Streit, zwischenmenschliche Konflikte und Hochsensibilität

Viele Hochsensible haben ein großes Bedürfnis nach harmonischen Beziehungen in spannungsfreier Atmosphäre ohne Streit. Treten Krisen und zwischenmenschliche Konflikte auf, kann sie das sehr belasten, selbst wenn sie selbst nicht in den Streit involviert sind.

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Hochsensible Streitwahrnehmung

Ihre Reaktion auf einen Streit ist abhängig von einer ganzen Reihe von Faktoren, wie der Art der Beziehung zum Konfliktpartner, den persönlichen Erfahrungen und Kompetenzen, dem Selbstwertgefühl, der Wahrnehmungsintensität und gegenwärtigen Lebenssituation. Erinnerungen an frühere Erfahrungen ebenso wie Visionen von zukünftigen Folgen können auch in scheinbar unkomplizierten Krisen unverhältnismäßige Ausmaße und Streitgkeiten annehmen. Ihre sinnliche und emotionale Wahrnehmung sowie ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn geraten schon in der Anbahnungsphase von Konflikten in Alarmbereitschaft. Durch ihre besonders feine Wahrnehmung erkennen sie frühzeitig schon die kleinsten Stimmungsveränderungen, unterschwellige Konflikte und Unstimmigkeiten. Sie beginnen unmittelbar, Wortwahl, Mimik und Gestik der Konfliktpartner zu interpretieren und darauf zu reagieren.

Manche können sich vertrauensvoll mit Menschen auseinandersetzen, mit denen sie eine persönliche Beziehung pflegen, mit Fremden, deren Reaktion sie nicht einschätzen können, dagegen nicht. Bei anderen ist es genau umgekehrt, da speziell ein Streit mit Menschen, die ihnen am Herzen liegen, eine existentielle Bedrohung darstellt, Fremde dagegen ihr Gefühlsleben weniger beeinflussen können.

Eine entschiedene und zeitnahe Reaktion auf krisenhafte Situationen fällt Hochsensiblen aber häufig schwer. Sie sind überwältigt von subjektiven Eindrücken und der Vielzahl an Lösungsmöglichkeiten. So können sie persönliche Krisen wie eine Midlife-Crises und ausgesprochene oder unausgesprochene zwischenmenschliche Differenzen lähmen und handlungsunfähig machen. Andere werden aufgrund der Reizüberflutung kämpferisch.

Streit: Vermeidung oder Konfrontation 

Einige Hochsensible verwenden viel Energie darauf, Streitigkeiten, die eine offene Aussprache und Positionierung erfordern, zu vermeiden. Sie wollen sich und gegebenenfalls auch andere vor Verletzungen und Ärger schützen. Sie kooperieren aus Angst vor Disharmonien, verleugnen und verbiegen sich und verlieren dabei häufig den Respekt von anderen und für sich selbst. Da die Probleme oftmals aber nur temporär „unter den Teppich gekehrt werden“, schürt das ihre latenten Ängste und setzt sie enorm unter weiteren Vermeidungsdruck. Im schlimmsten Fall entwickeln sie eine Phobie vor sozialen Kontakten. Sie übernehmen jegliche Schuld für den Streit, damit der andere sich nicht schuldig oder verletzt fühlt. Streit ist der pure Stress für sie, ihnen fehlen buchstäblich die Worte, um sachlich zu diskutieren.

Andere suchen (pro)aktiv die Konfrontation, sprechen hartnäckig und frühzeitig mögliche Konflikte an, um einer Eskalation vorbeugen und eine komplette Konfliktfreiheit erwirken zu können. Für sie bedeutet die Wiederherstellung einer harmonischen Atmosphäre mehr, als eine durch Totschweigen erzeugte (Schein-) Harmonie. Das Ansprechen eines möglichen Konfliktes aufgrund einer Vorahnung oder eines Gefühls kann aber bei anderen, die bis dato noch kein Problem vermutet haben, Ablehnung hervorrufen. Im ungünstigsten Falle kann dann eine zuvor unkomplizierte Situation eine ungewollte Wendung nehmen.

