Tipps um hochsensiblen Kindern den Eintritt in die Schule und den Schulalltag zu erleichtern

Hochsensible Kinder sind selten die ersten im Mannschaftssport. Wahrscheinlich wird man sie nicht unter den Gruppenführern finden und die Ersten, die sich melden, wenn eine Aufgabe gestellt wird, werden sie womöglich auch nicht sein. Sie relativieren jede Ausschließlichkeit und widerstehen jedem „Muss“. Veränderungen sind für sie existentiell bedrohlicher Überfluss und Konventionen gelten für sie nicht.

Anforderungen an hochsensible Kinder und ihre Eltern

Die Anforderungen an hochsensible Kinder und ihre Eltern können in einer kanalisierten Gesellschaft sehr groß sein. ErzieherInnen, LehrerInnen, andere Eltern und der Freundeskreis haben gelernt, zu schematisieren, um den verfügbaren Kraft- und Zeitressourcen gerecht werden zu können. Das ist erst einmal normal.

Ein hochsensibles Kind in einer konventionellen Schule wird mit einem Übermaß an Geräuschen, Angeboten, sozialen Interaktionen und Anforderungen konfrontiert. Es ist gefordert wie nie, muss schnell, gezielt und proaktiv reagieren, soll sich mit Eigeninitiative und kreativen Ideen beweisen, einem Entwicklungsschema entsprechen.

In der Schule wird nach Leistung und sozialer Kompetenz beurteilt. In der Regel ist im Schulsystem kein Platz für Individualität und eigenes Tempo, wenn es dem Klassenverband nicht zugutekommt. LehrerInnen sind angehalten, ein Klassenziel zu formulieren, den Durchschnitt zu steigern, ihren Lehrerfolg zu rechtfertigen. Die komplexe Wahrnehmung hochsensibler Kinder ist von außen nicht sichtbar und ihre etwaige Langsamkeit wird oft missverstanden. Schulanfänger brauchen, zumindest zu Beginn, einfach mehr Zeit, die vielfältigen Reize und Erwartungen zu verarbeiten.

Hochsensiblen Kindern, die gerade eingeschult wurden, fällt es mitunter schwerer als ihren Klassenkameraden, sich an den Schulalltag zu gewöhnen und in dem System Schule zu bestehen, was jedoch in keiner Weise bedeutet, dass sie Probleme mit dem Unterrichtsstoff haben. Vielmehr sind es die Anforderungen, die der Schulalltag an die Kinder stellt, die zu Problemen führen können.

Eltern sollten ihre hochsensiblen Kinder daher in dieser Zeit ganz besonders aufmerksam unterstützend begleiten. Besonders wichtig ist es, die Hochsensibilität des Kindes zu erkennen, ernst zu nehmen und es nicht als empfindlich, zickig oder gar weniger belastungsfähig und damit weniger wertvoll als die anderen Kinder zu bezeichnen. Vor allem Formulierungen wie „Stell dich nicht so an, alle anderen Kinder können das auch“ sind Gift für den Selbstwert der Kinder und können sie oft ihr Leben lang begleiten und dazu führen, dass sie sich minderwertig fühlen.

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“, Johann Wolfgang von Goethe

Möglicherweise ist die Begleitung der Schulaufgaben und das Einhalten von Timelines für die Eltern tagtäglich eine anstrengende Tortur. Das hochsensible Kind trödelt lange herum, will die einfachsten Aufgaben nicht begreifen und verweigert notwendige Schritte zur Selbstständigkeit. All das ist möglich. Dann ist es hilfreich auch hier auf vertraute Rituale zu bauen, insbesondere in Umbruchphasen. So behalten sie ihre Bodenhaftung, auch wenn sich äußerlich etwas verändert. Zusätzlich sollten sie auf Veränderungen lange genug im Voraus vorbereitet werden und ihre Ängste sollten ernstgenommen und besprochen werden.

Ganz wichtig ist auf jeden Fall, sich und sein Kind von dem Zwang zu befreien, der Durchschnittsnorm entsprechen zu müssen. Kinder sollten generell mit dem guten Gefühl durchs Leben gehen, dass sie als Mensch gut so sind, wie sie sind. Wenn sie Fehler machen, dann dürfen sie nicht als Mensch in Frage gestellt werden. Kinder verinnerlichen ganz schnell wertende Sätze, wie „Du bist böse, Du bist ein Lügner, Du hast versagt“. Daher sollten Eltern schon sehr früh ihre Appelle an ihre Kinder auf die Wortwahl hin überprüfen. Es ist durchaus in Ordnung, einem Kind zu sagen, dass es etwas falsch gemacht hat, solange man nicht vermittelt, dass es – also das Kind – falsch ist. Ein gesundes Selbstwertgefühl spielt eine ganz entscheidende Rolle dabei, wie das Kind später in der Gesellschaft zurechtkommt.

Tipps um Kindern den Eintritt in die Schule und den Schulalltag zu erleichtern

Vorbereitung

Auf den Schuleintritt, der für jedes Kind einen großen Einschnitt im Leben bedeutet, muss jedes Kind gut vorbereitet werden. Es gibt Schnuppertage, die den Kindern ermöglichen, ErzieherInnen, LehrerInnen, Einrichtungen, Atmosphären im Vorfeld kennenzulernen. Ein hochsensibles Kind braucht hier jedoch unter Umständen mehr als nur einen kurzen Besuch in der zukünftigen Schule und bei der zukünftigen Lehrerin. Fragen Sie ruhig in der Schule nach, ob Sie sich zusammen mit Ihrem Kind alles in Ruhe anschauen dürfen und die neue Lehrerin kennenlernen können, im Zweifel auch öfter – solange, bis das Kind einen positiven Zugang zu der neuen Situation gefunden hat.

