Hochsensible und das Alleinsein

Wenn jemand häufiger alleine sein möchte, wird er in unserer Gesellschaft oft als „eigenbrödlerisch“ abgestempelt. Der Zwang zur Geselligkeit drückt. Zwar kann man schon mal sagen, dass man keine Lust hat, zu müde ist oder einmal richtig „relaxen“ möchte. Kommt das aber häufiger vor, gerät man in Erklärungsnot, wird bedrängt oder meint, Geschichten erfinden zu müssen, um sein Ruhebedürfnis durchsetzen zu können. Nicht selten hat man dann so ein schlechtes Gewissen, dass man keine Chance hat, zur Ruhe zu kommen.

Hochsensibilität und das Bedürfnis nach Rückzug

Gerade hochsensible Menschen brauchen aber oft Ruheinseln, um Ereignisse zu verarbeiten und nachklingen zu lassen, sich zu sortieren und einen Ausgleich zu der ständigen Reizüberflutung finden zu können. Nur im Alleinsein können sie, unbeeinflusst von Meinungen, Blicken, Ansprachen und Beeinflussungen, fließen lassen, sich entspannen, ihren Vorlieben und Bedürfnissen nachgehen. Das temporäre Alleinsein ist für Hochsensible eine Notwendigkeit.

Um dem Wunsch nach dem Alleinsein Ausdruck verleihen zu können, muss man sich und seine Bedürfnisse ernst nehmen und Widerstände aushalten können. Nur wer überzeugt für sich einsteht, lässt sich nicht überreden, dem Gruppenzwang zu folgen. Der kann auch widerstehen, wenn andere Kritik üben. Ein Mensch mit Selbstwertgefühl steht für seine Bedürfnisse ein, verliert sich nicht in Ausflüchten, entschuldigt sich nicht dafür, dass er für sich sorgt, sondern tut sich Gutes und genießt das auch. Er ist in der Lage, sich und anderen zu sagen, dass er allein sein möchte, ohne weitere Diskussion, ohne Wenn und Aber.

Schwierig wird es erst, wenn ein Mensch sich seine Bedürfnisse nicht eingesteht, sie vielleicht sogar noch nicht einmal selbst versteht und stattdessen tut, was man eben so tut. So jemand wird eventuell aufgrund unterdrückter Sehnsüchte unter Dauerstress stehen und im Alleinsein keine Ruhe finden. Er/Sie wird auch nicht verstehen, wie man die Auszeit für sich nutzt, um zu verarbeiten und Kräfte zu sammeln, weil er/sie es nicht mehr gewohnt ist. Vielleicht wird diese Person sogar das Alleinsein als Langeweile bewerten und – anstatt sich ihr hinzugeben – hektisch versuchen, sich zu beschäftigen, sich künstlich neue Reize zu schaffen, um nicht mit sich selbst konfrontiert zu sein.

Schwierigkeiten im Alleinsein

Natürlich kann das Alleinsein schwierig sein. Zwischen allein sein und einsam sein steht manchmal nur der Verstand. Alleinsein macht alles möglich: tiefe Traurigkeit, extreme Spannungen, Unruhe und das Auftreten lang unterdrückter Gefühle und Gedanken. Es schafft aber auch den Raum, um im positiven Sinne leer zu werden, sich zu sortieren und Kraftreserven aufzufüllen. Vielleicht ist es anfangs anstrengend, die Ruhe auszuhalten. Doch mit der Zeit weckt sie kreative Kräfte, führt Dich zu Dir selbst und lässt Dich spüren, dass Du ein eigenständiger, selbstbestimmter Mensch bist.

Wenn es Dir schwerfällt, die Zeit mit Dir auszuhalten, dann suche Dir Entspannungstechniken, kreative Arbeiten, die Deine Hände, aber nicht Deinen Kopf beschäftigen, oder schreibe auf, was Dir durch den Kopf geht. Es gibt bestimmt eine geeignete Methode für Dich, um Deine Gedanken und Gefühle fließen zu lassen und Dich von Deinem Werteschema, wenigstens für einen Moment, zu befreien. Alleine zu sein bedeutet nicht zwingend, aktivitätslos zu sein. Aber es beinhaltet unbedingt, dich mit Dir selbst auseinanderzusetzen und Dich selbst kennenzulernen.

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