Wissenschaftlicher Forschungsstand der Hochsensibilität

Was auch immer Sie über Hochsensibilität lesen, es wird Ihnen sehr wahrscheinlich der Name der amerikanischen Psychotherapeutin Elaine N. Aron begegnen. Aron, die sich selbst als hochsensibel bezeichnet, gilt als Pionierin in der Erforschung von Hochsensibilität: Sie schuf grundlegende Begriffe wie den der „Highly Sensitive Person“, entwickelte ein Testverfahren und veröffentlichte zahlreiche Ratgeber zum Thema.

Arons Forschung

Ihre ersten Forschungsergebnisse publiziert Aron 1996/97 in dem Grundlagenwerk „The Highly Sensitive Person“ (HSP), das 2005 unter dem Titel „Sind Sie hochsensibel?“ ins Deutsche übersetzt wurde. Hochsensibilität wird von Aron als „ein Normalzustand“ beschrieben, der etwa 15 bis 20 % der Bevölkerung betrifft. Mit ihrer Publikation will Aron detailliert informieren und dabei Hochsensibilität gegenüber psychischen Störungen und Erkrankungen abgrenzen. HS ist ihrer Erfahrung und Einschätzung nach ein „neutrales“ Wesensmerkmal, das sich durch eine spezielle Form der Wahrnehmung und ein „empfindsames Nervensystem“ äußert.

Arons Forschungsergebnisse sind Produkt einer „fünf Jahre lang andauernden Untersuchungsreihe tiefgründiger Gespräche, klinischer Erfahrung und Beratungen für Hunderte von HSM“ (Aron 2005, S. 10). Entsprechend finden sich bei Aron Versuche, die HS wissenschaftlich zu definieren, neben Beschreibungen von Persönlichkeitsmerkmalen und typischen Situationen oder Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Hochsensibilität.

Wahrnehmung und Reizverarbeitung als entscheidende Faktoren

Zu Arons zentralen Thesen gehört die Darlegung, dass Hochsensible sich gegenüber anderen Menschen durch eine feinsinnigere Wahrnehmung auszeichnen. Äußere und innere Reize und Stimuli werden aufgrund bestimmter Prozesse im Nervensystem und im Gehirn intensiver verarbeitet. Diese Art der Wahrnehmung geht mit einer höheren Erregbarkeit und häufig auch mit Gefühlen der Erschöpfung einher. Aron spricht diesbezüglich von einem angeborenen Temperamentsmerkmal, das sie als „sensory-processing sensitivity“ bezeichnet.

Hochsensibilität wird als vererbtes Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, das sich durch Umwelteinflüsse und hier insbesondere durch die Reaktionen der frühen Bezugspersonen ausprägen und verstärken kann, sodass sie von den einen als Begabung, von den anderen als Beeinträchtigung oder Last empfunden wird. Uneinigkeit besteht zudem darüber, ob Hochsensibilität ein „homogenes Konstrukt“ ist, oder ob es sich aus verschiedenen, miteinander korrelierenden Faktoren zusammensetzt, zu denen laut „Smolewska, McCabe und Woody (2006) die drei schwach korrelierenden Faktoren Ästhetische Sensibilität, Niedrige Reizschwelle und Erregbarkeit“ gehören (Bertrams).

Messung und therapeutische Erfassung

Zwecks Messung der Hochsensibilität haben Aron und andere Autoren verschiedene Tests entwickelt. In der Regel handelt es sich dabei um Aussagen zur Selbsteinschätzung durch Betroffene, eine besonders hohe Zustimmung deutet dann auf das Vorhandensein von Hochsensibilität hin. Aron und ihr Ehemann entwickelten darüber hinaus eine aus 27 Fragen bestehende „Highly Sensitiv Person Scale“ (vgl. Bertram). 

