Selbstmitgefühl für hochsensible Frauen und Männer

Selbstmitgefühl, ist ein freundschaftliches Gefühl für sich selbst, das versucht, die eigene Motivation zum Handeln zu verstehen, während Selbstmitleid häufig verhindert, dass der Mensch Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Wer ein Gefühl für sich selbst hat, versucht seine Gefühle wert- und urteilsfrei anzunehmen und zu verstehen. Er begibt sich weder in eine Opferrolle, noch in die des Schuldigen. Selbstmitgefühl ist eine Art innerer Spiegel, der sagt, ich verstehe, dass Du jetzt so fühlst oder handelst und es ist in Ordnung, wie es ist.

Hochsensible und Selbstmitgefühl

Hochsensible Menschen, die sich oftmals einen inneren Richter „geschaffen“ haben, geben sich stattdessen häufig die Schuld für alles, was irgendwie, irgendwann und irgendwo schief gelaufen ist. Konsequenterweise schieben sie ihre eigenen Grenzen weit über ihre Belastbarkeit hinaus, um vielleicht doch irgendwann ihr Selbstbild zum Positiven wandeln zu können.

Reagieren sie dann doch einmal intuitiv auf persönliche Angriffe und tun sich damit eigentlich Gutes, müssen sie sich anschließend in langen Gedankenschleifen mit ihrer Selbstkritik auseinandersetzen. Denn ihr Mitgefühl für andere übersteigt sehr oft das Gefühl für sich selbst. Sie verstehen ihr Handeln nicht, haben nur unzureichenden Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen, wissen die Kränkung nicht einzuordnen oder gestehen sich nicht zu, dass sie dieses Gefühl haben dürfen.

Selbstmitgefühl hieße, sich gedanklich selbst in den Arm zu nehmen und zum Selbstschutz zu ermutigen, wenn man verletzt wird oder ungerecht behandelt. Um das zu lernen, arbeiten TherapeutInnen gerne mit einem Bild, das dem inneren Kind einen Erwachsenen zur Seite stellt, der genau diese Funktion übernimmt. Er beschützt das Kind und übernimmt stellvertretend die Verteidigungsposition. Das innere Kind symbolisiert tief vergrabene Erlebnisse, Gefühle und Maxime aus der Kindheit, die wir nur allzu gerne verdrängen, weil wir mit den schmerzhaften Erlebnissen nicht zurechtkommen. Trotz der Verdrängung sind sie aber immer noch da und schwächen uns, nagen an unserem Selbstwertgefühl, verzerren unsere Wahrnehmung.

Das Wissen über beide Anteile – den erwachsenen Anteil und das innere Kind  – die tatsächlich jeder Mensch mehr oder weniger bewusst in sich trägt, sorgt dafür, dass das Selbstmitgefühl für das innere Kind eine Sprache erlangt und der Mensch gleichzeitig handlungsfähig, präsent und stark wie ein Erwachsener ist. Wenn man sein inneres Kind lange verdrängt hat und zum ersten Mal wieder Kontakt zu ihm aufnimmt, können uralte, sehr schmerzhafte Gefühle wie Wut, Aggressionen und Trauer hochkommen. Die Arbeit mit dem inneren Kind beinhaltet dann, dass Dein erwachsener Anteil sich dem Kind zuwendet, es tröstet und versteht und ihm vermittelt, dass er sich von jetzt an um es kümmern wird und er da ist, wenn das Kind ihn braucht. So können alte Themen, wie „nicht geliebt worden zu sein“ oder „nicht wertvoll zu sein“ verabschiedet werden.

Selbstmitgefühl und Selbstliebe lassen sich erlernen

  • frage Dich, wenn Du ein schlechtes Gefühl Dir gegenüber hast, was Deine beste Freundin (Deine Schwester/Dein Bruder, Mutter/Vater) dazu sagen würde. Durch diesen Perspektivenwechsel wird Dein Urteil über Dich milder und wohlwollender werden.
  • schreibe einmal auf, wie oft Du Dich am Tag selbst beschimpfst, verurteilst, klein machst. Sammle die schmerzhaften Aussagen und registriere, wie erschreckend häufig sie vorkommen. Vielleicht gibt Dir das einen guten Grund gegenzusteuern.
  • tue Dir auch immer mal wieder etwas Gutes, gönne dir etwas oder mach was, das Dir wirklich Spaß macht. Für manche ist dies alleine schon eine Aufgabe, die sehr viel Achtsamkeit erfordert.
  • nimm die Härte aus Deinem Leben. Egal ob das äußere Härte ist (wie zu enge Schuhe oder eine falsche Sitzhaltung) oder der selbstauferlegte Zwang, Verwandte zu empfangen oder Pflichtaufgaben zu erfüllen.
  • versuche Deine Schwächen als Teil Deiner selbst zu akzeptieren. Wenn Du aufhörst, gegen Dich selbst zu kämpfen, hast Du mehr Kraft für das, was Dir wirklich wichtig ist.
  • sorge Dich mehr um Deinen freundschaftlichen Umgang mit Dir selbst als um die Meinung anderer. Das heißt auch in schwierigen Situationen eine wohlwollende Haltung sich selbst gegenüber zu üben und zu akzeptieren, dass Fehler und Schwächen zum Leben dazugehören.
  • versuche einmal in Dich hineinzuspüren und Dich zu fragen: „Wie geht es mir gerade jetzt?“, ohne Bewertung, ganz neutral und mit liebevollem Verständnis für Dich selbst. Stelle einfach fest und versuche Dein Gefühl neutral zu beschreiben: wie fühlt es sich an? Wo fühlst Du das Gefühl? Wie groß oder stark ist das Gefühl? Verändert es sich oder bleibt es gleich? Durch eine freundliche Haltung Deinem Gefühl gegenüber distanzierst Du Dich ein Stück weit von ihm und kannst es besser als ein normales Gefühl, das jeder Mensch einmal hat, einordnen. Dann bist Du nicht ein Gefühl, sondern hast ein Gefühl.
  • richte deinen Blick nach Innen und auf deine Bedürfnisse: „Warum fühle ich mich so?“, „Was brauche ich jetzt?“, „Würde ich nicht alles tun, damit meine beste Freundin/mein bester Freund genau das bekommen?“ Irgendwann wirst Du Dir sagen können: „Ich habe auch ein Recht darauf!“

Manche Menschen nutzen Meditation und Mantras für einen achtsamen Zugang zu sich selbst. Wer diesen Weg für sich ausprobieren möchte, kann sich zum Beispiel die folgenden Sätze wiederholt und in einem ruhigen Moment vorsagen:

  • Möge ich sicher sein.
  • Möge ich glücklich sein.
  • Möge ich gesund sein.
  • Möge ich mit Leichtigkeit leben.

Zu Achtsamkeitsübungen gibt es eine Fülle an Literatur, unter der man das für sich passende herausfinden kann.

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