Luzides Träumen – Träume selbst steuern

In der Regel entführen uns Träume in Parallelwelten, die stark emotional geprägt sind und die wir nicht bewusst steuern können. Es können sowohl angenehme Bilder und Gefühle dominieren, als auch im schlimmsten Fall Albträume, aus denen man schweißgebadet und verwirrt aufschreckt.

Seit einigen Jahren wird die Möglichkeit sogenannter „luzider Träume“, auch „Klarträume“ genannt, diskutiert. Dies sind Träume, in denen der Schlafende weiß, dass er träumt sowie weiß, wer sie „in Wirklichkeit“ als Person ist und wo sie sich in der Realität gerade befindet. Luzide träumende Menschen verfügen demnach über ein vollständiges autobiographisches Gedächtnis im Wach- als auch Nachtzustand. In den seltenen aber möglichen Fällen gelingt es ihnen sogar, die nächtlichen Phantasiegeschichten selbständig zu steuern. In Untersuchungen wurde deutlich, dass es in Klarträumen bis zu einem gewissen Punkt möglich ist, das eigene Traumgeschehen bewusst zu beeinflussen. Prinzipiell sind hier dem Schlafenden keine Grenzen gesetzt, da im Traum grundsätzlich alles möglich ist.

Die Erlebnisse einer Klarträumenden

„Träume ich das alles nur?“ ist die Frage, die sich manche Menschen während Ihres Traums stellen. Erkennt der Schlafende dann, dass das Erlebte nicht real ist, etwa weil die bizarren Geschehnisse keinen Sinn ergeben, so wandelt sich der Traum in einem luziden Traum. An der Universität Bonn wurde der Klartraum in einem Schlaflabor an einer Probandin getestet. „Als ich mich über das merkwürdige Gespräch mit einer Kommilitonin wunderte, die ich eigentlich gar nicht näher kenne, wusste ich, dass ich träumte.“ Sekunden später stand sie plötzlich in einem anderen Bild wie aus einem Familienalbum. Sie bewegte ihre Augen und merkte, dass sie im Bett lag und schlief. Die schöne Landschaft verschwand mit der Zeit, woraufhin die Klarträumende den Wunsch dachte, das Bild solle doch bleiben, woraufhin sich die ehemalige Szene wieder zusammensetzte. Daraufhin dachte sie sich, es sei schön durch diese Landschaft zu galoppieren, wodurch sie sich ein Pferd im Traum holte. Obwohl der Hals und der Kopf des Tieres recht unecht auf sie wirkten, hatte sie das Gefühl, das sie auf dem Pferd ritt, während sie gleichzeitig im Bett lag.

Die Zwischenräume des Bewusstseins im Klartraum ergründen

Nach Meinung des amerikanischen Neurobiologen Gerald Edelman vom Scripps Research Institute in San Diego, besitzt der Mensch im Traum ein primäres Bewusstsein, welches im erlaubt, sich im Raum zu orientieren oder einfache Verknüpfungen zwischen Sinnesreizen bilden zu können. Die sprachlichen Fähigkeiten sind jedoch ausgeschlossen. Erst im Wachzustand verfügt der Mensch durch das sekundäre Bewusstsein wieder über seine Sprache und abstraktes Denken. Beim luziden Träumen hat der Klarträumende die Möglichkeit, diese Zwischenzustände des Bewusstseins zu ergründen. Während des Klartraums reflektiert das schlafende Gehirn stetig über den eigenen Wachzustand. Somit schläft man und wacht man gleichzeitig.

Die Schwierigkeiten in der Forschung

Klartraumforscher stehen stets vor einem methodischen Problem, wenn sie luzide Träume auf ihre Existenz, Beginn und Dauer untersuchen wollen. Sie können nicht direkt einsehen, was im Traum des Probanden vor sich geht. Erst durch ihre Auskunft nach dem Erwachen lässt sie einschätzen, ob ein Klartraum vorlag oder nicht.

Versucht sich der Proband an die erlebten Bilder zu erinnern, kann es stets zu Verzerrungen kommen. Luzide Träume lassen sich schnell mit Halluzinationen verwechseln, die während des Aufwachens auftreten. Um solche Fehldeutungen auszuschließen und den Zeitpunkt des Klarträumens möglichst genau bestimmten zu können, üben Schlafforscher von der Universität Bonn mit ihren Probanden bestimmte Augenbewegungen ein. Sollte der Schlafende merken, dass er sich in einem Traum befindet, soll er beispielsweise seine Augen zweimal von rechts nach links rollen und diese Aktion im Verlauf des luziden Traums in mehrfachen Abständen nacheinander wiederholen. Dadurch, dass die Augenbewegungen während des REM-Schlafs („Rapid Eye Movement“), das heißt Tiefschlafphase unsystematisch auftreten, sind die Signale mit dem rollenden Auge gut zu unterscheiden.