„Sprechen Hochsensible an, was ihnen merkwürdig oder fragwürdig vorkommt, stoßen sie häufig auf Unverständnis und Ablehnung, weil das für sie Augenfällige für ihr nichtsensibles Gegenüber häufig noch unter der Wahrnehmungsschwelle bzw. allemal unter der Grenze liegt, wo etwas als Problem gesehen wird und der Thematisierung Wert erscheint.“, schreibt dazu Autorin und Coach Ulrike Hänsel.

Streitigkeiten in der Partnerschaft

In einer Partnerschaft entstehen konfliktreiche Situationen häufig dann, wenn der Partner unbewusst Verhaltensmuster oder alte Verletzungen spiegelt, die verdrängt oder noch nicht geklärt wurden. Das kann dazu führen, dass Hochsensible wie ein Kind reagieren und sich übermäßig wehren, weil sie den Partner plötzlich in einer Rolle wahrnehmen, die ihm nicht zusteht. Je nach persönlicher Erfahrung projizieren sie auf ihren Partner zum Beispiel ein Elternteil, das sie im Laufe ihres Lebens ignoriert, eingeengt, bevormundet oder verletzt hat.

Konstruktive Konfliktfähigkeit

Nicht jedes Problem lässt sich vermeiden, nicht jedes mögliche Szenario im Vorhinein lösen, nicht jeder Plan geht auf, so wie wir es uns wünschen. In unserer Lebensplanung müssen wir offen sein für Alternativen, Umwege und Rückschläge, zum Beispiel, wenn wir eine begehrte Arbeitsstelle nicht erhalten, die Kollegen unfreundlich sind oder eine Beziehung sich als Irrtum erweist. So verschieden die Menschen sind, so groß sind auch die Möglichkeiten, dass im Kontakt unterschiedliche Wahrnehmungen, Ziele, Meinungen und Interessen aufeinandertreffen und Differenzen entstehen.

Eine konstruktive und selbstbewusste streitkultur zu erlernen, ist für das (Zusammen-)Leben unabdingbar, stärkt das Selbstbewusstsein und vermeidet unnötige Ängste.

Kommunikationsstrategien zur Streitbewältigung

Jeder Mensch, unabhängig davon, ob er hoch- oder normalsensibel ist, hat eine eigene, ganz subjektive Sicht der Dinge. Selbst das Sofa, auf dem wir sitzen und das Kleidungsstück, das wir tragen, werden von jedem Menschen unterschiedlich wahrgenommen und mit verschiedenen Erfahrungen assoziiert. Daraus, dass es faktisch nichts Objektives gibt, kann der Mensch auch eine Entlastung erfahren. Setzen wir nur gedanklich einmal ein „ich empfinde das so“ anstelle des „das ist so“, nimmt man den Dingen schon ihren faktischen Absolutismus und kann parallele Möglichkeiten zulassen. Das lehrt uns Menschen auch, in der Kommunikation mehr bei uns selbst zu bleiben.

Grundlegende Regeln der Kommunikation, die Streitigkeiten und Konflikten einen Großteil ihres Schreckens nehmen und Lösungen wahrscheinlicher machen können:

