Hochsensibilität und Pubertät

Kannst Du Dich noch an Deine eigene Pubertät erinnern? Dieses verzweifelte Gefühl, dass Dich keiner wirklich versteht? An die Sehnsucht nach einer selbstbestimmten Zukunft und gleichzeitig nach der Geborgenheit und Sicherheit elterlicher Fürsorge? An die befremdlichen Veränderungen Deines Körpers und den ständigen Vergleich mit Gleichaltrigen? Die ersten sexuellen Sehnsüchte, das Ausprobieren, die Suche nach einem/einer Seelenverwandten?

Der Körper wird durch die hormonellen Veränderungen extrem gefordert, die Gefühle sind unberechenbar geworden. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt schwankt die Stimmung in kürzesten Abständen. Du suchst nach Idealen, an denen Du Dich orientieren kannst, verlierst Dich in Träumen. Die Pubertät ist eine Entwicklungsphase im Ausnahmezustand.

Die Elternrolle in der Pubertät

Im günstigsten Fall bist Du ein bewusstes Elternteil, das sich an seine eigene Pubertät erinnert und ein gleichgeschlechtliches, hochsensibles Kind durch diese Phase begleitet. Dann kannst Du eventuell nachvollziehen, was sich im Körper Deines Kindes vollzieht und Dich gleichzeitig auf eine gesunde Art gegen den Wankelmut und die Anfeindungen abgrenzen.

Nicht so ideal ist ein hochsensibler Elternteil, der sich seiner eigenen Sensibilität nicht bewusst ist und ein hochsensibles gegengeschlechtliches Kind großzieht.  Die verwirrende Vielfalt an Gefühlen und Gedanken, die diese Phase dann für beide mit sich bringt, kann besonders schwer zu bewerkstelligen sein.

Es ist ein großer Vorteil, wenn Elternteil und Kind im Laufe der Jahre gelernt haben, offen und wertfrei zu kommunizieren und bereit sind, den Standpunkt des/der anderen zu respektieren. Denn generell ist jedes Problem nur halb so bedrohlich, wenn man darüber sprechen und gemeinsame Lösungswege formulieren kann. Gleichzeitig ist in der pubertären Phase in besonderem Maße die Fähigkeit gefragt, loslassen zu können und Verantwortlichkeiten abzugeben respektive aufzunehmen. Was das genau heißt, müssen wir getrennt von den jeweiligen Positionen betrachten. Grundsätzlich kann aber die konstruktive Auseinandersetzung mit der Pubertät, auch wenn sie sich noch so verrückt gestaltet, ein wichtiger Meilenstein zu einem verantwortungsvollen und sozialkompetenten Erwachsenenleben sein.

Der/Die pubertierende, hochsensible Jugendliche

Der/die Jugendliche erlebt einen schnellen Wechsel zwischen erwachsenen Anteil und dem des Kindes. Der Drang nach Selbstbestimmung und der Wunsch nach Obhut und Sicherheit zeigen sich eine ganze Zeit lang parallel. Die Abgrenzungskompetenz des pubertierenden Kindes vor äußeren und inneren Reizen erfährt im Jugendlichen noch einmal eine Erschütterung, weil die Reize neu sind, unvorbereitet kommen und anders bewertet werden. Von jetzt auf gleich sind für Jungs zum Beispiel die Mädchen, die früher generell doof waren, attraktiv und begehrenswert und müssen beeindruckt werden.

Die Selbstsicherheit steht auf wackeligen Beinen. Obwohl der/die Jugendliche versucht, sich zunehmend mehr vom Elternhaus freizuschwimmen, braucht er/sie doch gleichzeitig ein dosiertes Maß an elterlicher Aufmerksamkeit, Unterstützung und Ermutigung. Jetzt möchte er/sie in den verschiedenen Rollenversuchen besonders ernst genommen werden, während er/sie auf Bevormundung und Bedrängung mit gut gemeinten Ratschlägen häufig mit Abwehr reagiert. Sein/Ihr erwachsener Anteil fordert den respektvollen Umgang, sein kindlicher Geborgenheit und Unterstützung. Auch muss die körperliche und seelische Schamgrenze des/der Jugendlichen noch mehr als zuvor penibel geachtet werden.

Die Verunsicherung in der Selbstwahrnehmung und die erneute Verschiebung bekannter Grenzen erzeugt unter Umständen ein großes Aggressions- oder Rückzugspotential im Kind, mit dem beidseitig angemessen umgegangen werden muss. Der/Die Jugendliche fühlt sich wahrscheinlich hin und wieder von den Eltern alleine gelassen, weil er/sie lernen muss, zukünftig mit seinen/ihren Schwächen, aber auch mit Stärken alleine zurechtzukommen.

