Selbsterkenntnis: Die Suche nach sich selbst

Meine absoluten Lieblingssprüche sind „wer Schmetterlinge lachen hört, der weiss wie Wolken schmecken“ und „oh Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Götter im Himmel nichts mit Dir anzufangen“.

Ich finde, beide Sprüche gehen direkt ins Herz, sprühen vor Lebenslust und vermitteln das Gefühl, dass Sensibilität eine Eigenschaft sein kann, die uns das Leben mit jeder Faser unseres Körpers spüren lässt.

Sensible Menschen sehen, hören, spüren und schmecken zwischen den Zeilen, sind ohne Scheuklappen geboren, bewegen sich zugleich innerhalb und außerhalb ihrer selbst und sind offen wie ein leerer Krug, der mit gutem Wein, aber auch mit verdorbenem Wasser gefüllt werden kann. Und das ist die Crux an dieser eigentlich wunderbaren Eigenschaft: Sie kann Segen, aber auch Fluch für denjenigen sein, der sie besitzt.

Was geschah mit uns, als wir klein waren?

Viele von uns (und insbesondere Frauen erging das so) wurden von klein auf in irgendwelche Verhaltensförmchen gepresst, sollten lieb und nett sein, tun was uns gesagt wird, hübsch sein (für Mädchen) oder stark und unverletzlich (für Jungs). Dabei lernten wir zunehmend, unsere eigenen Bedürfnisse zu verleugnen, gesellschaftskonform zu tun, was man von uns erwartet, bloß nicht „quer zu schießen“ und an der Reaktion unseres Gegenübers abzulesen, ob wir mit der gerade geleisteten Aufgabe menschlich so einigermaßen ok sind.

Irgendwann ging uns dann der Zugang zu unseren eigenen Bedürfnissen verloren, unsere Kreativität verschwand, das Selbstvertrauen und den Mut, uns mit all unseren Ecken und Kanten auszuprobieren in dem unverwüstlichen Wissen, dass wir so gut sind, wie wir sind. Und je sensibler wir sind, desto größer ist die Gefahr der Selbstaufgabe, weil wir uns umso mehr in die Bedürfnisse unserer Umwelt einfühlen und sie versuchen zu erfüllen.

Entfaltung: Eine kleine Geschichte

Irgendwo habe ich einmal eine ganz spannende Geschichte gelesen, von einem alten Mann und seiner Frau, die ein Bäumchen gepflanzt haben und sich über alle Maßen an dem Keimling gefreut haben. Aber der Baum wuchs und streckte seine Zweige nach der Sonnenseite aus. Und die alte Frau sagte: „Schau mal, Mann, unser Bäumchen wächst schief, wir müssen es beschneiden.“ Als sie dies getan hatten, wuchs der Baum in die Breite und entfaltete sein grünes Blätterwerk um alle Nährstoffe aufnehmen zu können, die er brauchte. Das gefiel dem alten Mann und seiner Frau so gar nicht und sie stutzten den Baum, der zu viel Raum einnahm. Am Ende verkümmerte der Baum, weil ihm die Nährstoffe fehlten, die er brauchte, um sich seiner Natur entsprechend entfalten zu können.

Die Geschichte soll uns daran erinnern, dass Leben Entfaltung bedeutet, Egoismus im positivsten Sinne und auch Auflehnung gegen Uniformität.

Das, was uns „kaputt“ macht, ist womöglich nicht der Stress an sich, also die Herausforderungen am Arbeitsplatz, durch Familie oder die Umstände, sondern dass der Mensch vergessen hat, seine ur-eigensten Bedürfnisse wahr- und ernst zu nehmen, innezuhalten, zu entschleunigen und (selbst-)bewusst abzulehnen, was ihm nicht guttut. Wir spüren uns nicht mehr, wie leisten nur noch, getreu dem Motto von  Homo Faber: der Mensch als Maschine.

Ich weiß nicht, wie alt Sie sind und welche Art von Erziehung Sie genossen haben, daher kann ich nur von mir sprechen. Eine Sensibilität für die eigenen Bedürfnisse im Alter zu entwickeln, nachdem man sie über Jahre den Anforderungen der Eltern, Schule, Arbeitgeber, den eigenen Kindern, Nachbarn und Freundeskreis zuliebe geopfert hat, ist eine der schwerste Aufgaben, die man sich denken kann. Ich z.B. stehe morgens auf und das erste, was mir durch den Kopf schießt, ist: „Ich muss dies….und ich muss das…, dann muss ich…und vielleicht muss ich noch…aber ich habe zu wenig Zeit und ich hoffe, ich schaffe das alles“. So bin ich am frühen Morgen schon atemlos und ausgelaugt und würde mir am liebsten wieder die Decke über den Kopf schlagen und der Welt sagen, dass ich eigentlich gar nicht da bin.

