Vorteile von Hochsensibilität

Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine magische Begabung: Immer, wenn ein Mensch Sie belügt, sehen Sie ein rotes Flackern um seinen Kopf. Wäre Ihnen diese Begabung nützlich oder würden Sie sie irgendwann verfluchen?

Es gäbe gewiss Situationen, in denen Sie den Nutzen dieser Begabung sehr zu schätzen wüssten. Beim Kauf eines Gebrauchtwagens beispielsweise, wenn Ihnen der Verkäufer einen Unfallwagen als neuwertig aufschwatzen will. Oder wenn Ihnen ein Bankberater eine unsichere Investition als sichere Geldanlage verkaufen möchte. Was aber ist mit den kleinen Notlügen, Höflichkeitslügen und Schwindeleien, derer wir alle uns täglich bedienen. Wäre Ihnen wirklich damit geholfen, wenn Sie sehen könnten, dass Ihrem Partner die neue Frisur nicht gefällt. Wäre es nicht kränkend und fürchterlich desillusionierend, jede kleine Lüge und Ausrede sofort zu erkennen?

Wir stellen diese kleine Fantasie hier voran, weil sie sehr schön veranschaulicht, welche Vor- und welche Nachteile es haben kann, hochsensibel zu sein. Tatsächlich soll es Hochsensible geben, die fühlen können, ob eine Person lügt. Andere riechen es, wenn sich Menschen gerade gestritten haben, wieder andere hören den Kühlschrankmotor noch brummen, wenn das ganze Haus längst schläft. Worum es aber eigentlich geht, ist der Umstand, dass die nuancierte Wahrnehmung Hochsensibler nicht generell eine Last oder ein Talent darstellt. Es kommt auf die Umstände ebenso an wie auf weitere Persönlichkeitsmerkmale.

Intuition als Stärke und Last

Eine verstärkte Sensibilität, wie sie HSM aufweisen, führt zunächst einmal nur dazu, dass sie auch nuanciertere Sinneseindrücke, komplexe Gedanken und Gefühle zu verarbeiten haben. Was aber fängt man damit an? Im Falle des Gebrauchtwagenhändlers wäre es eine Reaktion, der eigenen Intuition zu vertrauen und den angepriesenen Wagen nicht zu verkaufen. Was aber, wenn Sie fühlen, dass Ihr Partner oder Ihr Kind lügt, ohne dafür einen „objektiven Beweis“ bringen zu können? Wann ist Ihr Schmerz noch erträglich und wann nicht? Wann wird aus einem Duft ein Geruch und aus einem Geruch Gestank? Ist ein HSM gar verrückt, wenn doch niemand außer ihr das Surren des Kühlschranks als störende Geräuschquelle empfindet?

Solange die eigene Wahrnehmung sie schützt, empfinden HSM sie als Vorteil. Wenn sie aber erklärungsbedürftig wird, wenn Beweise gefordert werden, für etwas, das innerhalb der eigenen Wahrnehmung stattfindet, die doch so schwer mitteilbar ist, dann wird sie schnell zur Last.

Die Lebensspanne ist dieselbe, ob man sie lachend oder weinend verbringt.
Konfuzius

Segen oder Fluch – entscheidend ist nicht allein die Hochsensibilität

Hochsensibilität kann eben Segen oder Fluch sein – ein Großteil der Autoren, die sich damit befassen, kennt aus eigener Erfahrung beide Seiten. Die Intensität und Unmittelbarkeit der Wahrnehmung lässt sich nur mit vielen Pausen aushalten. Was bedeutet, entweder ziehen sich Hochsensible häufiger und schneller zurück und sorgen dafür, sich gegen zu viele Informationen und Eindrücke rechtzeitig abzuschotten; oder aber sie setzen sich der Gefahr aus, dieselbe Dumpfheit zu spüren, die ein Mensch empfindet, der ständig über die Sättigungsgrenze hinaus Nahrungsmittel zu sich nimmt.

Dennoch empfinden nicht alle Hochsensiblen Verzweiflung oder Not über ihr Persönlichkeitsmerkmal. Denn natürlich sind auch Hochsensible komplexe Individuen, die unterschiedliche Stimmungen durchleben und auf Ereignisse und Eindrücke sehr verschieden reagieren.

Ob die Vor- oder die Nachteile von Hochsensibilität überwiegen, hängt eben von vielen Faktoren ab. Manche können Sie selbst beeinflussen, andere nicht. Es hängt von Ihrer Lebenssituation und dem Umfeld ab, von Beruf und Partnerschaft, vor allem aber davon, wie Sie selbst Ihre Hochsensibilität interpretieren und akzeptieren.

Vom empfindlichen Ich zum Interesse am Du

Dass der Beschreibung von Hochsensibilität überwiegend Aufzählungen von Nachteilen folgen, dass vielfach besondere Belastungen zur Sprache kommen und Hochsensible darüber klagen, nicht einmal innerhalb der Familie oder Partnerschaft Rückhalt und Verständnis zu finden, ist dem Umstand gewidmet, dass das Thema zu lange unerkannt blieb. Es besteht noch immer viel Nachholbedarf und es erfordert noch immer Mut, sich zu seiner Hochsensibilität zu bekennen.

