Traumdeutung: Weinen

Dass Weinen zu einem Spannungsabbau führen kann, erklärt zwar dessen zuweilen wohltuende Wirkung, klärt aber nicht die Frage, warum wir im Traum weinen. Tränen können uns vor Rührung, aus Traurigkeit, vor Freude überwältigen. Auch Schuldgefühle oder Dankbarkeit können sich im Weinen einen Weg bahnen. 

Tränen in der Traumdeutung sind also weder positiv noch negativ zu bewerten, sie stehen zunächst einmal für ein starkes Gefühl, für ein Ereignis, das uns besonders berührt. Entsprechend kann das nächtliche Weinen nur im Kontext des gesamten Traumgeschehens gedeutet werden. Betrachtet der Träumende diesen, kommt es häufig zu Überraschungen. Er oder sie war sich bis dahin vielleicht des Umstandes gar nicht bewusst, dass ihn ein bestimmtes Ereignis oder der Wandel im Verhältnis zu einer Person emotional so stark berührt. 

Taucht dieses Ereignis dann im Traum auf, so liegt darin ein Hinweis, dass es an der Zeit ist, sich damit zu befassen. Der Träumende ist nun in der Lage dazu, da er über die entsprechende emotionale Stabilität verfügt. In der Aufarbeitung kann es dann hilfreich sein, zu wissen, ob das Weinen „nur geträumt“ wurde oder ob wirklich Tränen flossen. Echte Tränen fließen häufig dann, wenn der zugrunde liegende Konflikt einem traumatischen Erlebnis gleicht und/oder der Träumende es sich normalerweise verweigert, zu weinen. Statt alles fließen zu lassen, kommt er dann innerlich ins Stocken.

Weinen im Traum: Ein Beispiel

Im Traum geht Kai in einem wunderbaren Park spazieren. Doch seine gute Stimmung wandelt sich, als er in der Ferne seine frühere Freundin entdeckt, die sich von ihm getrennt hat. Sie dreht sich zu ihm um, winkt ihm einmal zu und geht dann weiter. Als sie aus seiner Sicht entschwunden ist, beginnt Kai zu schluchzen, bis er schließlich hemmungslos weint. Am nächsten Morgen weiß er nicht mehr, ob er die Tränen nur geträumt oder ob er wirklich geweint hat. Doch erstaunt nimmt er wahr, dass es ihm so gut geht wie schon lange nicht mehr.

Wenn alle Dämme brechen, gelingt der Durchbruch!

Kais Traum liegt eine offensichtliche Bedeutung zugrunde. Er hat den Schmerz über den Verlust seiner Ex-Freundin bisher nicht wirklich verarbeitet. Dass seine Trauer erst in dem Moment in ein Weinen übergeht, da sie außer Sichtweite ist, kann zwei Ursachen haben:

Zum einen kann für Kai darin der Hinweis liegen, dass er seine Gefühle in der Beziehung zu ihr nicht zum Ausdruck gebracht hat. Zum anderen deutet es darauf hin, dass er sich dem Trennungsschmerz nicht wirklich gestellt hat und diesen bis zum Traumerleben unter Verschluss hielt. 

Nun aber sind alle Dämme gebrochen. Er sieht seine Freundin aus der Distanz und unter günstigen Umständen – die Zeit hat seine Wunden nicht geheilt, aber sie ermöglicht es ihm, sich damit zu befassen. Und im selben Moment, da er den Schmerz fühlen darf, kann er auch erleben, dass er sich längst weiterentwickelt hat: Er erwacht mit einem positiven Gefühl. Die Tränen galten einem Ereignis der Vergangenheit, mit dem er nun abschließen kann.

Erwachen aus dem Unbewussten: Ihre individuelle Deutung

Tränen müssen im Traum also nicht für Trauer stehen, sie deuten allgemein auf eine stark emotional besetzte Situation, mit der sich der Träumende auseinandersetzen sollte. Am Anfang steht dabei die Frage, ob der Träumende derartige Emotionen im Alltag überhaupt zulassen kann. Ist es für Sie selbstverständlich, weinen zu können und zu dürfen oder unterdrücken Sie derartige Gefühlsausbrüche? 

Um der individuellen Deutung Ihres Traumes näherzukommen, können Sie sich fragen, welche Personen oder Ereignisse darin auftauchen.

• Welche Emotionen sind mit dem Weinen verbunden? Um welche Art des Weinens handelt es sich?
• Liegt dem Weinen eine Erinnerung an etwas Vergangenes oder eine Angst vor etwas Zukünftigem zugrunde?
• Mit welchem Gefühl sind Sie aus dem Traum erwacht?

Gerade das Erwachen spielt bei Träumen, in denen wir starke Emotionen erleben, eine große Rolle. Sollte beispielsweise ein im Traum erlebter Schmerz oder Verlust im Wach-Erleben anhalten und sich in realem Weinen äußern, nehmen Sie dies sehr ernst. Versuchen Sie, gemeinsam mit anderen dem Grund zu finden – falls Ihnen dieser nicht bewusst ist. Fühlen Sie sich dagegen beim Erwachen erleichtert, so können Sie dies als Hinweis nehmen, dass Sie sich in der Situation, die Ihnen der Traum vor Augen führte, zurechtfinden werden. Falls Sie es gewohnt sind, Ihre Gefühlsregungen nach außen zu verbergen, so sehen Sie darin aber auch die Aufforderung, sich mit den positiven Seiten des Weinens und anderer Gefühlsausbrüche zu befassen. Die Welt bricht nicht zusammen, wenn Sie anderen Ihre Gefühle zeigen – sei es im Weinen oder im Lachen. Nur Sie könnten eines Tages unter der Last nicht gelebter und nicht mitgeteilter Gefühle zusammenbrechen – ein Grund mehr für Ihr Unbewusstes, rechtzeitig im Traumerleben für eine Entlastung zu sorgen!

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