In einer Population finden sich 15 bis 20 % hochsensible „Individuen“ – so besagt es die Forschung an Tier und Mensch. Innerhalb der psychologischen Praxis lässt sich dagegen beobachten, dass ein weitaus größerer prozentualer Anteil an Patienten, die eine Therapie machen, hochsensibel ist. Bewerten lässt sich dieser Umstand damit, dass Hochsensible aufgrund ihrer Eigenschaften und „Eigenheiten“ in einer extrovertiert orientierten Gesellschaft oftmals Probleme bekommen können, wenn sie sich ihrer eigenen Sensitivität nicht bewusst sind, diese verdrängen und dementsprechend versuchen „angepasst“, „innerhalb der üblichen Gesellschaftsnormen“ und zu wenig authentisch zu leben. In einer eigenen Publikation über HSM in der Psychotherapie (deutsche Übersetzung von 2014) wendet sich Aron daher direkt an Therapeuten und Coaches, denen sie eine Anleitung zum Umgang mit HSM geben will.

Das Große ist nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein. Sören Kierkegaard

Aron (2014) beruft sich bezüglich ihrer Definition von Hochsensibilität und der geschätzten Zahl an Menschen, die diese aufweisen, auf eigene Forschungen und auf die Arbeiten von Kagan (1994) und Suomi (1991). Kagan et al. untersuchten in einer 15 Jahre dauernden Studie, in welcher Weise sich die Physiologie eines Menschen auf sein Temperament auswirkt – ob also bestimmte Persönlichkeitsmerkmale angeboren sind und mit physiologischen Merkmalen korrelieren.

Der Nachweis angeborener Temperamentsunterschiede

In „Hochsensible Menschen in der Psychotherapie“ beschreibt Aron, dass das Merkmal Hochsensibilität kein neu entdecktes sei, dass es zuvor aber in anderen Zusammenhängen – zum Beispiel Hochbegabung und schulischer Erfolg – untersucht wurde. Sie beruft sich auf Autoren wie Thomas & Chess, die bereits in den 1980er Jahren Temperamentsunterschiede bei Säuglingen erforscht und in diesem Zusammenhang den Begriff der „niedrigen Reizschwelle“ geprägt hatten.

Marshall & Fox (2005) kamen zu dem Ergebnis, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Physiologie, Verhalten und „Gehemmtheit“ gebe. Weitere Begriffe, die Aron als Belege heranzieht, sind beispielsweise die „psychobiologische Reaktivität“ oder die „biologische Kontextsensibilität“. Zudem beruft sich Aron auf die Primatenforschung und andere Tierstudien, in denen ebenfalls auffällige Verhaltensdifferenzen innerhalb einer Population im Sinne einer Hochsensibilität nachgewiesen wurden – und zwar in ähnlicher Häufigkeit wie beim Menschen.

Pawlows Experiment zur Überlastungshemmung

Weiter zurück liegen Forschungen von Iwan Pawlow, die Aron und andere Autoren ebenfalls für die Begründung des Phänomens Hochsensibilität heranziehen. So hatte Pawlow beispielsweise damit experimentiert, Versuchspersonen mit Lärm zu konfrontieren. Rund 20 % der Probanden reagierten deutlich intensiver auf die Reize und gelangten schneller an einen Punkt, den Pawlow als „transmarginale Hemmung“ (Überlastungshemmung) bezeichnet. Diese tritt infolge von Überstimulation ein, die abgewehrt werden soll. Laut Pawlow ist die Empfindlichkeit eines Menschen auf Vererbung zurückzuführen (vgl.: Knight-Jadczyk).

Auch C.G. Jungs Arbeiten zur Introversion werden im Rahmen der Forschungen zu Hochsensibilität immer wieder erwähnt (vgl. Aron 2005). Aron selbst grenzt Hochsensibilität jedoch gegen Introvertiertheit ab. Ihrer Ansicht nach ist das introvertierte Verhalten vieler HSM nicht ursächlich, sondern als Reaktion auf wiederholte Ablehnung zu beurteilen. Wenn Sie oder ein Mensch aus Ihrem Bekanntenkreis hochsensibel sind/ist, wird die Frage, ob es sich dabei um eine vererbte oder erworbene HS handelt, vielleicht nachgeordnet sein. Für die wissenschaftliche Forschung erscheint dies schon deshalb relevant, weil sie hier versucht, ein Phänomen, einerseits als „normal“ zu definieren, andererseits aber als Abweichung von dem, was der jeweils bedeutend größere Teil einer Bevölkerung an Verhaltensmerkmalen aufweist.

