, indem sie Wissen über die Welt anhäufen, über diese nachdenken und sich in der Ausarbeitung von Strategien verlieren. Handeln und auch Gefühle werden auf später verschoben. Andere fühlen sich von der FÜNF manchmal beobachtet und von oben herab gesehen.

SECHS: Der loyale Skeptiker

SECHSer unterdrücken ihre Angst und sind Meister darin auch sich selbst vorzuspielen, dass Angst eine Emotion ist, die eigentlich gar nicht existiert. Die Angst wird verdrängt, indem SECHSer sich Sicherheit schaffen, „Sicherheitssysteme“ in unterschiedlichen Formen: Dies können Menschen und da vor allem Autoritäten sein, oder auch physische Dinge wie Alarmanlagen oder hohe Gartenzäune. 6er-Fixierungen können sehr misstrauisch sein und alles ablehnen, was ihnen unbekannt oder neu ist. Andere fühlen sich von der SECHS oft in Bezug auf ihre Verlässlichkeit und Loyalität getestet.

SIEBEN: Der vielseitige Genussmensch

Die SIEBEN internalisiert ihre Angst und flieht davor. Die Bedrohung im Inneren ist so groß, dass sich die SIEBEN vollkommen auf das Außen fokussiert. Die Welt ist voller interessanter und spannender Möglichkeiten, voller Spass und faszinierender Dinge. Alles muss ausprobiert werden; Peter Pan ist ihr Patron. Andere nehmen die SIEBEN oft als oberflächlich und sprunghaft wahr.

„Es ist das große Geschenk des Enneagramms, dass es den Knoten des Egos sehr genau beschreibt. Unser Schwert ist achtsames Gewahrsein, und das Enneagramm zeigt uns den Knoten, den es zu durchtrennen gilt. Auf diese Weise ist Selbsterkenntnis möglich.“, Eli Jaxon-Bear

Neun Wege in die Freiheit

Das spannende am Enneagramm ist, dass es zu jeder „Ego-Fixierung auch einen „Erlösungsweg“ gibt, einen Weg in die Freiheit, ein Entwicklungsmodell für das menschliche Bewusstsein. Und das macht den Kern des Enneagramms eigentlich auch erst aus. Darauf kann an dieser Stelle leider nicht näher eingegangen werden und es sei auf die Fachliteratur am Ende des Artikels verwiesen.

Die Zusammenhänge von Hochsensibilität, MBTI und Enneagramm

Die Zusammenhänge von Hochsensibilität, dem Myers-Briggs Typenindikator und dem Enneagramm sollen hier näher beleuchtet und hergeleitet werden. Im ersten Schritt werden die Gemeinsamkeiten von Hochsensibilität und MBTI näher untersucht, da hier empirisch und theoretisch bereits einige Forschungsergebnisse zur Verfügung stehen. Der Zusammenhang Hochsensibilität und Enneagramm wird dann in weiterer Folge über die Typenkorrelation MBTI/Enneagramm hergestellt.

Hochsensibilität und MBTI

Die I-Faktor (Introversion)

Wie schon weiter oben angemerkt wurde, hat das Gehirn eines introvertiert veranlagten Menschen ein höheres Erregungspotential. Laut Definition besteht hier eine enge Verbindung zum Konzept der Hochsensibilität, denn diese ist laut Elaine N. Aron, die als Pionierin auf diesem Gebiet gilt, wie folgt definiert:

„Hochsensibilität“ ist ein „angeborener Wesenszug“, „der sich einerseits als Wahrnehmung von Feinheiten bei Reizen ausdrückt und andererseits als Potential, von zu starken Reizen überwältigt zu werden“ (Aron & Aron 1997; zitiert nach Aron 2014, S. 20).

Hochsensibilität ist Arons Erfahrung und Einschätzung nach ein „neutrales“ Wesensmerkmal, das sich durch eine spezielle Form der Wahrnehmung und ein „empfindsames Nervensystem“ äußert. Damit liegen die Ähnlichkeiten auf der Hand und berechtigterweise muss man hier auch die Frage stellen, warum man dann überhaupt einen Unterschied zwischen Hochsensibilität und Introversion machen sollte. Fest steht allerdings, dass Introversion im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr so verwendet wird wie der Begriff von Jung ursprünglich definiert war. Unter Introversion wird heute vor allem die soziale Introversion verstanden.

Beim MBTI-Test stellt sich immer wieder heraus, dass zahlreiche Menschen, die sich einem extrovertierten Typen wie ENFJ oder ENFP zuordnen, hochsensibel sind. Das könnte darin begründet liegen, dass diese Menschen durch hilfreiche Umstände gelernt haben, sich sozial aufgeschlossen zu verhalten, im Grunde genommen aber eigentlich introvertiert veranlagt wären.

Oder kurz gesagt: Introversion ist zwar ein naheliegendes, aber kein zwingendes Merkmal von Hochsensibilität.

Der N-Faktor (Intuition)

Die soziale Verhaltenswissenschaftlerin, Philosophin und Autorin Birgit Trappmann hat sich in einer Studie genau dieses Themas angenommen: den Zusammenhang zwischen dem N-Faktor Intuition des Myers-Briggs Typenindikators und dem Konzept der Hochsensibilität empirisch zu untersuchen.

