Hochsensibilität und Psychotherapie

Wer krank ist, der geht zum Arzt und lässt sich behandeln. Das ist für uns heute selbstverständlich und niemand denkt lange darüber nach. Ob ein Magen-Darm-Virus oder eine Grippe, ein gebrochener Knochen oder auch ein eher delikates Problem wie beispielsweise Hämorrhoiden, der Weg führt uns ganz selbstverständlich zum Arzt oder ins Krankenhaus.

Was für körperliche Beschwerden gilt, gilt aber noch immer nicht für seelische Leiden, denn der Gang zum Therapeuten oder Psychologen ist noch heute bei vielen Menschen mit einem Tabu behaftet, sie haben Angst vor einer möglichen Stigmatisierung und davor als „verrückt“ abgestempelt zu werden. 

Hochsensible Menschen in Therapie

Hochsensibilität ist keine Krankheit, sie kann aber krank machen. Unter den PatientInneen, die an Depressionen, Burn-out oder Angststörungen leiden, wird man sicher auch einen nicht unerheblichen Anteil an Hochsensiblen antreffen. Das Gefühl, anders zu sein, die Überforderung der Sinne, des Herzens oder beider, die erzwungene Unterdrückung eines elementaren Teils seiner selbst, die Fremdorientierung an Idealbildern, der Mangel an Selbstwertgefühl, die permanente Maßregelung seiner selbst, Versagensängste oder die Furcht davor, verlassen zu werden, der Mangel an Selbstliebe und die mangelnde Erfüllung von Sehnsüchten, Probleme mit dem Umfeld und in der Familie, Arbeitsunfähigkeit und chronische Erschöpfung sowie eventuelle körperliche Auswirkungen der Überempfindlichkeit können eine therapeutische Begleitung notwendig machen.

Es liegt dabei nicht daran, dass Hochsensible schwach sind, sondern an der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen Leistungs- und Erwartungsdruck und dem Leben der eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Individualität.

Ist die Psychotherapie noch immer ein Tabu?

Sicherlich hat sich in den vergangenen Jahren auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen und der gesellschaftlichen Akzeptanz eben dieser viel getan. Doch noch immer ist es etwas anderes, ob man wegen eines gebrochenen Beins oder eines vereiterten Zahns einen Arzt aufsucht oder wegen einer Depression, einer Angststörung oder einem Burnout.

Während die körperliche Erkrankung für jeden nachvollziehbar, oft sogar sichtbar und offenkundig behandlungsbedürftig ist, schwingt bei der psychischen Erkrankung noch immer die Erwartungshaltung mit, man müsse sich “zusammenreißen“, dürfe sich nicht gehen lassen. Man dürfe sich nicht so in seine Gefühle hineinsteigern, dann gehe das schon wieder. Schließlich habe man ja eigentlich gar nichts…außer das, was man eben im Kopf zu haben meint. Diese Haltung ist oft im Umfeld psychisch Kranker zu beobachten und auch bei den psychisch Kranken selbst, die meist viel zu lange warten, bevor sie sich in therapeutische Behandlung begeben.

Und so eigenartig diese Haltung auch ist, sie hält sich hartnäckig. Niemand käme wohl auf die Idee, jemandem, der sich gerade das Bein gebrochen hat, zu sagen, er möge sich doch bitte zusammenreißen und sich nicht so in den Knochenbruch hineinsteigern…den Spaziergang könne man jetzt doch wohl noch beenden, das sei alles eine Frage der Disziplin. Ganz im Gegenteil, es würde darauf gedrängt werden, sich nicht zu bewegen, um den Bruch nicht zu verschlimmern, ein Krankenwagen würde gerufen werden und man würde sich behandeln lassen. Geht es jedoch nicht um eine unfallchirurgische Behandlung, sondern um eine Psychotherapie, wird der Sinn und Nutzen oft heruntergespielt.

Im Jahr 2010 ergab eine Studie vom Robert-Koch-Institut, dass fast die Hälfte aller Deutschen einmal in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung leiden und die Zahl derer, die sich damit in eine psychotherapeutische Behandlung begeben, steigt seit Jahren an, doch von der Selbstverständlichkeit mit der die Behandlung einer körperlichen Erkrankung in Anspruch genommen wird, ist sie noch immer weit entfernt.

Ist die Psychotherapie eine Wunderwaffe?

Eine Wunderwaffe ist sie sicher nicht, doch die oben bereits erwähnte Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2010 zeigte, dass ebenso wie bei physischen Erkrankungen die Chancen auf Heilung oder Besserung einer psychischen Erkrankung bei 70 bis 80 % liegen. Damit ist die Psychotherapie kein Wundermittel, sondern eine wirksame Behandlungs- und Heilmethode für eine Erkrankung, ebenso wie eine Operation, ein Gips oder eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.

