Hochsensible Trennungen

Wenn Menschen verlassen werden, zerbricht zunächst auch die Vorstellung einer idealen Welt aus Vertrautheit, Verständnis, Nähe und Zugehörigkeit. Sie verlieren ihren Platz, ihre Sicherheit und ihr Zuhause. Das Ende einer Beziehung bedeutet auch das Ende eines vorgefertigten Plans, einer Struktur, die Halt gegeben hat. All das kann sehr beängstigend sein.

Das Ende der Beziehung

Endet eine Beziehung im Streit, wird das Harmoniebedürfnis von vielen Hochsensiblen empfindlich gestört. Vielleicht können sie gar nicht verstehen, was gerade passiert oder sind mit dem, was sie zwischen den Zeilen wahrnehmen, überfordert. Ein rationales Handeln scheint zunächst unmöglich. Die Überflutung mit Gefühlen und Gedanken und die Scham darüber, verlassen worden zu sein, erschwert zusätzlich die Inanspruchnahme von Hilfe, da angemessene Worte fehlen und Handlungsmuster blockiert sein können.

Die Verletzungen, die zwangsläufig bei einer Trennung geschehen, können bei Hochsensiblen tiefer gehen, weil sie sich unter Umständen zu vergangenen aufsummieren. So kann es passieren, dass Hochsensible im Moment der Trennung nicht nur den gegenwärtigen Schmerz des Erwachsenen fühlen, sondern zum Beispiel zusätzlich noch den des einst verlassenen Kindes.

Vielleicht übernehmen hochsensible Menschen manchmal auch das negative Bild, das der Partner in streitvollen Trennungen von ihnen skizziert. Aus dem „ein Mensch hat mich verletzt“ wird ein „ich bin falsch“. Sie reagieren mehr als andere mit Selbstzweifeln, Angst, Depressionen, Rückzug und psychosomatischen Reaktionen und unterdrücken die gesunden Wut auf den Partner. Gleichzeitig potenziert sich das Gefühl, nicht verstanden, nicht gesehen, nicht wertgeschätzt zu werden.

Das erzwungene Loslassen erzeugt eine irritierende innere Leere, denn Abschied und Veränderungen fallen Hochsensiblen häufig sehr schwer. Die emotionale Anstrengung verursacht ein unter Umständen ungewöhnlich langwieriges Erschöpfungsgefühl, während gleichzeitig die Ansprüche an sich selbst und die vermeintlichen gesellschaftlichen Erwartungen den Druck noch weiter erhöhen.

Die Zeit danach: Trennung als Chance

Im Nachhinein kann ein durchlebter Trennungsprozess eine große Chance zur Weiterentwicklung sein. Krisen, wie z.B. eine Midlife-Crises, können im Rückblick ein ausgesprochen positives Veränderungspotential haben. Für denjenigen, der gerade eine Trennungssituation erlebt, wird das vielleicht kein Trost sein. Aber um mit Vergangenem Frieden schließen zu können, muss man sich mit ihm auseinandersetzen und ihm mit der Zeit eine andere, möglichst positive Bedeutung verleihen. Erst durch die Verabschiedung verlieren Trennungen und Verluste ihren Einfluss auf unser gegenwärtiges Denken.

Persönliche Tipps zum Umgang mit Trennungen

  • Man kann sich in Beziehungen so sehr verstricken, dass man seine eigene Identität versteckt und Verantwortung für sein Leben abgibt. Nun bist Du auf Dich selbst gestellt und gezwungen, Dich mit Deinem Innersten auseinanderzusetzen. Das ist für manche sehr schwer zu ertragen, birgt aber auch eine unglaubliche Chance, Dich kennenzulernen, auszuprobieren, „Verrücktes“ zu tun und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist etwas Schönes und kann sehr kreativ sein.
  • Anstelle der Liebe eines anderen Menschen erfährst Du jetzt die Möglichkeit, die Liebe zu Dir selbst zu üben. Wenn Du das Selbstbewusstsein oder die Selbstliebe bisher noch nicht üben konntest, ist jetzt die Zeit, Deine innere Stimme zu befragen und Dir bewusst Gutes zu tun.
  • Vielleicht ist es das erste Mal, wo Du Deine Kräfte ohne Hilfestellung erproben musst/darfst. Erwarte dabei keine Höchstleistungen von Dir, aber finde für Dich kleine Alltagsstrukturen, die sich unangestrengt wiederholen lassen, die Du einhalten kannst und die Dir Sicherheit geben. Steuere dem Stillstand entgegen, bleib möglichst in Bewegung und suche Dir ruhige Inseln der Lebendigkeit, indem Du Dich zum Beispiel unter einen Baum legst und die Bewegung der Blätter auf Dich wirken lässt.
  • Wehre Dich dagegen, dass Du aus der Ablehnung eines einzelnen Menschen das Resümee ziehst, Du seist nicht liebenswert. Du musst und Du kannst nicht allen Menschen gefallen. Erprobe zunächst für Dich die Abgrenzungsfähigkeit, „nein“ zu sagen und „ich will“, und gehe dann Schritt für Schritt mit dieser Haltung ins Leben. So wirst Du erfahren, dass es immer Menschen gibt, die Dich in Deiner unverstellten Art wertschätzen.
  • Nimm Dir die Zeit, die Du für die Verarbeitung der Geschehnisse brauchst, ohne Dich dafür rechtfertigen zu müssen. Eine Trennung ist immer auch mit Trauer verbunden und braucht manchmal lange, bis sie verarbeitet ist. Das ist für den Heilungsprozess auch notwendig und sinnvoll.
  • Spiele mit positiven Zukunftsgedanken, z.B. wo Du Dich in einer Woche, einem Monat, einem Jahr siehst oder sehen möchtest. Der Realitätsbezug ist dabei unerheblich, wichtig ist, dass Du Dir in Gedanken eine Zukunft malst, auf die Du Dich freuen kannst.
  • Erinnere Dich an Deine Kreativität, Deine Hobbies, die Du vielleicht früher einmal hattest und dann im Alltag vergessen hast. Mir ist bewusst, wie schwierig das klingt, wenn man mitten im Schmerz gefangen ist. Doch je nach Vorliebe können festsitzende Gefühle fließen, wenn man mit ausschweifenden Bewegungen und bunten Farben ein Bild malt, mit Hammer und Säge Holz bearbeitet, aus einem Klumpen Ton eine Figur formt, die Wände neu anstreicht, ein Möbelstück restauriert, den Garten umgräbt und neu bepflanzt oder ein Instrument spielt. Vielleicht hast Du lange keinen Sport gemacht und es täte Dir gut, Dich wieder einmal auszupowern. Vielleicht fühlst Du Dich befreiter, wenn Du auf dem Rücken eines Pferdes durch den Wald reitest. Was auch immer Du tust, es sollte ohne Leistungsdruck geschehen und ausschließlich nur für Dich sein.
  • Stell Dir vor Du seist das Objektiv einer Kamera und beobachte die Situation. Wer ist beteiligt und was spürst Du beim Zusehen? So gewinnst Du eine gesunde Distanz zu den Geschehnissen, erkennst Deine Gefühle an und gibst ihnen dadurch ein erträglicheres Maß.
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