In ihrer Studie wurden 5000 Probanden befragt, mit folgendem Resultat: „Im Ergebnis konnte gezeigt werden, dass Sensory-Processing Sensitivity (SPS) hoch mit N im Sinne des MBTI korreliert und viele Hinweise dafür sprechen, dass SPS mit intuitiver Wahrnehmung (N) identisch ist“, so Trappmann.

Die hohe Korrelation zwischen Sensory Processing Sensitivity (wissenschaftlicher Ausdruck für Hochsensibilität) und intuitiver Wahrnehmung deutet also darauf hin, dass diese beiden Konstrukte zumindest eine enge Beziehung aufweisen.

Ebenso sieht es David Ritchey, der Autor von „The H.I.S.S. of the A.S.P – Understanding the Anomalously Sensitive Person“. Laut Ritchey ist die Intuition der mit Abstand entscheidende Faktor im MBTI, ob jemand hochsensibel veranlagt ist oder nicht. Gefolgt von den Faktoren Introversion und Fühlen.

Schlussfolgerung Hochsensibilität und MBTI

Für den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und dem Myers-Briggs Typenindikator bedeutet dies, dass die sechs Typen mit der größten Wahrscheinlichkeit einer hochsensiblen Veranlagung folgende sind:

  1. INFJ
  2. INTJ
  3. INFP
  4. INTP
  5. ENFJ
  6. ENFP

Hier nochmals die schon bekannte MBTI Grafik – allerdings sind die Typen mit der größten Wahrscheinlichkeit einer hochsensiblen Veranlagung nun farblich hervorgehoben:

mbtienna

Hochsensibilität und Enneagramm

Den Zusammenhang von Hochsensibilität und dem Enneagramm können wir jetzt, nachdem wir die „hochsensiblen Typenmuster“ des MBTI ermittelt haben, über den Umweg der Korrelation zwischen MBTI Typen und Enneagramm Typen ermitteln.

Hier findet man diesbezüglich eine interessante Studie von Heidi Prieb, die in folgender Grafik nochmals auf die für uns relevanten hochsensiblen Typen umgelegt wurde (Quelle: http://a.disquscdn.com/uploads/mediaembed/images/3062/7275/original.jpg).

ergebnis

Daraus ergeben sich folgende Enneagramm-Typenmuster, bei denen eine hochsensible Veranlagung am wahrscheinlichsten ist:

  1. VIERer: Der romantische Individualist
  2. FÜNFer: Der denkende Beobachter
  3. ZWEIer: Der Helfer

Zusammenfassung: Hochsensibilität, MBTI und Enneagramm

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit zwischen den Typenmustern unterschiedlicher Persönlichkeitsmodelle und dem Konzept und Wesenszug der Hochsensibilität Gemeinsamkeiten gibt.

Im Falle des Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) sind die sechs Typen mit der größten Wahrscheinlichkeit einer hochsensiblen Veranlagung folgende:

  1. INFJ
  2. INTJ
  3. INFP
  4. INTP
  5. ENFJ
  6. ENFP

Im Falle des Enneagramms sind die drei Typen mit der größten Wahrscheinlichkeit einer hochsensiblen Veranlagung folgende:

  1. VIERer: Der romantische Individualist
  2. FÜNFer: Der denkende Beobachter
  3. ZWEIer: Der Helfer

Angemerkt sei, dass natürlich auch andere Typenmuster für eine hochsensible Veranlagung in Frage kommen, allerdings eben mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit.

Quellen

Aron, Elaine N. (2005): Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen *. mvg Verlag.
Marti Olsen Laney Psy.D. (2002): The Introvert Advantage: How to Thrive in an Extrovert World *. Workman Publishing Company
David Ritchey (2003): The H.I.S.S. of the A.S.P: Understanding the Anomalously Sensitive Person *. Headline Books.
Don Richard Ruso, Russ Hudson (2000): Die Weisheit des Enneagramms *. Goldmann Verlag.
Trappmann-Korr, Birgit (2014): Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal: Leben zwischen Hochbegabung und Reizüberflutung *. Verlag VAK, 6. Auflage.
Trappmann-Korr, Birgit (2014): Forschungsbericht zur Studie Hochsensitivität und Persönlichkeit. http://www.trappmann-korr.de/über-mich/vita/der-n-faktor-report/
Heidi Priebe (2016): Here Are The Most Common Enneagram Types For Each Myers-Briggs Personality Type. http://thoughtcatalog.com/heidi-priebe/2016/01/mbti-and-the-enneagram-2/
Personality Hacker (2014): Understanding the Enneagram. http://www.personalityhacker.com/understanding-the-enneagram/
Petra Weiß (2014): Das Enneagramm als Wegweiser zum wahren Selbst. http://www.netzwerk-frauengesundheit.com/das-enneagramm-als-wegweiser-zum-wahren-selbst/
Pamela Michaelis (2008): Enneagramm – Neun Realitäten einer Ganzheit. https://www.sein.de/neun-realitaeten-einer-ganzheit/
Aerzteblatt.de (2009) Botenstoff im Gehirn fördert das Lernen und hemmt das Erinnern. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/37519

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