Was verbinden Sie mit den Zähnen eines Menschen? Schönheit, Gesundheit, Vitalität? Dabei zeigen gerade unsere Zähne am deutlichsten den immerwährenden Wandel, in dem wir uns befinden. Mit dem ersten Milchzahn wird aus dem Säugling ein Kleinkind, das die Welt erkunden möchte. Kaum sind die Milchzähne vollzählig, beginnen sie schon wieder auszufallen. Die ersten Zahnlücken deuten auf das Reifen der Verstandeskräfte. Der Verlust des ersten Zahnes kommt manchem Erwachsenen wie ein schmerzlicher Abschied vor. Die eigene Vergänglichkeit wird uns bewusst. Das Alter schließlich verbinden wir mit Verfall – auch und vor allem der Zähne. So spiegelt sich der Wandel der Zähne auch in der Traumdeutung wider.
Lisa träumt von ihrer mündlichen Abschlussprüfung an der Universität. Mit den Professoren sitzt sie auf einem Podium. Der Saal, in dem sie sich befinden, ist bis auf den letzten Platz besetzt. Sie spürt die Blicke der anwesenden Studierenden. Merkwürdig, denkt sie, es sind nur Männer anwesend. Als sie den Mund öffnen will, spürt sie, dass etwas nicht in Ordnung ist. Alle Zähne haben sich gelöst, sie schmeckt Blut und muss sich Mühe geben, die Zähne nicht zu verschlucken. Sie bringt kein einziges Wort heraus.
Lisas Traum zeigt das ganze Spektrum der Deutungsmöglichkeiten von Zahnverlust im Traum auf. Zähne stehen im gesunden Zustand für Energie und Lebenskraft, für Sexualität und Reichtum, für Durchsetzungskraft. Sind sie krank oder fallen sie aus, so deutet das zunächst auf Krankheit, Alter oder Tod, auf Verlustängste, verdrängte sexuelle Wünsche oder auch einen Mangel an Lebensenergie. Lisa befindet sich in einer Situation, die sie stark verunsichert. Sie fürchtet, die Kontrolle zu verlieren, nicht sprechen zu können, sich nicht zu behaupten. Ihre Angst wird dadurch verstärkt, dass sie angestarrt wird. Die sexuelle Dimension zeigt sich darin, dass ausschließlich Männer anwesend sind. Und tatsächlich wird ihre größte Sorge wahr: Sie kann nicht mehr sprechen, verliert die Kontrolle. Statt die Zähne zu zeigen und sich durchzubeißen, muss sie sich schutzlos ausgeliefert erfahren.
Auf den zweiten Blick eröffnet Lisas Traum daher tiefere Interpretationsmöglichkeiten. Lisa befindet sich an einem Übergang. Nach der Prüfung wird sie die Universität verlassen. Sie weiß noch nicht, was sie erwartet. Deutlich wird hier das vollständige Erwachsenwerden mit dem Frau-Werden in einer Symbolik vereint. In beide Rollen ist Lisa noch nicht ganz hineingewachsen. Der Traum kann als Angsttraum verstanden werden, aber auch als Aufruf, sich mit dieser Situation bewusst zu befassen. Möglicherweise spielen auch unbewusste Erinnerungen eine Rolle. Der Umstand, dass sie in einer für sie unangenehmen Situation angestarrt wird, deutet zudem darauf, dass ein Konflikt zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung vorliegt – ebenfalls ein typischer Auslöser für Träume von ausfallenden Zähnen.
Möchten Sie, werter Leser/werte Leserin, herausfinden, was Ihr eigener Traum vom Zahnverlust zu bedeuten hat, so können Sie sich folgende Fragen stellen:
Sexualität und Aggressivität werden ebenfalls symbolisch mit den Zähnen assoziiert. Das Raubtier reißt seine Beute und hält es zwischen den Zähnen. Verliert es die Zähne, muss es sich anderen unterwerfen. Im Hinblick auf die Sexualität kann der Zahnverlust einerseits auf verdrängte Wünsche und Sehnsüchte deuten. Andererseits aber auch auf einen übertriebenen Ausdruck von Sexualität. Der Zahnverlust konfrontiert die betreffende Person dann mit der Frage, was bleibt, wenn der Trieb einmal schwächer wird.
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass es hier um einen Verlust geht, den jeder von uns einmal mehr oder weniger schmerzhaft erfährt. Wird dieser Verlust im Traum negativ visualisiert, so deutet dies darauf, dass der/die Träumende bestimmte Unausweichlichkeiten nicht akzeptieren oder nicht wahrhaben will. So kann sich beispielsweise auch ein Treuebruch durch eine geliebte Person im Zahnverlust spiegeln oder es können sich Krankheit und Tod andeuten. Die letztgültige Interpretation kann in der Regel nur der/die Träumende selbst vornehmen. Denn niemand kennt sich selbst so gut wie er oder sie. Die Traumdeutung gibt hier eine Richtung vor, was davon zutrifft, ergibt sich erst aus einer individuellen Deutung.