Gen- und Hirnforschung

So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Genforschung diesem Thema zuwandte. Chinesische Forscher fanden in einer Untersuchung des Erbgutes von 480 Studenten „zehn Gen-Orte“ auf „sieben Genen des Dopamin-Systems“, die in Zusammenhang mit Hochsensibilität stehen sollen. Dänische Forscher wiesen einen teilweisen Zusammenhang zwischen HS und dem „Serotonin-Transporter-Gen5-HTTLPR“ nach. Aron & Aron konnten zudem gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Peking den Nachweis erbringen, dass HSM eine besondere Form der Hirnaktivität zeigen (vgl. den gesamten Abschnitt bei: Thivissen 2013).

Auf der Suche nach typischen Persönlichkeitsmerkmalen von HSM

Wie erwähnt besteht eine Schwierigkeit der Erforschung von Hochsensibilität darin, ein Phänomen zu definieren, das einerseits als normal, andererseits als abweichend bezeichnet wird. So gesehen wäre es vermutlich angemessen, auf den Begriff der „Normalität“ in diesem Zusammenhang ganz zu verzichten und HS nicht in Abgrenzung, sondern ausschließlich in Eingrenzung eines bestimmten Persönlichkeitstyps zu beschreiben. Doch erweist sich auch dies als kaum zu bewältigen, da Hochsensible zwar eine besondere Form der Verarbeitung von Reizen zeigen, nicht aber eindeutige Reaktionen und Temperamente.

In „Das hochsensible Kind“ (2008) beschreibt Aron Hochsensible als Menschen mit der angeborenen Neigung, ihre Umgebung „deutlicher wahrzunehmen und gründlich nachzudenken, bevor sie handeln“. HSM seien zudem „meist mitfühlend, klug, intuitiv, kreativ, umsichtig und gewissenhaft“. Fühlen sie sich von einem Übermaß an Reizen „überwältigt“, können sie „leicht erregbar“ und „zu sensibel“ wirken. Dabei arbeiten nicht die Sinne selbst gründlicher, vielmehr erfolgt eine intensivere Verarbeitung von Reizen. Kunkat (2015) bescheibt als gemeinsame Merkmale von HSP:

  • eine höhere Durchlässigkeit für Reize und eine intensivere Wahrnehmung von Emotionen,
  • einen Hang zum Perfektionismus,
  • Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen und Prioritäten zu setzen,
  • die Herausbildung hoher moralische Ansprüche und von Schamgefühlen,
  • das Arbeiten bis zur Erschöpfung,
  • Schwierigkeiten in der Abgrenzung gegenüber Umwelteinflüssen und anderen Menschen.

Literatur im deutschsprachigen Raum

Aufbauend auf Arons Entdeckungen wird Hochsensibilität mittlerweile weltweit erforscht – trotz großer Skepsis bei einem Teil der Wissenschaftler. Als „Pionier“ im deutschsprachigen Raum wird Georg Parlow genannt (vgl. Schauwecker-Alb). Parlow, der sich ebenfalls selbst als hochsensibel bezeichnet, trägt in seinem Hauptwerk „Zart besaitet“ (2003) sehr unterschiedliche Quellen zusammen, um Hochsensibilität zu belegen und zu beschreiben. Er beruft sich auf medizinische und psychologische Forschungen, auf überlieferte Schriften, aber auch moderne Umfragen. Parlow stimmt in vielen Aussagen über Hochsensibilität mit Aron überein. Die Gemeinsamkeiten von HSM skizziert er folgendermaßen: „Hochempfindliche Menschen nehmen mehr Eindrücke auf und verarbeiten diese gründlicher, daher sind sie auch schon früher ‚gesättigt‘ oder überfordert. Sie nehmen feinere Nuancen wahr, allerdings in ganz unterschiedlichen Bereichen […]. Sie nehmen Stimmungen und Gefühle nicht nur bei sich, sondern auch bei anderen stärker wahr, sie denken gern in größeren Zusammenhängen und sie haben tendenziell mehr Verantwortungsgefühl bis hin zum Perfektionismus“ (ebd. S. 13). Die feinere Wahrnehmung von HSM resultiert Parlow zufolge nicht aus einer objektiveren Leistung der Sinnesorgane, sondern aus „schwächeren Filtern“ und einem erheblich empfindlicheren Nervensystem (ebd., S. 17).

