Was tun bei einer Midlife-Crises? Hochsensibilität und Krise

Obwohl wir alle paar Jahre generell einen Perspektivenwechsel vollziehen, scheint die Welt mit etwa Mitte 40 plötzlich Kopf zu stehen: Midlife: crisis. In der Lebensmitte geraten viele  nicht nur hochsensible Menschen – ins Straucheln, weil sich unbeantwortete Fragen des Lebens in den Vordergrund drängen. Die wenigsten Menschen haben zu dem Zeitpunkt eine innere Reife erlangt, die sie so gefestigt hat, dass sie nun zufrieden und gelassen die Früchte ihrer Arbeit genießen. Stattdessen tut sich bei vielen ein riesiger Berg voller Fragezeichen auf. Plötzlich spürt man, bewusst oder unbewusst, dass es an der Zeit ist, Bilanz zu ziehen.

Der Zustand sorgt für eine pessimistische Sichtweise auf das Leben. Kein Wunder, denn der Mensch befindet sich in diesem Alter in der Halbzeit der Lebenserwartung. Es ist ganz normal, dass wir in einem inneren Dialog mit uns selbst treten und reflektieren, was wir in unserem Leben geleistet haben, um uns neue Ziele setzen zu können. Im dritten Lebensjahrzehnt sind die meisten Menschen sehr aktiv: Wir arbeiten an unseren Träumen, wollen uns verwirklichen, haben Fähigkeiten und Kenntnissen, die wir geschickt einsetzen wollen. Kurz gesagt: Wir arbeiten hart, um die Früchte in den kommenden Lebensjahren ernten zu können. Doch nicht nur auf dieser Ebene passiert in diesem Lebensabschnitt sehr viel — auch privat stellen wir entscheidende Weichen, welche die zukünftigen Jahre stark beeinflussen. So gründen in dieser Zeit viele Menschen eine Familie, man heiratet seinen Partner, mit dem man alt werden möchte, man bezieht ein Haus und möchte in diesem viele Jahre wohnen.

„Große Veränderungen in unserem Leben können eine zweite Chance sein.“ — Harrison Ford

Doch manchmal kommt es anders, als wir denken. Das Leben lässt sich nicht bis ins Detail planen und auch der Mensch ist nicht konstant in seinen Einstellungen und Ansichten. Wir verändern uns und richten unsere Ziele immer wieder neu aus. So kann es vorkommen, dass das bisher Erreichte nach einigen Jahren seinen Wert für uns verliert. Besonders Hochsensible reagieren auf diesen Umstand sehr empfindlich und beginnen, an ihrem Leben zu zweifeln. Nimmt die Midlife-Crises immer mehr Raum ein, wird man schnell unzufrieden und strebt neue Veränderungen an. Man möchte noch einmal bei Null anfangen: Ein neuer Job soll her, neue Herausforderungen sollen geschaffen werden oder die Sehnsucht nach einem anderen Partner und dem Gefühl der Verliebtheit wächst in einem. Man zieht Bilanz und hinterfragt, ob der bisherige Lebensweg der richtige für einen ist. Man denkt über vergangene Entscheidungen nach und vielleicht entsteht das Gefühl, dass nicht Weg A sondern Weg B der bessere gewesen wäre. Doch für eine große Veränderung, so glauben viele, ist es meist zu spät.

In der Midlifecrises: Kleine Ziele statt negative Gedanken

Jeder von uns kennt solche Gedanken, doch nicht immer schlagen sich diese in einer knallharten Midlife-Crises nieder. Hochsensible Menschen leiden besonders unter diesem Phänomen und oftmals fehlen die richtigen Strategien, um die Midlife-Crises aus dem Weg zu räumen. So kann es passieren, dass eine depressive Verstimmung auftritt, die sich langfristig in einer Depression manifestieren kann. Auch Identitätskonflikte sind möglich.

Jede Krise ist ein belastendes Ereignis im Leben und es gilt, diese zu meistern. Kommt die Hochsensibilität hinzu, so verzweifeln viele Menschen und fühlen sich schlichtweg überfordert mit dieser Situation. In diesem Fall ist es wichtig, dass neuer Mut gefasst wird, denn es ist möglich, das Ruder rumzureißen.

„Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus 2 Schriftzeichen zusammen – das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit.“ — John F. Kennedy

Anstatt sich der Situation hinzugeben sollte immer bedacht werden, dass nur wir alleine für unseren Lebensweg verantwortlich sind. Jeder kann eine Veränderung bewirken — was es dafür braucht ist ein neues Ziel, viel Mut und weniger Angst. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, deswegen ist es ratsamer, den Fokus nach vorne zu richten und die negativen Gedanken durch positive Handlungen zu ersetzen. Überlegen Sie genau, was genau Sie an Ihrem Leben nicht mögen und was Sie gerne verändern möchten. Denken Sie in kleinen Schritten und setzen Sie sich kleine Ziele, denn diese sind realitätsnah und einfacher zu erreichen. Es ist nie zu spät, das Schicksal in die Hand zu nehmen und sich für Veränderungen einzusetzen…und diese sind schliesslich der beste Weg aus der Krise. 

Kontakt zu sich selbst suchen

Stärker als jemals zuvor geht es jetzt darum, in Kontakt zu sich selbst zu treten, die Potentiale zu erkennen, sich zu fragen, was aus den vielen Träumen geworden ist. Für Hochsensible kann das Meer der Möglichkeiten dabei noch viel größer und unheimlicher sein als für andere. Gleichzeitig machen sich jetzt verstärkt die eigenen Unzulänglichkeiten bemerkbar, alte Wunden und Erlebnisse, verpasste Chancen treten in den Vordergrund, die lange verschüttet oder ausgeblendet waren. Vielleicht gibt es Ängste, die sie nicht mehr bereit sind zu ertragen, vielleicht äußern sich auch die Anstrengungen der vergangenen Jahre, die immer wieder unterdrückt wurden, jetzt zum ersten Mal als eine gewaltige, allumfassende und echte Trauer.

Manche entdecken mit zunehmender Selbstständigkeit ihrer Kinder, dass sie jahrelang ein Rollenverhalten gelebt haben, das sie so eigentlich nie gewollt haben. Eine Art innerer Widerstand macht sich bemerkbar, manchmal sogar ein Gefühl der Rebellion, die Sehnsucht nach Freiheit, nach dem Ungewöhnlichen, nach dem „Nicht-mehr-lieb-sein-müssen“.

Im schlimmsten Falle trifft man bei all dem auf ein Vakuum, im besten auf seine innigsten Träume und Bedürfnisse. Vielleicht sind Sieunzufrieden, wütend, traurig und ängstlich, vielleicht kündigen Sie Partnerschaft und Job, brechen aus auf der Suche nach sich selbst.

Bei Hochsensiblen, die den Zugang zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen verlernt haben, können jetzt Phasen der Depression und Symptome des „Ausgebranntseins“ (Burn-out) auftreten. Sie verlieren ihre Orientierung, ihren Halt. Die Idealvorstellung von sich selbst, zum Beispiel als Super-Mutter oder Karrierefrau, hat ausgedient und das kann Angst machen. Bisher konnten sie sich hinter Aufgaben, Anleitungen und Rollen als Ehefrau/mann, Mutter/Vater, Arbeitnehmer/in verstecken, selbstbestimmt und authentisch zu agieren haben sie jedoch vielleicht niemals gelernt und wissen daher nun nicht mit sich selbst und den Möglichkeiten, die ihnen das Leben bietet, umzugehen. Stattdessen fühlen sie sich einfach nicht mehr gebraucht.

Andere erkennen sich selbst jetzt zum ersten Mal als Hochsensible und lernen plötzlich ihr Denken und Fühlen zu verstehen. Möglicherweise finden sie in der Lebensmitte endlich einen Weg, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind und erleben einen neue Identität. Der Abschied von Jugend, Verpflichtungen und vergangenen Idealen wird dann weniger zum Verlust als zu einem Befreiungsschlag. Nun müssen sie sich und ihr Verhalten vor niemand anderem mehr rechtfertigen – außer vor sich selbst. Der äußere Druck wird weniger, sie selbst gelassener. Sie freuen sich an der Chance zur Selbstannahme und nehmen sie beherzt wahr.

Midlife-Crises als Chance

Dieser Umbruch in der Lebensmitte kann sich wie eine Krise anfühlen, ist aber letztendlich eine große Chance. Es kommt darauf an, wie man damit umgest. Wer die Verantwortung für sich selbst übernimmt, sich mit Vergangenem konstruktiv auseinandersetzt, offen für kreative Lösungen ist, seine Ansprüche den Möglichkeiten angleicht und sich nicht als Opfer der Umstände sieht, kann jetzt einen Weg zur neuen Zufriedenheit finden.

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