Die Grenzen des Klarträumens

Obwohl in der Welt der Träume alles möglich ist, lassen sich die Klarträume nicht nach Belieben erzeugen oder aufrechterhalten. Sie erweisen sich oftmals als störanfällig und treten, anders als gewollt, insgesamt eher selten auf. Nach Erfahrungen der Schlafforscher von der Universität in Bonn haben selbst junge und geübte Erwachsene maximal ein- bis zweimal pro Woche einen Klartraum. Folglich müssen Schlafforscher die Probanden rund eine Woche im Labor untersuchen, bis im glücklichen Fall ein luzider Traum entsteht. An dieser Stelle kann man sich die Fragen stellen: Träumen manche Menschen häufiger luzide Träume als andere? Diese Frage wurde von Schlafforschern 2004 am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim untersucht. Es wurden 400 Probanden ausführlich zu ihrem Traumerleben befragt und gleichzeitig ihre Persönlichkeitsmaße notiert. Das Ergebnis ergab, dass 82 % der Teilnehmer mindestens einmal einen Klartraum erlebt hatten. Rund ein Drittel machte diese Erfahrung sogar regelmäßig mindestens einmal im Monat. Im Hinblick auf die analysierten Persönlichkeitsmaße konnten die Schlafforscher jedoch keinen konkreten Zusammenhang zwischen Charakterzügen und der Anzahl an luziden Träumen feststellen. Lediglich Teilnehmer mit besonders ausgeprägter Offenheit für neue Erfahrungen, welches als eine der fünf großen Persönlichkeitsdimensionen gilt, sowie mit häufig auftretenden Albträumen sind im Schnitt aufnahmefähiger gegenüber Klarträumen.

Luzide Phantasien auf neurobiologischer Ebene analysieren

Mit den heutigen Möglichkeiten der Hirnforschung lassen sich jene Hirngebiete eingrenzen, die beim Klarträumen bewusst und vermehrt aktiviert werden. Mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) können Schlafforscher neuronale Aktivitäten von Schläfern über feine Elektroden messen, die auf der Kopfhaut des Probanden angeklebt werden. Während des Klarträumens treten in den Hirnstrommustern vermehrt die Beta- und Gammawellen auf, die als Frequenzen charakteristisch für den Wachzustand sind.
Im Jahre 2006 fand ein Forschungsteam an der Universität Wien heraus, dass die Gehirnströme ihrer Probanden, die mehrfach luziden Träume vorweisen, in den entsprechenden Schlafphasen vermehrt Frequenzen im Bereich von 13 bis 19 Hertz zeigten. Diese Schwingungen zählen zum sogenannten Beta-Frequenzband und treten sowohl im Wachzustand als auch im tiefen REM-Schlaf auf.

Was für ein persönliches Nutzen bringt der Klartraum?

Das luzide Träumen ist alles andere als eine einfache Spielerei. Verfügt man über die Fähigkeit, seine Träume gezielt steuern zu können, hat man direkten Zugriff auf das eigene Unterbewusstsein. Um dieses bewusst im Schlaf lenken zu können, raten Schlafforscher zu einer einfachen Methode. Mehrmals am Tag sollte man sich die Frage „Träume ich das alles gerade nur?“ stellen. Damit wird das Bewusstsein dazu angeregt, die eigene Realität in Frage zu stellen. Wiederholt man diese Aktion mehrmals am Tag und über Wochen hinweg stellt sich eine Routine ein, wodurch die eigene Realitätsfassade zu bröckeln beginnt. Diese Fragestellung wird auch in die REM-Schlafphase übergehen. Stellt sich der Schlafende im Traum die Frage „Träume ich das alles nur?“ und erkennt, dass das Erlebte nicht real ist, kann er seine eigene Traumwelt nach Belieben lenken. „Besonders geübte und erfahrene luzide Träumer nutzen diese antrainierte Fähigkeit, sogar zum Erlernen von Musikinstrumenten oder Sportarten. Es gibt bereits zahlreiche seriöse Untersuchungen über die Möglichkeit, den Traum zur Verbesserung verschiedener Fähigkeiten einzusetzen. Durch die Tatsache, dass der Mensch rund ein Drittel seines ganzen Lebens verschläft, können Klarträume eine neue und interessante Variante sein, die ungenutzte Lebenszeit sinnvoller und effektiver zu nutzen.

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