Was dann passiert, ist in der Biologie als Übersprungshandlung beschrieben. Während wir eigentlich nur noch flüchten wollen, die Welt um uns herum aber unseren Angriff fordert, entwickelt sich ein innerer Konflikt zwischen zwei Urinstinkten (Flucht und Angriff), von denen leider keiner momentan angemessen zu erfüllen ist. Hühner fangen so mitten im Kampf mit einem Rivalen an zu picken, wir Menschen machen etwas vergleichbar Irriges oder werden handlungsunfähig.

Was also können wir tun?

„Auf zum eigenen Ich“

Um die unsichtbaren Treiber loszuwerden, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich kennenzulernen. Eine ganz schön schwere Aufgabe, denn ich und ich sprechen verschiedene Sprachen, streben in verschiedene Richtungen und liegen sich ständig in den Haaren. Erschwerend kommt noch hinzu, dass ich überdimensional viel wahrnehme und ich komplett blind bin. Ganz schön verwirrend. Jede von mir kann die andere auch nicht einfach rausschmeißen, weil wir beide unsere Berechtigung haben. Ich bin lieb und ich würde so gerne einmal böse sein, wobei böse natürlich nicht wirklich böse bedeutet, sondern einfach mal ungehorsam, unbequem, un-konform.

Haben Sie schon einmal ausprobiert, genau das Gegenteil zu machen von dem, was man von Ihnen erwartet? Freundlich aber bestimmt einmal „Nein“ gesagt, wo jeder ein „Ja“ erwartet? Wann haben Sie sich das letzte Mal erlaubt, sich rauszunehmen, abzuschirmen, nicht erreichbar zu sein, keine Lust zu haben, ihrem Bauchgefühl eine Sprache zu verleihen? Wie oft am Tag sagen Sie sich „Ich möchte“ oder „ich könnte“ anstelle von „Ich muss“? Probieren Sie es mal aus, es ist aufregend und macht Spaß, auch wenn es anfangs schwerfällt und man eventuell den Widerstand im Gesicht des anderen aushalten muss.

Was dieser Minirevolte folgt, wird nicht etwa eine existentiell bedrohliche Strafe, eine gesellschaftliche Ausgrenzung oder eine andere Katastrophe sein, sondern erstaunlicherweise Respekt und die Erleichterung unseres Gegenübers darüber, dass auch ihm diese Abgrenzung zukünftig erlaubt ist.

Lassen Sie uns einen Zugang zu den eigenen Bedürfnissen entwickeln und dabei Kontur annehmen, Lebendigkeit versprühen, uns auf unkonventionelle Wege begeben, oder, ganz plastisch, der Steuermann unseres eigenen Schiffes auf dem Fluss des Lebens werden. Es geht nicht darum, eine Revolution anzuzetteln, Anarchie zu verkünden oder sämtliche Konventionen niederzureißen – das nicht. Die kleinen Schritte sind es, die den Weg asphaltieren.

Niemand soll eine weitere Rolle in sein Repertoire aufnehmen müssen, sondern vielmehr wieder lernen, authentisch, facettenreich, lebendig und vor allem achtsam mit sich selbst zu sein. Fatalerweise bekommen wir kein zweites Leben geschenkt, also wäre es doch schön, wenn wir das, was wir haben, nach unseren Bedürfnissen gestalten lernen, uns erinnern, wer wir einmal waren, was uns Spaß gemacht hat, worin wir Leidenschaft entwickelt haben, wann wir wirklich von ganzem Herzen glücklich waren – wertfrei und ohne Wenn und Aber.