Durch Worte kann der Mensch den anderen selig machen oder zur Verzweiflung treiben, durch Worte überträgt der Lehrer sein Wissen auf die Schüler, durch Worte reißt der Redner die Versammlung der Zuhörer mit sich fort und bestimmt Urteile und Entscheidungen. Worte rufen Affekte hervor und sind das allgemeine Mittel zur Beeinflussung der Menschen untereinander.  Sigmund Freud

Therapie ist ganzheitlich 

Psychotherapie ist anders. Anders als der herkömmlich reduktionistische Ansatz der „westlichen“ Medizin den „Teil“ zu behandeln: den Knochen oder den Zahn, das Herz oder die Niere, das Auge oder das Ohr. Psychotherapie sieht den Menschen, den Menschen als „Ganzes“, den Menschen als holistische Einheit, das „Ganze“ als „mehr als die Summe seiner Einzelteile“. Und genau das macht sie besondes.

Wer leidet, sollte sich Hilfe holen

Wer leidet, sollte sich Hilfe holen. Das ist nicht nur normal, sondern auch ein Zugeständnis an den Respekt vor dem eigenen Wohl. Wer sich helfen oder unterstützen lässt, der nimmt sich ernst und besitzt die Weisheit, zu delegieren, was er nicht leisten kann. Eine seelische Beeinträchtigung darf und sollte man genauso von ExpertInnen behandeln lassen wie eine Entzündung oder ein Geschwür. Außer im Fachgebiet unterscheiden die Erkrankungen sich in ihrer Bedeutung nicht. Schämen muss man sich dafür schon gar nicht.

Was aber kann eine psychotherapeutische Begleitung leisten? Ich glaube, das wichtigste überhaupt ist, sich in einer Therapie selbst kennen- und wertschätzen zu lernen. Erst wenn ich weiß, wer ich bin, kann ich auch meine Ziele formulieren und Veränderungen angehen. Ich brauche eine Basis, von der aus ich agiere, die mir Handlungsmuster verdeutlicht und Automatismen erklärt.

Unterschiedliche Therapieformen

Für manche ist es wichtig, noch einmal ihre Vergangenheit (zum Beispiel mit Hilfe der tiefenpsychologischen Therapie) anzuschauen, den Schmerz ein Stück weit noch einmal zu durchleben, um sich dann davon verabschieden und das Erwachsenenleben annehmen zu können. Wir Menschen können eine ganze Menge unterdrücken, es gibt aber Erlebnisse, die ihre Spuren versteckt in uns hinterlassen haben und in unseren schwächsten Momenten immer wieder aufbrechen. Sie fordern einfach ihren Tribut, erst seelisch und, wenn wir sie weiterhin nicht ansehen wollen, dann unter Umständen auch körperlich.

Andere brauchen die Erklärung ihrer Handlungsmuster und eine Anleitung, um sie ändern zu können (zum Beispiel in der Verhaltenstherapie), damit sie nicht immer wieder in die gleiche Falle tappen. Die Therapie begleitet sie im Alltäglichen und macht alternative Handlungsoptionen möglich. Sie überlistet das assoziative Gedächtnis, das uns in aktuellen Situationen handeln lässt wie in vergleichbaren vergangenen, die uns einerseits nicht gutgetan haben und andererseits auch der Kompetenzen entbehrt (z.B. als Kind), die wir heute (als Erwachsene) haben.

In einer Gruppentherapie lernt man vielleicht zum ersten Mal, dass man mit seinen Problemen nicht alleine dasteht, sondern es durchaus andere Menschen gibt, die ähnliches erfahren haben, aber vielleicht damit anders umgegangen sind oder für sich eine Lösung gefunden haben. In dieser Therapie profitiert jeder von den Erfahrungen der anderen, wert- und urteilsfrei. Schon alleine dadurch, dass die Gruppe auch deutlich macht, dass man nicht alleine, anders oder komisch ist, kann sie ein Bonus für das Selbstwertgefühl sein.

Eine Therapie erfordert Geduld

Eine Therapie erfordert Geduld, Akzeptanz und Bereitschaft. Es gibt keine allgemeingültige Empfehlung, welche Therapie die beste ist und welche den gewünschten Erfolg bringt. Nicht unwesentlich ist dabei sicher ein „guter Draht“ zu den TherapeutInnen. Manchmal hilft die Therapie auch gar nicht oder man wechselt von einem Therapeuten zum anderen und findet keinen, von dem man sich wirklich verstanden fühlt. All das kann passieren. Dann ist das eben für Dich nicht das Richtige.

In dem Fall liegt es an Dir, das geeignete Mittel zur Erkenntnis und Veränderung zu finden. Auch die Literatur, gute Freunde, die Familie oder Selbstreflexion –zum Beispiel durch das Führen eines Tagebuchs – oder Entspannungstechniken können wertvolle Begleiter sein. Je näher Du Deinen Bedürfnissen kommst, desto sicherer wirst Du finden, was Dir guttut.

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