Vorbesprechung

Sprechen Sie zuhause ausführlich mit dem Kind über den neuen Lebensabschnitt und alles, was damit verbunden ist. Besprechen Sie etwaige Ängste und Vorstellungen, schauen Sie sich zusammen Bücher an und nehmen Sie so diffusen Vorstellungen die bedrohliche Komponente.

Schulweg

Auch auf dem Schulweg strömen unendlich viele Reize auf das Kind. Gehen Sie den Schulweg daher rechtzeitig vor Schulbeginn mit dem Kind ab, machen Sie ruhig ein tägliches Ritual daraus, das gern von kleinen Annehmlichkeiten begleitet werden darf.

Kontakt mit Lehrern

Pflegen Sie einen guten und offenen Kontakt zu ErzieherInnen und LehrerInnen. Kommunizieren Sie mögliche Schwierigkeiten, jedoch ohne die Situation zu dramatisieren. Bleiben Sie in allen Gesprächen mit den Lehrern sachlich und stellen Sie sich nicht als überbesorgte Eltern dar.

Geduld

Lassen Sie Ihr Kind in problematischen Situationen die Zeit, selbst eine Lösung zu finden und unterstützen Sie es sachlich und ruhig, wenn es überfordert ist. Reagieren Sie nicht gleich zu besorgt auf anfängliche Schwierigkeiten. Hochsensible Kinder brauchen manchmal etwas mehr Zeit, um sich auf eine neue Situation einzustellen.

Entscheidungsfähigkeit trainieren

Ihr Kind muss lernen, Entscheidungen zu fällen. Generell können Auswahlmöglichkeiten für Hochsensible vielfältiger sein als für Gleichaltrige, so dass die Entscheidungsfähigkeit schwerer zu erlernen ist. Daher braucht es Training und Ermutigung, eine Wahl zu fällen und dazu zu stehen.

Rituale

Mit der Schule strömen viel Reize auf das Kind ein, die es tagtäglich verarbeiten muss. Vor allem am Anfang der Schulzeit stellt diese Situation hohe Anforderungen an das hochsensible Kind. Umso wichtiger ist es, dass Sie daheim darauf achten, einer Überreizung vorzubeugen und als Ausgleich viel Ruhe und Geborgenheit zu bieten. Achten Sie zuhause besonders auf das Einhalten liebgewonnener und gewohnter Rituale, wie zB. am Abend die Ereignisse des vergangenen und des kommenden Tages mit dem Kind zu besprechen.

Generalist oder Spezialist

Hochsensible Kinder sind oft auch intelligent und sehr vielseitig interessiert. Diese sogenannten Generalisten kommen in der Schule meist gut zurecht. Etwas schwerer haben es mitunter die sogenannten Spezialisten, die sich mit vollem Enthusiasmus für ein oder mehrere Themengebiete interessieren, an anderen schulischen Dingen jedoch wenig Interesse zeigen. Versuchen Sie, wenn möglich, die Lieblingsinteressen des Kindes mit der Schule zu verbinden. Wenn es nicht möglich ist, die spezielle Vorliebe mit dem Schulleben zu verknüpfen, dann sollte zwischen Schule und Hobby eine klare Trennung erfolgen.

Strukturierung des Lernmaterials

Hefte und Ordner übersichtlich zu strukturieren und durch unterschiedliche Farben zu kennzeichnen, kann dem Kind helfen, sich besser und schneller zu orientieren und Freude am Selbstmanagement zu entwickeln.

Schwierige Situationen in der Schule

Aufgrund der Hochsensibilität kann es bei Kindern zu einer dauerhaften Überreizung in der Schule kommen, die wiederum dazu führt, dass die Kinder keinerlei Interesse am Lernen zeigen und nicht gern zur Schule gehen. Auch sind hochsensible Kinder oft schüchtern und introvertiert und tun sich etwas schwerer, Kontakte und Freundschaften zu knüpfen. Unter Umständen werden hochsensible Kinder schneller gemobbt als andere, weil sie intensiver reagieren, was Mobbing besonders interessant machen. Wenn das Kind auf Überreizungen mit Aggressionen oder Rückzug reagiert, können die anderen Kinder das ungewohnte Verhalten nicht einordnen und reagieren eventuell mit entsprechender Abwehr oder Ausgrenzung. 

Ist das Kind in der Schule wiederholt schwierigen und negativen Situationen ausgesetzt, sollten Sie nicht zögern, die Hilfe von LehrerInnen, KinderärztInnen oder TherapeutInnen in Anspruch zu nehmen und eventuell einen Klassen- oder Schulwechsel in Betracht ziehen.

Alternative Schulformen

Haben Sie das Gefühl, Ihr Kind leidet in der Schule und die Hochsensibilität wird nicht ernstgenommen, kann manchmal nur noch ein Schulwechsel helfen. Es gibt Schulen, die ein soziales Leitbild leben, Spezialkompetenzen fördern und einen guten sozialen Umgang unter den SchülerInnen trainieren. Alternative Schulformen wie Motessori oder Waldorf oder ähnliche Einrichtungen haben oft bessere Möglichkeiten, individuell auf die einzelnen Kinder einzugehen.

Insgesamt ist das Thema Hochsensibilität in der Schule sicherlich zu komplex, um in einem kurzen Artikel umfassend beleuchtet zu werden. Elaine Aron, die Begründerin der Hochsensibilität, gibt in Ihrem Buch „Das hochsensible Kind“ viele weitere wertvolle Tipps für die Schulzeit mit hochsensiblen Kindern.  

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