Die Gefahr, dass er/sie sich unter Umständen problematischen Gruppierungen anschließt, ist in dieser Phase besonders groß, weil sie Jugendlichen das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln.

Hochsensible Jungs haben in ihrer Entwicklung noch zusätzlich mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass sie einem gesellschaftlich anerkannten Männerbild entsprechen sollen, wo Feinfühligkeit und Sensibilität eher eine untergeordnete Rolle spielen. So wird der Jugendliche mit einer äußerst zwiespältigen Diskrepanz zwischen Außenbild und inneren Bedürfnissen konfrontiert.

Die Mädchen werden mit idealen Schönheitsattributen verglichen, die sie in der Pubertät mit ihrem sehr hohen Anspruch an sich selbst an ihrem Selbstbild verzweifeln lassen.

Die Anforderungen an Jugendliche können so groß werden, dass die Versuchung, sich durch Suchtmittel oder selbstverletzendes Verhalten der Auseinandersetzung mit sich selbst zu entziehen, besonders attraktiv wird. Die schwindende Sicherheit in der Pubertät erhöht in diesem Fall die Abhängigkeiten von Mitteln, Menschen und Methoden, die scheinbare Sicherheit und erfolgreiche Leistungen vorgaukeln oder schüren. Daher dürfen sich Eltern weder von rebellischer Extrovertiertheit noch von ungewöhnlichem Rückzug täuschen lassen. Sie können Ausdruck dafür sein, dass der/die Jugendliche Orientierung und Halt verloren hat.

Anforderungen an die Eltern in der Pubertät

Eltern müssen in dieser Phase der Erziehung die Kompetenz beherrschen, standhaft zu sein, sich selbst abzugrenzen und die Widerstände des Kindes nicht als persönliche Kritik zu werten. Das Handeln auf einer übergeordneten Perspektive erfährt noch einmal einen ganz besonderen Stellenwert. Jetzt kommt auch auf die Eltern die Aufgabe zu, ihr Kind neu zu entdecken, gegebenenfalls Grenzen aufzuweichen und Toleranzschwellen zu verschieben. Sie müssen dem/der Jugendlichen zunehmend Verantwortung und Freiraum geben und zunehmend vom Erziehungsberechtigten zu einem stillen Teilhaber werden. Wer sein Kind in der Pubertät noch übermäßig verwöhnt oder beschützt, hindert es unter Umständen daran, sich zu einem selbstbewussten, autarken und wagemutigen Erwachsenen zu entwickeln, der seinen eigenen Kräften vertraut.

  • sich selbst abzunabeln und das Kind vertrauensvoll frei zu lassen
  • Kritik auszuhalten und sich aus übergeordneter Perspektive auseinanderzusetzen
  • dem/der Jugendlichen das Vertrauen zu geben, dass er/sie sich jederzeit und restriktionsfrei an Dich wenden kann
  • seelische Bedrohungen rechtzeitig zu erkennen und angemessen gegenzusteuern
  • den/die Jugendliche/n in seiner/ihrer Authentizität zu bestärken
  • eine gute Streit- und Kommunikationskultur zu üben, die nicht Spannungen erzeugt, sondern Lösungen bietet
  • eine ausgewogene Balance zwischen dem Aufweichen und der Beibehaltung von Regeln zu finden
  • über Anorexie, Suizid, Sexualität und Drogenkonsum offen zu sprechen und eine Vertrauensbasis zu schaffen, in der der/die Jugendliche auch über Versuchungen, Süchte, Fehler ehrlich reden kann
  • aktives Zuhören zu üben (ich verstehe, dass Du…ist das richtig?) – subtil, nicht schematisch
  • den Platz als Vertrauensperson mit anderen zu teilen oder ganz abzugeben. Jetzt können LehrerInnen, TrainerInnen oder Verwandte, denen sich der/die Jugendliche eher öffnet als Dir, einen wichtigeren Stellenwert einnehmen.
  • Kompetenzen und Selbstwertgefühl zu stärken
  • die/den Jugendliche/n ermutigen, Konflikte aktiv zu gestalten, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und für sich selbst einzustehen
  • die Privatsphäre der/des Jugendlichen zu respektieren
  • ehrlich und klar ihre/seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu zeigen, zur persönlichen Meinung zu stehen und Toleranz, Anstand und Respekt vorzuleben.
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