Insgesamt fällt auf, dass sich auch in der deutschsprachigen Literatur und Erforschung von Hochsensibilität ein hoher Anteil an Autoren, Therapeuten und Coaches findet, die sich selbst als HSM bezeichnen (vgl. zum Beispiel Hensel, 2013). Vielen war bis zum Erscheinen von Arons Studien bewusst, dass sie die Umwelt „irgendwie anders“ wahrnehmen und darauf reagieren als ihre Mitmenschen. Doch fehlte es an einer Klassifizierung dieses Erlebens von Wirklichkeit, in einer Weise, die diese nicht als Teil einer neurotischen Störung erfasste. Dass es dennoch eine Korrelation zwischen Hochsensibilität und psychischen Störungen gibt, liegt diesen Autoren zufolge an dem Umstand, dass der Zwang, die eigene Wahrnehmung und das eigene Empfinden zu leugnen, mit der Herausbildung psychischer Erkrankungen einhergehen könne.

Für eine wissenschaftliche Erforschung des Phänomens Hochsensibilität sind die Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum nur teilweise relevant. Damit soll keine Wertung über deren Inhalte und ihre Notwendigkeit abgegeben werden. Es handelt sich zum großen Teil um wichtige und hilfreiche Ratgeber, die von Betroffenen für Betroffene geschrieben wurden, die es sich aber nicht zum Ziel gesetzt haben, einen empirischen Nachweis zu liefern. Im deutschsprachigen Raum fehlt es zudem noch an einer eindeutigen Verwendung der Begrifflichkeiten. So sprechen einige Autoren von Hochsensibilität, andere von Hochsensitivität. Teilweise werden diese Begriffe wie Synonyme behandelt, teilweise aber auch um spezielle Merkmale gegeneinander abzugrenzen. Eine eher negative Konnotation weisen Bezeichnungen wie „Überempfindlichkeit/Hypersensibilität“ auf. Unseren Ansatz zum Thema Begrifflichkeiten finden Sie hier näher erläutert.

Wissenschaftliche Erforschung

Insgesamt ist die Zahl an wissenschaftlichen Studien, die dieselbe „wissenschaftliche Qualität“ aufweisen, wie sie die Arbeiten von Aron & Aron zeigen, noch eher dürftig (vgl. Bertrams). Eine umfangreiche Bibliografie zum Thema findet sich auf der Webpräsenz des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V. (IFHS). Hier zeigt sich sehr deutlich, dass der größte Teil der wissenschaftlichen Arbeiten aus dem englischsprachigen Raum stammt. Es wird aber auch die Tendenz sichtbar, dass sich ein Teil der jüngeren Forscher im deutschsprachigen Raum mit diesem Thema erstmalig qualifizieren, indem sie Bachelor- oder Materarbeiten darüber verfassen.

Spezielle Forschungsthematiken

Hochsensibilität und Hochbegabung

Gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Hochsensibilität? Auch zu diesem Thema sind zahlreiche Veröffentlichungen erschienen, so befasste sich beispielsweise Andrea Brackmann in ihrer gleichnamigen Publikation mit den „seelischen und sozialen Aspekten der Hochbegabung bei Kindern und Erwachsenen“ (2013). Brackmann bezog sich allerdings nicht auf das Phänomen HS, wie es von Aron beschrieben worden war. Sie sah einen Zusammenhang zwischen einer feinfühligen Wahrnehmung und einer komplexen Verarbeitung von Informationen bei Hochbegabten. Hensel (2015) und anderen Autoren zufolge besteht jedoch kein nachweisbarer Zusammenhang. Hochsensibilität und Hochbegabung können, müssen aber nicht gemeinsam auftreten. Rolf Sellin (2015) sieht keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Hochsensibilität. Seiner Ansicht nach kann „Hochsensibilität […] mit jedem anderen Wesenszug und mit jedem Grad von Intelligenz, Einschränkungen oder Begabungen verbunden sein.“

