Wut, Aggression, Hochsensibilität: Ein Widerspruch?

Wut ist ein sehr starkes, zielgerichtetes Gefühl, Aggression eher eine blinde ungezielte Form von Wut und tendenziell noch etwas stärker als die Wut. Aggressionen sind gefährlich, Wut tut gut.

Wut in unserer Gesellschaft

Die Wut ist leider in unserer Gesellschaft eine nicht gerne gesehene Ausdrucksform der Gefühlswelt, da sie häufig mit einer erschreckenden Lautstärke, bedrohlichen Gestik und Mimik und manchmal auch mit Verletzungen einhergeht. Auch leise Worte können ein unglaubliches Aggressionspotential haben.

Trotzdem ist es manchmal schade, dass so viele von uns – häufig in der Kindheit –  gelernt haben, dass Wut kein angemessenes Verhalten für „brave“ Kinder ist. Sie wird lieber im Keim erstickt und sanktioniert, als dass der Grund für die Wut erfragt wird. Ganz besonders Mädchen steht scheinbar die Wut nicht gut.

Wut hat eine Berechtigung

Doch auch Wut hat ihre Berechtigung. Wir sind nicht einfach so wütend, es gibt immer einen Grund für die Wut. Wut ist ein guter Indikator dafür, dass uns irgendetwas zu nahe geht, dass irgendetwas nicht stimmt.

Natürlich ist auch hochsensiblen Menschen das Gefühl der Wut nicht fremd. Eine enttäuschte Erwartungshaltung oder das Gefühl, nicht wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden, können sogar sehr wütend machen. Wenn ein Mensch sehr viel gibt, und wenig Ausgleich dafür erntet, kann sich unbewusst ein riesiger Berg an angestauter Wut aufbauen, die sich sowohl gegen andere als auch gegen sich selbst richtet.

Um die Wut äußern zu können, braucht man aber ein gesundes Selbstwertgefühl und ein Wissen um die eigenen Grenzen und Bedürfnisse. Wenn Du die Wut nicht auszudrücken gelernt hast oder derartige Gefühle in Deiner Ursprungsfamilie tabuisiert worden sind, dann kann die unterdrückte Wut Dich regelrecht krank machen. Du spürst vielleicht einen starken Druck, der stetig ansteigt, kannst ihn Dir aber nicht erklären und als Wut identifizieren und ein Ventil dafür findest Du erst recht nicht. Oder Du spürst, dass Du wütend bist und gestehst Dir die Wut auch zu, stehst ihr aber hilflos gegenüber, weil ein innerer Richter Dir nicht erlaubt, sie auszudrücken und andere damit zu belasten.

Wichtig ist, sich dann bewusst zu machen, dass die Wut Dir etwas sagen möchte und wütend zu sein durchaus menschlich ist. Andere Menschen können Dich nur verstehen, wenn Du Dich auch artikulierst. Wer wütend ist und dabei lieb lächelt, der kann einfach nicht ernst genommen werden in seiner Wut. So kompetent Hochsensible sein können in der Interpretation der Gefühle anderer, so ratlos können sie aber auch ihren eigenen Gefühlen gegenüber sein, vielleicht weil sie gelernt haben, ihren Gefühlen nicht zu trauen oder sie zu unterdrücken.

Darum frage Dich einmal selbst, wie oft es vorkommt, dass Du Dir sagst „Ich bin wütend“. Die Erklärung für Deine Wut ist dabei erst einmal sekundär, wichtig ist, sich einzugestehen, dass man dieses Gefühl tatsächlich hat. Erst wenn Du soweit bist, kannst Du einen Schritt weitergehen und Dir sagen „Ich bin wütend, weil…“. Und wenn Du das geschafft hast, also eine Erklärung für Deine Wut zu finden, hast Du auch die Möglichkeit, etwas gegen die Ursachen Deiner Wut zu tun. Innerhalb eines vertrauten Personenkreises, kannst Du dann üben, Deine Wut auszudrücken. Dann wirst Du merken, wie gut Wut tut. Sie klärt Dinge, sie befreit und hilft anderen Menschen in Deiner Umgebung, Dich verstehen und respektieren zu können.

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