Wenn du dein Herz fest in die Hände nimmst, wirst du vom Morgen weniger abhängig sein.
Lucius Annaeus Seneca

Doch gibt es einen weiteren Faktor, der in diesem Zusammenhang angesprochen werden sollte. Nicht selten erwarten nämlich Hochsensible Verständnis für ihre besondere Veranlagung, ohne selbst Menschen, die nicht hochsensibel veranlagt sind, mit demselben Verständnis zu begegnen. Oder aber sie schauen auf Nicht-HSler herab, weil diese vermeintlich nicht in der Lage sind, so tief und kompliziert zu empfinden wie die HSM.

Es sind dies oft die Personen, die beim ersten Eintreten in einen Raum oder in ein Forum sofort von sich und ihren Problemen zu reden beginnen. Die Litanei beginnt und endet damit, dass man sich unverstanden fühlt. Es werden Beispiele gebracht und es folgen Darstellungen der eigenen Empfindlichkeit. Nur eines fehlt: die Frage, wie es dem Gegenüber eigentlich gerade geht.

Dabei ist es gerade die Hinwendung zum Gegenüber, das genaue Hinhören und Schauen, das intuitive Erfassen, das Hochsensiblen zeigen kann, welche Vorteile ihre Veranlagung mit sich bringt.

Den inneren Schatz entdecken

„Ich fühle mich neben dir immer so oberflächlich und unbedeutend“, sagte die Freundin von Martina M. eines Tages. „Wenn du etwas erlebst oder wahrnimmst, wird daraus immer gleich ein großes Ereignis. Und du stellst Zusammenhänge her, auf die ich im Leben nicht kommen würde. Wenn ich etwas erlebe, ist es nur ein kleines Geschehen, nichts Besonderes.“

Agnes und Martina kennen sich schon aus Kindertagen. Doch erst nach einem intensiven Streit im Erwachsenenalter stellten beide fest, dass sie einander stets beneidet und die jeweils andere auf ein Podest gestellt hatten. Für Agnes war die hochsensible Martina etwas Besonderes, eine die viel feiner und differenzierter in die Welt blickte als sie. Eine, die sich auch mal zurückziehen konnte, ohne dass man es ihr übel nahm. Martina dagegen hatte ihr Leben lang mit dem Wunsch zu kämpfen, „normal“ zu sein. So normal wie die lebensfrohe, unkomplizierte und bei allen beliebte Agnes.

In der Tat bemerken Hochsensible nicht immer, dass die Menschen um sie herum sie beneiden oder sich für die eigene „unbedeutende“ Art, die Welt zu sehen und zu erleben, unterlegen fühlen. Stattdessen wähnen sie sich missverstanden, unbeholfen oder zurückgedrängt. Und zwar umso häufiger, je mehr sie versuchen, zu sein wie die anderen, normal zu sein.

Hochsensible dagegen, die sich selbst anzunehmen gelernt haben, bemerken sehr wohl die Vorteile, die ihre besondere Veranlagung mit sich bringt. Zu diesen Vorteilen, die häufig genannt werden, gehören beispielsweise

  • eine nuancierte Wahrnehmung positiver Einflüsse und ein intensives Erleben von Farben, Düften und Naturereignissen;
  • Weitsicht und vorsichtiges, vorausdenkendes, schützendes Verhalten;
  • ein emotionales und unmittelbares Erleben von Kunst und Musik;
  • ein feines Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit zur Hingabe,
  • spirituelle Begabungen und intuitives Erfassen von Zusammenhängen.

HS als „Früwarnsystem“

Auch negative Ereignisse können durch die Veranlagung zur Hochsensibilität eine positive Wendung erhalten. So beschreiben viele HSPM dass sie in der Lage sind, Stimmungen anderer unmittelbar zu erfassen. Die Hochsensibilität kann dann wie ein Frühwarnsystem dienen, das in gefährlichen Situationen Alarm schlägt.

Agnes und Martina hat diese Begabung Hochsensibler schon einmal aus einer sehr gefährlichen Situation geholfen. Als beide nachts in einer abgelegenen Gegend unterwegs waren, kam ihnen eine Gruppe aggressiv wirkender Jugendlicher entgegen, die einen bedrohlichen Eindruck bei ihnen erweckten. Agnes spürte den Impuls wegzulaufen, Martina aber fasste die Freundin am Arm und ging mit ihr direkt auf die Gruppe junger Männer zu. Intuitiv erfasste sie, wer deren „Anführer“ war, gab vor, dass sie sich verlaufen hätten, und fragte nach dem Weg.

Der von Martina als Anführer ausgemachte Jugendliche zeigte sich völlig verblüfft über diese unerwartete Wendung und gab bereitwillig, aber sichtlich verwirrt Auskunft. Martina bedankte sich, warf allen ihr freundlichstes Lächeln zu und zog dann Agnes schnell mit sich. Ihr ausgeprägtes Gespür hatte ihr geholfen, die Bedrohung einzuschätzen und einen Ausweg zu finden. Hätten die beiden jungen Frauen dagegen den Versuch unternommen, wegzulaufen, das wurde ihnen im Nachhinein klar, wäre die Situation vielleicht weniger glimpflich ausgegangen.

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