Hochsensible Kinder (HSK)

Wenn Hochsensibilität vererbt wird, bedeutet dies, dass die HSM von Kindheit an mit einer besonderen Wahrnehmung und Reizverarbeitung ausgestattet sind. Aron (2008) zufolge äußert sich dies beispielsweise darin, dass hochsensible Kinder (HSK) besonders ängstlich auf laute Geräusche oder auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren. Um Eltern hochsensibler Kinder eine „Hilfestellung“ zu geben, „wie sie die Hochsensibilität ihres Kindes erkennen und es seiner besonderen Empfindsamkeit gemäß fördern und begleiten können“, veröffentlichte sie ihre Erkenntnisse über HSK in einem eigenen Standardwerk. Eine wichtige Abgrenzung erfolgt darin gegenüber anderen Phänomenen wie beispielsweise dem Asperger-Syndrom, AD(H)S und Autismus.

Hochsensible Kinder sind einer besonderen Gefahr ausgesetzt, psychisch zu erkranken, wenn sie in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, in denen ihre Sensibilität als Störung empfunden wird. Auch in der Schule und im sozialen Umfeld stoßen sie immer wieder auf Ablehnung und/oder Unverständnis. Einige Autoren – so auch Aron und Parlow – stellen einen Bezug zu den Forschungsergebnissen der Psychoanalytikerin Alice Miller her, die bereits 1979 mit ihrem Werk „Das Drama des begabten Kindes“ viel Aufmerksamkeit und Anerkennung fand. Miller beschreibt darin das begabte Kind als eines, das besonders sensibel und wach ist, sodass es beispielsweise sehr feinfühlig auf die Wünsche, Vorstellungen und Konflikte seiner Eltern reagiert und eigene Bedürfnisse und Empfindungen zurückstellt, was bedeutet, dass es den Kontakt zur eigenen Vitalität verliert.

Die größte Grausamkeit, die man den Kindern zufügt, besteht wohl darin, dass sie ihren Zorn und Schmerz nicht artikulieren dürfen, ohne Gefahr zu laufen, die Liebe und Zuwendung der Eltern zu verlieren. Alice Miller

Hochsensibilität und Partnerschaft

Wenn Sie selbst hochsensibel sind oder mit einem/einer hochsensiblen Partner/in zusammenleben, können Sie gewiss ein Lied davon singen, welche Probleme, aber auch welche Bereicherungen sich daraus ergeben. Aron hat sich diesem Thema in ihrer Publikation „Hochsensibilität in der Liebe“ (2015) angenommen. Und auch andere Autoren schildern einfühlsam und anschaulich, wie sich die HS in der Beziehung auswirken kann. So berichtet Ruthe (2015) beispielsweise von einem Ehemann, der darüber verzweifelte, dass seine Ehefrau mit einem extremen Geruchssinn ausgestattet war. Als das Ehepaar auf Wohnungssuche ging, schien es schier unmöglich, eine passende Wohnung zu finden, da die Ehefrau überall störende oder eben „fremde“ Gerüche wahrnahm. Generell lässt sich hieraus aber nicht ableiten, dass HSM und Nicht-HSM keine funktionierenden Partnerschaften eingehen könnten. Auch wissen viele HSM aus eigener Erfahrung zu berichten, dass eine Partnerschaft zwischen zwei hochsensiblen Menschen ebenfalls ganz eigene Schwierigkeiten mit sich bringen kann. Aron beschreibt dies als einen fast schon absurd anmutenden Wettkampf um die Frage, wer der Sensiblere sei. Dennoch kommt sie zu dem Ergebnis, dass „die Chancen, dass Sie in einer Beziehung mit eineM HSM zufriedener sind als in einer mit einer Nicht-HSM“ bei „über 50 Prozent“ liegen (Aron 2015, S.258).

