Ratschläge gegen Schamgefühle

Jeder Mensch kennt Situationen, in denen er sich für etwas schämt. Diese Situationen sind oft unangenehm, man wird rot, möchte am liebsten im Boden versinken und fühlt sich sehr unwohl. Aber warum schämen wir uns überhaupt?

Das Schamgefühl – ein zutiefst menschliches Gefühl

Schamgefühl ist nicht angeboren, es wird anerzogen. Kleine Kinder beispielsweise kennen keine Scham, wenn sie nackt herumlaufen oder laut hörbar Fragen stellen, die ihren Eltern peinlich sind. Erst im Laufe der Zeit lernen die Kinder „was sich gehört“ und was nicht. Die Schwelle des Schamgefühls ist daher sowohl kulturell als auch individuell verschieden. Was dem einen hochnotpeinlich ist und wofür er sich in Grund und Boden schämt, das ist für einen anderen unter Umständen keinen zweiten Gedanken wert. Und eine weitere Besonderheit hat das Schamgefühl: Es ist eine rein menschliche Regung, denn Tiere kennen keine Scham.

Menschen schämen sich, wenn sie etwas falsch gemacht haben, wenn ihnen ein Missgeschick passiert ist, wenn sie gesellschaftliche Regeln missachtet und Tabus gebrochen haben und wenn sie den Anforderungen ihrer Mitmenschen nicht genügen oder nicht zu genügen meinen.

Ein gewisses Maß an Schamgefühl ist gesund und wichtig, denn es hilft den einzelnen Individuen, geltende Normen innerhalb einer Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Das Schamgefühl wirkt wie eine Beschwichtigung für die Außenwelt und signalisiert: „Ich habe etwas falsch gemacht, Grenzen übertreten und ich schäme mich dafür. Mir geht es nicht gut damit und ich werde mich in Zukunft an die Regeln halten.“

Ein übertriebenes Schamgefühl hingegen führt zu sozialem Rückzug und Isolation. Die Scham ist oft mit Schuldgefühlen und Minderwertigkeitsgefühlen verbunden, es besteht die Angst, den Anforderungen der Gesellschaft nicht zu genügen, wertlos zu sein.

„Es ist niemals schwieriger, das rechte Wort zu finden, als wenn man sich schämt.“, François de La Rochefoucauld

Hochsensibilität und Scham

Hochsensible Menschen haben eine vergleichsweise niedrige Reizschwelle und nehmen alle Umweltreize viel intensiver wahr. Das führt im Alltag durchaus zu problematischen Situationen, wenn der hochsensible Mensch beispielsweise das Gedränge in der U-Bahn mit all den Geräuschen, Gerüchen, den visuellen Reizen nicht oder nur sehr schlecht aushält. Aber fahren denn nicht alle anderen morgens mit der U-Bahn in die Arbeit, ohne von Lärm und Chaos beeinträchtigt zu werden? Und schon ist es da – das Schamgefühl, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht belastbar genug zu sein, nicht so stark zu sein wie die anderen.

Hochsensible Menschen leiden oft an ständiger Reizüberflutung und brauchen daher öfter Pausen, kleine Auszeiten, in denen sie sich regenerieren können – und auch da ist es wieder, das Schamgefühl. Warum bin ich nicht so belastbar wie die anderen? Warum halte ich nicht aus, was meine Kollegen und Kolleginnen aushalten?

Die Antwort ist einfach: Weil hochsensible Menschen anders sind und die Umwelt anders wahrnehmen. Das ist weder eine Krankheit noch ein Makel, nichts wofür man sich schuldig fühlen oder schämen müsste, sondern einfach eine Besonderheit, die schätzungsweise 15 bis 20 % aller Menschen aufweisen. Hochsensible Menschen nehmen mehr Reize auf als andere Menschen und haben dadurch weitaus mehr Informationen zur Verfügung, was sie dazu befähigt, Situationen besser, schneller und genauer einschätzen zu können. Andererseits wird aber das Gehirn ständig von einer solchen Fülle an Informationen überflutet, dass es schnell ermüdet und die Reizüberflutung nicht mehr erträgt. Der hochsensible Mensch ist überfordert – und schämt sich dafür.

So vermeiden Sie es, sich für Ihre Hochsensibilität zu schämen

Ein Satz, den hochsensible Menschen oft zu hören bekommen ist: „Du bist aber empfindlich…“ und oft schwingt ein latentes „Stell dich doch nicht immer so an“ in diesem Satz mit. Und selbst wenn es nicht mitschwingt, der hochsensible Mensch wird es, aus vorhergegangenen Erfahrungen, oftmals trotzdem hören.

Nun denken Sie einmal an ein Lebewesen mit einer sehr empfindlichen Nase: den Hund. Jeder, der einen Hund hat oder auch nur einmal einem Hund beim Schnüffeln zugesehen hat, weiß, dass dem Hund eine ganze Welt offensteht, die uns verborgen bleibt. Eine geheime Welt der Gerüche, in der der Hund ganz genau weiß, ob sein Erzfeind oder sein Spielkumpel vor drei Stunden seine Markierung an diesem Grasbüschel hinterlassen hat, dass dort vor einigen Stunden ein Eichhörnchen ein paar Nüsse geknabbert hat und da oben auf dem Zaun noch vor 10 Minuten die Nachbarskatze saß. Und warum weiß er das alles? Er hat halt eine sehr empfindliche Nase… Und auch der Hund ist schnell reizüberflutet, ein Suchhund beispielsweise ist nicht in der Lage, länger als eine halbe Stunde intensiv zu arbeiten.

Sehen Sie Ihre Hochsensibilität nicht als Makel, als Krankheit an, denn es ist keine. Manche Menschen werden mit einer außergewöhnlich schönen Singstimme geboren, andere haben ein Talent zum Zeichnen oder für höhere Mathematik, alles Eigenschaften, die bewundert werden. Hochsensible Menschen haben eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit und Sie haben keinerlei Grund, sich für diese Begabung zu schämen.  

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