Charlie Chaplin: Als ich mich selbst zu lieben begann [1]

Kennen Sie diese Rede von Charlie Chaplin zu seinem 70. Geburtstag? Googeln Sie mal, es lohnt sich. Im Grunde kann man diese wunderschöne Rede mit ein paar Sätzen zusammenfassen:

Alles, was jedem von uns an Gutem oder auch Schlechtem geschehen ist, hat seinen Sinn und uns zu dem gemacht, der wir heute sind. Der Mensch sollte sich nicht über seine Leistungen oder das Urteil der anderen definieren, sondern über seine Empfindungen, seine Gedanken, seine Erfahrungen. Jedes Scheitern hat uns wachsen lassen und stärker gemacht. Die größte Souveränität eines Menschen zeigt sich in  seiner Fähigkeit zu reflektieren und Fehler zu machen und dann aus ihnen zu lernen und weiterzugehen. Das ist nichts schlimmes, ganz im Gegenteil. Fehler sind ganz wichtig zur Orientierung auf der Landkarte des Lebens, die Sackgassen, Einbahnstraßen, Stoppschilder und auch Überholspuren, Autobahnen, holprige Feldwege und Sonderberechtigungspfade beinhaltet. 

Als ich mich selbst zu lieben begann“ bedeutet, Akzeptanz seiner selbst und das bewusste Leben im Hier und Jetzt.

Mir fällt dazu noch eine wunderschöne Rede eines Rabbis ein, dessen Schüler voller Bewunderung fragten, warum er denn bloß immer so zufrieden sein könne. Der Rabbi erklärte: „wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich gehe, dann gehe ich…“. „Das tun wir doch auch“, erwiderten die Schüler. „Und trotzdem sind wir nie auch nur annährend so zufrieden, wie du es bist“. „Nein“, sagte der Rabbi. „Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr esst, dann arbeitet ihr bereits“. Will heißen: Wir haben verlernt, uns auf das, was wir just in dieser Sekunde tun, denken oder spüren, zu konzentrieren, weil unsere Gedanken immer schon einen Schritt weiter sind. Das macht in der Tat atemlos. Dieses Tempo laugt aus, verbietet Genuss und behindert den gesunden, bewussten Fluss sämtlicher Sinne und die Wahrnehmung gegenwärtiger Gefühle.

Ich sag`s mal so…

Die barmherzige Seele zu spielen war nur etwas für die, die Angst hatten, im Leben Stellung zu beziehen. Es ist immer einfacher, an die eigene Güte zu glauben, als den anderen die Stirn zu bieten und für die eigenen Rechte zu kämpfen. Es ist immer einfacher, eine Beleidigung stillschweigend hinzunehmen, als den Mut aufzubringen, gegen jemand Stärkeren zu kämpfen.“
Paulo Coelho, Der Dämon und Fräulein Prym [2]

Und gebe Ihnen folgende Tipps:

  • Überprüfen Sie Ihre Automatismen, sprechen Sie mit Ihren inneren Treibern und verjagen Sie die, die nichts Gutes im Sinn haben.
  • Setzen Sie sich selbst ganz oben auf Ihre Prioritätenliste, lassen Sie los und geben Sie auch einmal ab.
  • Stärken Sie Ihr Selbst, indem Sie sich immer und immer wieder sagen, dass Sie nicht die ganze Welt akzeptieren und lieben muss, Sie sich selbst aber sehr wohl.
  • Vielleicht schreiben Sie sich auf, was passieren könnte, wenn Sie einmal Ihrem Herzen folgen und wägen Sie in Ruhe die Vor- und Nachteile ab.
  • Bilanzieren Sie am Ende eines Tages, was Sie Gutes für sich getan haben und gönnen Sie sich das Gedankenexperiment, wo Sie in einer Woche, in einem Monat, in einem Jahr stehen wollen und was Sie für Ihre Träume tun können.
  • Entrümpeln Sie in kleinen Schritten alles, was Sie belastet. Wenn das innerlich noch nicht funktioniert, dann machen Sie es einfach in Ihrem Zuhause und lassen dabei die Gedanken fließen. Spüren Sie, wie Sie wieder frei atmen können und zur Ruhe kommen, wenn das Chaos beseitigt und der Nippes entsorgt ist.

Wenn mir das Leben zu grau geworden ist, male ich stellvertretend Wände an. Es gibt so viele faszinierend schöne Farben. Wenn ich innerlich in Unruhe bin, rupfe ich Unkraut und wühle mit beiden Händen tief im Matsch. Das beruhigt und erdet mich.

Mit Sicherheit haben Sie auch Ihre ureigenste Methode, Ihre Gedanken und Gefühle zu entwirren.

Ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg bei der Suche nach sich selbst.

[1] Wolfgang Zeitler: Zeitliebe. Übersetzung von Charlie Chaplin`s  Rede zu seinem 70. Geburtstag

[2] Paulo Coelho aus „Der Dämon und Fräulein Prym“

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