Ratgeber und Coaching

Wie erwähnt, handelt es sich bei einer Vielzahl der zum Thema Hochsensibilität/Hochsensitivität erschienenen Schriften nicht um wissenschaftliche Studien, sondern um Ratgeber. Ein großer Teil davon ist von Autoren verfasst, die selbst erst im Laufe ihres Lebens ihre Hochsensibilität entdeckten beziehungsweise einzuordnen lernten. Zu den Aufgaben eines Ratgebers gehört es, das Phänomen verständlich zu beschreiben und den Betroffenen Hilfen für den Alltag zu liefern. Als Herausgeber hat Kunkat (2015) 26 verschiedene Autoren unter einem Buchdeckel versammelt, die allesamt im HS Coaching tätig sind. Kunkat wendet sich mit seiner Publikation ausdrücklich auch an hochsensible Männer und möchte allen HSM helfen, • Kindheitserfahrungen zu verstehen, • Schamgefühle zu überwinden, • glückliche Beziehungen zu führen, • sich besser abgrenzen zu können, auch im Beruf, • Hochsensibilität als Gabe anzunehmen und zu genießen, • Belastungen durch Hochsensibilität zu verringern. Insgesamt ist das Spektrum an therapeutischen Ansätzen und an Coaching-Angeboten sehr breit angelegt. Aus Sicht eines christlichen Seelsorgers behandelt beispielsweise Reinhold Ruthe (2015) das Thema.

Kritik am Konstrukt Hochsensibilität

Seit rund zwei Jahrzehnten wird das Thema Hochsensibilität nun wissenschaftlich erforscht und viele Therapeuten und Coaches arbeiten bereits sehr ernsthaft und erfolgreich mit dem Konstrukt. Doch wird neben der hohen Zustimmung und Akzeptanz, die Arons Forschungen und die anderer Autoren erfuhren, natürlich auch Kritik geäußert.

Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will. Albert Einstein

Kontrovers diskutiert wird im deutschsprachigen Raum die Begrifflichkeit, die auf das Phänomen anzuwenden ist. Auch die Frage, ob eine angeborene Hochsensibilität gegen eine erworbene klar abzugrenzen ist, scheint nicht letztgültig geklärt. So sind einige Autoren beispielsweise der Ansicht, „dass Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung sämtliche Anzeichen einer HS aufweisen können“ (Schauwecker-Alb).

Bereits eingangs erwähnt wurde, dass verschiedene Autoren Kritik an der von Aron vermuteten Eindimensionalität der HS üben und demgegenüber verschiedene Faktoren als ursächlich zueinander in Bezug setzen. Das Phänomen wird hier also als nachgewiesen betrachtet, es wird aber über Ursachen gestritten und um exakte Definitionen gerungen.

Andere Autoren, wie beispielsweise der Münchner Arzt Andreas Meißner, halten die bisherigen Forschungsergebnisse dagegen für unzureichend, sodass „eine klare Abgrenzung dieser Personengruppen“ bisher nicht möglich sei. Meißner zufolge sind die „angeführten Eigenschaften“ noch „zu vage und beliebig“, sodass sich darin „mühelos die meisten Leser wiederfinden können“ (zitiert nach Schöne). Genau genommen zielt Meißners Kritik damit aber eher auf Tests, die es Betroffenen ermöglichen sollen, zunächst eine Selbsteinschätzung vorzunehmen. Auch kann die fehlende Aufnahme in die anerkannten Klassifizierungssysteme ICD oder DSM nicht wirklich gegen das Vorhandensein eines Phänomens Hochsensibilität sprechen, da es sich per Definition ja nicht um eine Krankheit oder Störung handelt. Entsprechend hat Meißner sicher recht, wenn er behauptet, dass es keinen „Bedarf für die Einführung neuer Therapien“ gebe (ebenda).

Quellen

Onlineveröffentlichungen:

Bibliografie

Eine umfassende Bibliografie zum Thema Hochsensibilität findet sich auf der Internetseite des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V. (IFHS): hochsensibel.org/wissenschaftliches-netzwerk/bibliographie.html. Letzte Aktualisierung 27.11.2015, letzter Zugriff 21.12.2015.

Powered by