  • Streitigkeiten und Konflikte beinhalten häufig eine Sach- und eine Beziehungsebene. Es ist wichtig zwischen beiden zu trennen und bei der aktuell erforderlichen zu bleiben. Kritisiert zum Beispiel ein Vorgesetzter Deine abgelieferte Arbeit, geht es nur um das Produkt und nicht um Dich als Person.
  • Auf der Beziehungsebene sollte ganz besonders darauf geachtet werden, dass respektvoll miteinander gesprochen wird.  Dazu gehört auch, dass Ich-Botschaften gesendet werden. Mit dem Finger auf den anderen zu zeigen und Sätze mit einem vorwurfsvollen „du bist/du hast“ zu beginnen, ist in den seltensten Fällen eine konstruktive Einleitung zu einem friedlichen Gespräch. Generalisierungen sind ebenso wenig förderlich. Kein Mensch, der einen (wiederholten) Fehler gemacht hat, mag es, wenn man ihm sagt, dass er es dauernd/immer so macht.
  • Umso wichtiger ist es – ganz im Sinne von Marshal B. Rosenberg – den Anlass der Verärgerung möglichst konkret zu beschreiben, das dadurch ausgelöste Gefühl und Bedürfnis auszusprechen und schließlich einen Wunsch an das Gegenüber zu formulieren: z.B. „Als ich gestern Abend von der Arbeit heimkam, stand das dreckige Geschirr in der Abwasch. Das hat mich geärgert, weil ich müde war, mich entspannen wollte, mich aber nur wohlfühlen kann, wenn die Wohnung sauber ist. Ich bitte dich, das Geschirr immer gleich abzuwaschen.“
  • Deine Gefühle sind ein Teil von Dir und entstehen aus Deinen positiven wie negativen Erfahrungen. Vielleicht sind es sogar Relikte Deiner kindlichen Vergangenheit und haben mit der gegenwärtigen Situation und Deinem Gegenüber womöglich überhaupt nichts zu tun. Es ist wichtig, sich vor Projektionen zu hüten, weil Du nur so die emotionale Kontrolle über die aktuelle Lage behalten, Verantwortung über Dein Tun übernehmen und alte Gefühle loslassen kannst.
  • Wann immer möglich solltest Du vermeiden, aus einem Konflikt eine Auseinandersetzung zu machen, aus der ein Gewinner hervorgehen muss. Das Ziel sollte sein, am Ende eine win-win-Situation zu erwirken, bei der die Interessen jedes Beteiligten berücksichtigt und ein offener und vertrauensvoll ehrlicher Austausch gewagt werden konnte. Da sich beide Konfliktparteien am Ende wahrgenommen fühlen, ist auch der Erfolg ein nachhaltiger und verbessert entscheidend den zukünftigen Umgang miteinander.
  • Viele Hochsensible besitzen die Kompetenz, die Anliegen und Bedürfnisse hinter einem strittigen Thema zu erkennen oder empathisch zu erfragen. Nutze diese Kompetenz sanft, aber ohne den anderen zu überfordern oder den anderen in eine Abwehrhaltung zu zwingen. Über seine Bedürfnisse zu sprechen, fällt nicht jedem leicht und kann für das aktuelle Streitthema auch mal nicht angemessen sein. Trotzdem verbirgt sich häufig hinter einer Äußerung eine ganz andere Aussage, so wie die sichtbare Spitze eines Eisberges nur einen winzigen Teil des Kolosses zeigt. Du nimmst einem Konflikt die Schärfe, wenn Du Dein Gegenüber bemächtigst, sein wahres Anliegen offenzulegen und Dich auch selbst dahingehend hinterfragst und entsprechend artikulierst.
  • Wenn Du das Gefühl hast, Gestik, Mimik oder Stimmlage stimmen nicht mit dem Gesagten überein, dann lass Dich nicht verunsichern, sondern versuche Dein gegenüber mit offenen Fragen zu spiegeln. Du kannst einerseits damit Deine Wahrnehmung zum Ausdruck bringen und dem anderen die Chance geben, sie zu revidieren oder zu bestätigen.
  • Damit es für Dich und den anderen auch atmosphärisch passt, sprich am besten Konflikte, die nicht akut sind, erst dann an, wenn der Zeitpunkt und die Situation dafür passend sind. Manchen fällt es leichter, über persönliche Dinge zu sprechen, wenn sie dem anderen dabei nicht direkt in die Augen schauen müssen. Ein Spaziergang beispielsweise kann für Konfliktgespräche ein gutes Podium bilden.
  • Zwischen Tür und Angel einen Konflikte anzusprechen ist selten förderlich und in einer harmonischen Situation (zum Beispiel im Urlaub) über ein schwelendes Problem zu sprechen, macht unter Umständen die Schönheit des Moments kaputt. In beiden Fällen ist es besser, sich zu einem Konfliktgespräch zu verabreden, also einen späteren Zeitpunkt dafür festzulegen. Auch der Ort muss mit Bedacht gewählt werden: So sollte das Schlafzimmer unbedingt eine konfliktfreie Zone bleiben.
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